Kultur

Verkehrsader Spree

Verkehrsader Spree

Für den West-Berliner Freizeitskipper Günther P. ist es beinahe so, „als hätte man eine neue Mauer gebaut“. Früher schipperte er regelmäßig durch Charlottenburg. Seit April 2012 ist die innerstädtische Spree jedoch für Sportboote gesperrt, um den überlaufenen Schiffsverkehr zu regulieren. Dabei müsste eigentlich mehr Platz sein, denn die Binnenschifffahrt ist seit den Neunzigern tendenziell rückläufig, ihr Anteil am Güterverkehr liegt insgesamt nur noch bei 10 Prozent.
Letzteres sei vor allem darauf zurückzuführen, dass auch inzwischen Lkws sogenanntes „Massengut“ wie Kohle, Sand und Kies transportierten, meint Peter Stäblein, Geschäftsführer der BEHALA. „Wenn zudem viel Kohle wegfällt, weil Vattenfall, der größte Nutzer der Berliner Binnenschifffahrt, auf Gas umstellt, sinkt auch die Menge der transportierten Güter“, sagt Stäblein.
Im Moabiter Westhafen werden jährlich etwa 700?000 Tonnen an Transportvolumen umgeschlagen. Davon werden 500?000 Tonnen – häufig aus dem Berliner Umland eingeführte Waren wie Kies, Kohle und Zuschlagstoffe für die Bauindustrie – im Hafen gelöscht. Die übrigen 200?000 Tonnen verlassen den Westhafen wieder. Insgesamt werden in Berlin jährlich nur noch circa 2,5 bis 3 Millionen Tonnen Güterverkehr über die Binnenschifffahrt abgewickelt.
Dass Günther P. ohne Funkanlage trotzdem nicht mehr auf seinen alten Wegen schippern darf, liegt laut Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin an diversen Großbauplätzen, die eine Funkabsprache mit den täglich die Spree frequentierenden Frachtern und Passagierschiffen unumgänglich machen. Schuld am weitgehenden Verbot der Privatnutzung großer Spreeareale sind also diverse Baustellen.
Abgesehen von Bauprojekten, Dampfertourismus und Binnenschifffahrt wird der Spreeabschnitt zwischen Charlottenburg und Mitte auch immer noch von Kraftwerken beansprucht. Das Wasserwerk Jungfernheide ist zwar seit geraumer Zeit stillgelegt; das Kraftwerk Charlottenburg und vor allem das Kraftwerk Reuter West aber nutzen das aufbereitete Flusswasser für die Dampferzeugung und den Transport von Fernwärme. Für Kühl-und Betriebszwecke benötigt das Kraftwerk Reuter jährlich 9,5, Millionen Kubikmeter Spreewasser.
Der Hauptstadtfluss wird also von den verschiedensten Akteuren in Beschlag genommen. Auch Günther P. möchte die Route Richtung Osten wieder nutzen – und wird, so sagt er, demnächst wohl eine Funkausbildung machen.

Text: Christoph David Piorkowski

Foto: Stefan Melchior

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