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Verliebt in Berlin: Christine und Phillip

Verliebt in Berlin: Christine und Phillip

Sie spielen in einer Band. Viele halten sie schon für ein Paar. Doch Christine und Phillip müssen sich erst noch finden
E nde Oktober 2010 ist ihre Band zum ersten Mal auf Tour. Erste Konzerte in Berlin. Christine und Phillip schlafen im Schräg­haus, wo die Wiener Straße auf die Skalitzer trifft. Ihr Stockwerk ist auf Höhe der U1, die hier ober­irdisch fährt. Beide sind schwer beeindruckt. So ist also Berlin.
Phillips Humor hat was Naives, findet sie. Aber auch Christine kann in Pfälzer Dialekt verfallen und sich auf dem Boden rum­rollen. Sie schöpfen Kraft aus der Ruhe, ob­zwar ihre Natur der Klang ist. Jazz haben sie beide studiert, Christine Gesang, Phillip Gitarre.
Sechs­einhalb Jahre kennen sie sich. Oft dachten Leute, dass sie ein Paar seien, bevor sie es waren. In der Hochschul-Combo haben sie gespielt, Christine beschließt, mit drei Jungs daraus eine Band zu gründen. Nach der Vorlesung quatscht sie Phillip im Treppen­haus an. Auch ihm ist diese besondere Sängerin schon aufgefallen.
In den Nächten hören sie rot­wein­trunken Platten: Jazz und Thom Yorkes „The Eraser“: „You know the answer, so why do you ask?“ Kochen. Und immer wieder Konzerte.
Als Phillips Beziehung zu Ende ging, spricht er mit ihr darüber wie mit einem besten Freund. Dann kommt Christine gründlich derangiert zu ihm. Auch sie habe sich getrennt. Beide wissen nicht: Was sagen? Die Nacht über sitzen sie im Sessel, bis Phillip am Morgen mit Band-Buddy Martin in den Urlaub aufbricht. Selbst auferlegte Funkstille folgt.
Eine Woche nach seiner Rückkehr sind sie insgeheim schon zusammen, ohne dass es jemand merken „durfte“. Manchmal findet Christine es einfacher, in der Musik zu leben, was sie sonst nicht so leicht­hin auf die Reihe bekommt: Souveränität aufzugeben, auch mal klein sein. Der Song „Nude“, den sie schreibt, steht dafür. Hope nennt die Band sich jetzt. Indie, Post-Rock, Ambient-Electronic. Das erste Konzert: gleich auf dem Fusion-Festival 2014. Was sie vorher, unter anderem Namen, machten, fühlt sich heute für sie auf­gesetzt cool, über­komplex und falsch an. Sie sind eben gefährlich: die Bilder, wie man zu sein hat.
Das ist auch manchmal Grund für Phillip und Christine, sich in die Haare zu kommen. „Du sollst doch wissen: Wenn ich müde nach Hause komme, soll alles so und so sein.“ Aber sie lernen, und wollen das auch, das Wesen des anderen so sein zu lassen, wie er gerade drauf ist. Phillip will nicht immer der lustige Phillip sein, den alle charming finden. Er ist der Liebling der Damen ab 40. Das hat ihnen oft geholfen, als sie noch jazzten. Jetzt machen sie aber ja Pop.
Christine ist fast jeden Morgen auf dem Tempelhofer Feld. Jedes zweite oder dritte Mal läuft Phillip mit. Zu Hause spielt er leise auf dem Sofa. Sie finden es gut, auch mal halbe Tage ohne­einander auskommen zu können.
Jetzt sind sie fünf Jahre zusammen, planen einen Wochen­end-Trip in die Märkische Schweiz. Sie wandern so gerne zusammen. Meistens ist Christine vorne. Phillip liebt das Glitzern in ihren Augen, sagt er, das müsse ja eigentlich jeder so lieben. Nach einem Moment: ganz so sehr doch nicht jeder.
Wenn Christine über Phillip redet, sagt sie „der Phillip“. Und Phillip sagt „die Christine“. Wäre es nicht ihrem süd­lichen Zungenschlag geschuldet, man könnte sich denken, sie täten es trotzdem. Denn Phillip ist ihr eben nicht irgend­ein Phillip, sondern der Phillip. Und Christine ist ihm die Christine überhaupt.    

Mehr Liebesgeschichten finden Sie im aktuellen tip Berlin, Heft 22/2015

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Carolin Saage

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