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Was macht die Kunst? Das Projekt „visitmytent“ blickt in Studios

Dem fertigen Kunstwerk sieht man nur selten an, wo es herkommt und wie es entstanden ist. Die Fotografin und Interaction-Designerin Stephanie Neumann interessiert aber ohnehin das Unfertige. Sie porträtiert mit ihrem Langzeitprojekt „visitmytent“ Künstler*innen dort, wo Leben stattfindet und sich mit Arbeit vermischt: im Studio.

Blick ins Studio: „visitmytent“ zeigt, wo Künstler*innen arbeiten. Im Bild: das Atelier von Michelle Jezierski. Foto: Stephanie Neumann

Er habe kürzlich geträumt, auf seinem Grabstein stünde „Der Staubsauger ist selber staubig“, so der Autor und Künstler Holm Friebe. Auf die Frage, wie er dereinst begraben werden wolle, antwortet er dann: Er sei optimistisch, dass bis zu seinem Tod die gesetzlichen Rahmenbedingungen einfach so weit gelockert seien, dass man den Körper an Verwandte verfüttern oder einfach wegwerfen könne.

Was bedeutet das Studio? „visitmytent“ hat hunderte Antworten

Die Antwort ist Teil eines Interviewkatalogs, den die Fotografin Stephanie Neumann mit ihm gemeinsam ersonnen hat – „eigentlich innerhalb von ein paar Minuten“, sagt sie, „anfänglich beim Besuch befreundeter Künstler*innen“.

Daraus ist ein großes Projekt erwachsen. Seit 2017 haben mehr als 150 Künstler*innen in Berlin Antworten vorgelegt. Das Set erinnert ein wenig an den berühmten Marcel-Proust-Fragebogen, fürs 21. Jahrhundert aktualisiert. Die Künstler*innen geben Antworten auf Fragen wie

  • was sie tun (in einem Satz)
  • warum sie sich keinen regulären Job gesucht haben
  • welche Künstler*innen auf ihrer Watchlist stehen
  • wie sie begraben werden wollen beziehungsweise was auf dem Grabstein geschrieben stehen soll
  • oder, ganz am Anfang und am wichtigsten, was das Studio für sie bedeutet.
Raum zum Denken und zum Experimentieren: Zora Kreuzers Studio bei "visitmytent". Foto: Stephanie Neumann
Raum zum Denken und zum Experimentieren: Zora Kreuzers Studio bei „visitmytent“. Foto: Stephanie Neumann

Mit der Frage nach dem Studio gehen die Kurzinterviews dann auch gleich in die unterschiedlichsten Richtungen: „Fluchtpunkt“ antwortet die krawallige Rockband Rong Kong Koma, „Tempel“ der für leise Töne bekannte Songwriter Max Prosa. Für Rajkamal Kahlon, die sich künstlerisch mit dem Erbe des Kolonialismus auseinandersetzt, ist das Studio ein „Ort der totalen Freiheit“. Und für den Schmuckeremiten Friedrich Liechtenstein ist es das Hirn in seinem Kopf und Bauch und eine Wolke, die vor ihm schwebt.

Beeindruckende Fotos von Leben und Schaffensprozess

So verschieden, wie die Antworten ausfallen, so unterschiedlich sind dann auch die Arbeits- und Lebensorte der Künstler*innen Berlins. „visitmytent“ ist nicht nur Frage-Antwort-Spiel, sondern das Porträt eines Lebens. Stephanie Neumann ist mit der Kamera wahlweise ins Ichgehäuse, Cockpit oder auch einfach nur die Küche vorgedrungen. Und hat Fotos von der Kunst am Ort ihres Entstehens gemacht. Der Ort, an dem die Künstler*innen ihre Zelte aufgeschlagen haben.

"I’m living my dream", sagt "Katermukke"-Gründer Dirty Doering beim Hausbesuch. Foto: Stephanie Neumann
„I’m living my dream“, sagt „Katermukke“-Gründer Dirty Doering beim Hausbesuch. Foto: Stephanie Neumann

Sichtbar wird beim Projekt „visitmytent“ nicht nur der Schaffensprozess, in den man sonst nur selten Einblicke gewinnt. Schließlich sieht man dem geschriebenen Buch oder dem Gemälde in der Galerie die Stunden am Schreibtisch oder die Tage im Atelier nicht an. „visitmytent“ hat auch das Ziel, eine Ethnographie künstlerischen Lebens zu erstellen. „Ich sehe es als eine Art zeithistorisches Dokument an“, so Neumann über ihre künstlerische Feldforschung. Es ist ein Mikrokosmos, in dem man leicht verloren gehen kann.

Jeewi Lee, geboren in Seoul, antwortet auf "visitmytent", dass sie das Unsichtbare sichtbar machen will. Foto: Stephanie Neumann
Jeewi Lee, geboren in Seoul, antwortet auf „visitmytent“, dass sie das Unsichtbare sichtbar machen will. Foto: Stephanie Neumann

Dass der Ort des Arbeitens ein Spiegelbild der Künstler*innen ist, zeigt sich natürlich auf den Bildern aus dem Studio. Manche Arbeitsplätze sind grell und unaufgeräumt, manche schlicht und asketisch. Aber man sieht auch, wie prekär die Arbeit sein kann. Weil sie nicht genug Geld abwirft für das glamouröse Studio, stattdessen auf zerschrammten Dielen gearbeitet wird. Oder weil der persönliche Besitz in ein paar Taschen passt und Künstler*innen aus dem Koffer leben. Dann wird das Studio erst recht zum „Headspace“, unterwegs von einer Zwischenmiete zur nächsten.

„visitmyorbit“ zeigt die Netzwerke Berliner Künstler*innen

Und wo schlagen sie nun ihre Zelte auf? Wohin zieht es die Künstler*innen Berlins? Zum Blick ins Studio auf „visitmytent“ gehört auch „visitmyorbit“: ein Zusatz-Projekt, das die Linien zwischen den Künstler*innen nachzeichnet und somit ihre Verknüpfungen sichtbar macht. „Ich wollte neben den Fotostrecken noch eine Komplexitätsstufe raufsetzen“, so Neumann.

Das Projekt "visitmyorbit" zeigt schon auf den ersten Blick, wo sich Kreativität in Berlin konzentriert. Bild: visitmyorbit
Das Projekt „visitmyorbit“ zeigt schon auf den ersten Blick, wo sich Kreativität in Berlin konzentriert. Bild: visitmyorbit

Konzipiert und umgesetzt hat Stephanie Neumann „visitmyorbit“ mit Alsino Skowronnek. Dessen Kunst ist es (laut Fragebogen), Farbe auf Wände und Bildschirme zu bringen. Er ist hauptberuflich Interface-Designer, für die Darstellung großer Datenmengen und komplexer Zusammenhänge findet er die richtige Form. Den zerstörerischen Einfluss von Airbnb auf Berlins Mietmarkt hat er in einem Projekt visualisiert. „taz“-Recherchen über rechtsextreme Netzwerke der AfD hat er grafisch aufbereitet. Und derzeit lässt er Computer für sich arbeiten: Mittels machine learning lässt Alsino Skowronnek Bilder entstehen, die auf altem Graffiti-Material beruhen.

Das Künstlerduo 44Flavours und die Anknüpfungspunkte in Berlin. Foto: visitmyorbit
Das Künstlerduo 44Flavours und die Anknüpfungspunkte in Berlin. Foto: visitmyorbit

Stephanie Neumann und er haben für Berlin eine regelrechte Schatzkarte angefertigt: die Standorte von Studios, Ateliers und Schreibtischen innerhalb der Stadt. „Wir haben ein gutes Jahr gemeinsam daran gearbeitet, Daten zu sammeln, zu programmieren und die verschiedenen Netzwerke der überwiegend Berliner Künstler*innen abzubilden“, erklären die beiden Initiator*innen.

Das Netzwerk der Kunst in Berlin

„Mit der Kunst in Berlin ist es ein bisschen wie beim U-Bahn-Fahren: Man kennt, was oben an der eigenen Station ist. Aber nicht den ganzen Plan“, sagt Neumann. Diesen Plan liefert „visitmyorbit“. In der Stadt verteilt liegen kleine Punkte, sortiert nach Kunstrichtungen. Klickt man sie an, erscheint das Profil der jeweiligen Künstler*innen mit einem Satz zu ihrer Motivation. Man gelangt von dort zu den „visitmytent“-Einträgen, zurück ins Studio.

Zum Beispiel ins Studio von Max Prosa, der sich für "visitmytent" barfuß am Klavier zeigt. Foto: Stephanie Neumann
Zum Beispiel ins Studio von Max Prosa, der sich für „visitmytent“ barfuß am Klavier zeigt. Foto: Stephanie Neumann

Oder wechselt die Ansicht. Dann erscheinen Verbindungslinien. Ein Netzwerk, in dem erkennbar ist, wer zu wem gehört. Wer wen inspiriert. Und wer gemeinsam arbeitet.

Verdrängung sichtbar machen

Rund 150 Punkte finden sich bisher auf der „visitmyorbit“-Karte, die dem künstlerischen Berlin Gestalt gibt. Man erkennt, wo sich die Kreativität konzentriert: innerhalb des S-Bahn-Rings, in Neukölln, Mitte, Kreuzberg, Prenzlauer Berg. Und man sieht die Außenposten: Das Studio in der Platte, die Wohnung am Wasser.

Das ist natürlich mehr als eine Spielerei und schon jetzt aufschlussreich. Aber: „Es ist langfristig angelegt“, erklärt Neumann. „Wir möchten auch Wanderungsbewegungen sichtbar machen. Verdrängung in der Stadt zeigen.“ Und natürlich deutlich machen, wer wo die Zelte aufschlägt. Wo auch immer das ist, was auch immer das ist: Labor, Spielplatz, Hafen oder einfach das Zuhause.

  • Das Projekt „visitmytent“ findet ihr hier, die Netzwerke von „visitmyorbit“ sind hier zu sehen.

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