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Klassiker-Bearbeitung

„Volksverräter!!“ an der Volksbühne

­Leerlaufendes Hau-drauf-Kabarett: Hermann Schmidt-Rahmers holt mit „Volksverräter!!“ Ibsen in die Gegenwart

©by Karl-Bernd Karwasz , [email protected]

Das hätte ein interessantes Gedankenexperiment werden können. Hermann Schmidt-Rahmers vom Schauspiel Bochum an die Volksbühne übernommene „Volksverräter!!“-Inszenierung, eine auf die Konflikt- und Hysterie-Lage in AfD-Deutschland adaptierte Variation von Ibsens Stück „Der Volksfeind“, beginnt mit einem Versprechen. Dieser Abend soll der Versuch sein, Theater zu machen, wie die AfD es sich wünscht. Die neue Rechte entdeckt Kultur zunehmend als Kampffeld und attackiert gerne unliebsame Kultureinrichtungen. Da kann es nicht schaden, schon mal einen Blick auf das zu werfen, was sich rechte Ideologen mutmaßlich unter echter deutscher Bühnenkunst vorstellen. Ganz in diesem Sinne dürfen wir in der ersten Szene des Abends in einem großartig hölzern servierten Bauerntheater einem Abendessen in Sachsen-Anhalt beim Ideologielieferanten, Kleinverleger und selbsternannten „Rechtsintellektuellen“ Kubitschek beiwohnen. Die übertrieben deutliche Sprechweise, die dröhnenden Phrasen, die entschlossen anti-eleganten Kleinbürger-vom-Lande-Kostüme, die schlechten Merkel-Witze („unsere Volkszertreterin“) – es ist eine Zumutung, gruselig, es ist ein großartiger Besuch in der Geisterbahn.

Leider schlägt dann die Ironie-Keule zu, wir sehen den Gegenpol der neuen, munter aggressiven Rechten, die alt und saturiert gewordene Linke. Vor edlen Designermöbeln geben in weißem Kostüm die Bürgermeisterin (Veronika Nicki) und im beigen Leinenanzug samt weißem Marx-Vollbart ihr Gatte (Jürgen Hartmann) ihre Verunsicherung wie das Vollgefühl der eigenen moralischen Überlegenheit zum besten – Schießbudenfiguren der liberalen Arroganz. Der Gatte, ein schwadronierender Professor für irgendwas geisteswissenschaftliches, vermutlich ein Psychoanalytiker, und auf jeden Fall ein „Zeit“-Leser, also der Inbegriff der Selbstgefälligkeit, hat vor nichts mehr Angst als davor, nicht mehr als links zu gelten. Probleme haben die Leute!

Mit diesen klischeefreudig ausgestanzten Milieus und dem entsprechend plakativ gezeichneten Personal ist die Grundlage für eine aufgekratzt leerlaufende Inszenierung gelegt, die die üblichen Verwirrten wie den vom Katzenkrimi-Schnulzen-Bestseller-Autor zum freidrehenden Hasspropheten mutierten Akik Ripincci (Elwin Chalabianlou) zwecks Knalleffektsteigerung aufmarschieren lässt.
Der lose an Figurenkonstellation und Plot des Ibsen-Stücks angelehnte Versuch einer Gegenwartsdiagnose mit Mitteln des Hau-drauf-Kabaretts erschöpft sich in der reichlich ungenauen, vermutlich irgendwie selbstkritisch gemeinten These, die Liberalen und Restlinken seien erstens allesamt leicht verblödete Wohlstands- und Systemgewinnler der oberen Mittelschicht und damit, zweitens, selbst schuld am Aufstieg der neuen Rechten. Dumm nur, dass diese aufgeregten Gesten der Selbstgeißelung vor allem eine Eitelkeitsdemonstration sind und in der Freude an den Schwarz-Weiß-Kontrasten und Zuspitzungen genau die Polarisierung der Gesellschaft bedienen, an der die neue Rechte arbeitet.

Volksbühne 22.12., 28.12, 19.30 Uhr, Karten 10 – 30 €

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