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Von Barcelona zurück nach Berlin. ?Du nun ?wieder!

Barcelona Berlin

„Berlin? Joder, tнo, que guay!“ Zu Deutsch, frei übersetzt: „Berlin, wie geil!“ So oder so ähnlich fielen die Reaktionen in Barcelona fast immer aus, wenn ich erzählte, dass ich aus Berlin komme. Gefolgt von ausführlichen Erzählungen, wann man in Berlin war und wie toll es dort war. Umgekehrt ist es allerdings nicht viel anders. „Barcelona? Wie konntest du dort wegziehen?“, war das erste, was dem tip-­Redakteur entfuhr, dem ich von meinem Umzug erzählte. Strand, Sonne, romantische Altstadt, sexy Spanierinnen, Tapas ohne Ende. Da kann man schon mal ins Grübeln kommen.
Es ist sechs Jahre her, dass ich nach einer längeren Berlin-Phase beschlossen hatte, Deutschland den Rücken zu kehren, um zu testen, wie sich das Leben als Ausländer im Süden Europas so anfühlt. Und ohne mich mit lauter Exil-Landsleuten zu umgeben, wie es umgekehrt in der spanischen Community in Berlin üblich ist. Jetzt bin ich zurück. Berlin, wie geil. Aber auch: Wie anders.
Es ist in letzter Zeit unverkennbar, dass die Unzufriedenheit der Berliner mit ihrer Stadt wächst. Zum Beispiel, weil das Wohnen immer teurer wird. Damals, vor sechs Jahren, lag meine Miete in der Monumentenstraße bei 310 Euro kalt. Die Wohnung, die ich jetzt gefunden habe, kostet 760 Euro. Mehr als das Doppelte. Zudem mit einer üppigen Makler­courtage. Dennoch bin ich zufrieden. Zufrieden, überhaupt eine Wohnung im selben Schöneberger Kiez ergattert zu haben. Und nicht nur damit.
In Barcelona hätte ich jetzt problemlos Wohnungen anmieten können, und dazu den Vermieter nach unten gehandelt – die Immobilienkrise hat auch das teure Barcelona erreicht. Meine erste Wohnung dort, eine Altbauwohnung im Stadtviertel Sant Andreu, hatte allerdings keine Heizung, und trotz eines Elektroradiators wurde es im Winter nie wärmer als elf Grad – innen, wohlgemerkt. Dazu ein Schlafzimmer ohne Fenster, keine Seltenheit in Barcelona. Deshalb bin ich jetzt froh, wieder Isolierglasfenster zu haben – und funktionierende Heizkörper in jedem Zimmer. Man wird pragmatischer mit der Zeit. Und freut sich aufs Neue an der Stadt.
Denn der Berliner ist hier immer noch so herzlich, wie es die Leute in Köln, München oder Castrop-Rauxel niemals glauben würden. „Ick freu mir, dass du wieder da bist“, sagt mir Raimon vom Leydicke gleich zwei Mal und haut mir auf die Schulter. Er hat mich sofort wiedererkannt. Und spendiert mir den ersten selbst gemachten Johannisbeerwein. In der Kneipe sieht es noch haargenau so aus wie vor sechs Jahren, beziehungsweise wie vor 106 Jahren. Als wäre ich nie weg gewesen.
Bei meinen ersten Spaziergängen durch die „rote Insel“, die Gegend am Gasometer in Schöneberg, staune ich dann aber nicht schlecht. Vor sechs Jahren lag dieser Kiez noch im Dornröschenschlaf. Jedes zweite Ladenlokal stand entweder leer oder gehörte trostlosen Entrümpelungsfritzen. Davon ist nicht mehr viel zu sehen. Und wo früher ein Wäldchen dahinwucherte und verlassene Bahnhäuser standen, gibt es jetzt den Gewerbepark Naumannstraße.
Vielleicht liegt es ja auch an dem Umbau des alten Gasometers zum EUREF-Campus,  dass vor Cafйs wie dem Taubenschlag an der Leberstraße auf einmal US-Amerikaner bei Fritz-Kola auf ausrangierten Schulbänken vor ihrem aufgeklappten Macbook sitzen, um sich über vegane Restaurants auszutau­schen. Und aus der riesigen Brache am Gleis­dreieck ist der Flaschenhalspark geworden, mit Hochbahnbrücken wie in Chicago, wenngleich einige Neubauhäuserblöcke am Rande auf mich nicht sehr passend wirken. Dafür kann ich jetzt auf dem Rollfeld Tempelhof radeln – Wahnsinn! Das Foto musste ich sofort posten. Das glaubt mir ja in Barcelona kein Mensch. In welcher Stadt ist so was möglich?
Aber es sind nicht nur die großen Veränderungen, die mich überraschen. Auch in puncto Swing, meiner neuen Leidenschaft, hat Berlin nachgelegt. Gab es vor sechs Jahren nicht viel mehr als Clärchens Ballhaus und die Bohиme Sauvage (die zugegebenermaßen immer noch ihresgleichen sucht), könnte ?ich jetzt fast täglich schwofen. Meistens ?auch noch kostenlos. Wie beim Swing mit DJ in der Kulturbrauerei. Sogar der Tanzkurs ist für umme. Beim Tanzen zeigen sich allerdings klare Unterschiede zwischen preußischem und südländischem Temperament. Warteten die Chicas in Barcelona am Rand der Tanzfläche, um jemanden aufzufordern oder selbst aufgefordert zu werden, kommt man hier als Paar und tanzt den Abend zusammen. Oder man sitzt Prosecco schlürfend neben der Tanzfläche und – tanzt nicht. Okay, dem muss ich mich wohl fügen. Man kann ja nicht alles haben.

Text: Dirk Engelhardt

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