Eine Ausstellung im Jüdischen Museum widmet sich Kreativarbeiterinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die wegen ihrer religiösen und weiblichen Identität ganz eigene Rollen finden müssen. Die Schau heißt „Widerstände – Jüdische Designerinnen der Moderne“. Ein Reise in die Vergangenheit, die ebenso charmant wie aufschlussreich ist.

Ausstellung „Widerstände – Jüdische Designerinnen der Moderne“ im Jüdischen Museum
Eine typische Protagonistin in dieser Werkschau einer oft avantgardistischen Strömung im Kunstgewerbe ist Dodo. In den 1920er-Jahren weitet diese Künstlerin, Illustratorin und Modegestalterin (1907-1998) die Identitätsmöglichkeiten für junge Frauen. Für einen unbändigen Freiheitsdrang wirbt zum Beispiel ein Bild aus ihrem Œuvre im Stil der Neuen Sachlichkeit: Da enteilt auf dem Trottoir eine burschikose Großstädterin einem männlichen Passanten, der nicht näher charakterisiert ist. Diese „Neue Frau“, gänzlich unbekümmert, führt derweil ein Hündchen an der Leine – und, klar, sie verkörpert dabei die Spitze des Fortschritts.
Ebenso beweglich bleiben muss die Frau, die diese Allegorie mit zackigen Strichen zu Papier gebracht hat. Später flieht Dodo, die Tochter einer großbürgerlichen Familie, geboren als Dörte Clara Wolff in Berlin, vor den Gräueln der Nazi-Diktatur nach London. Wo sie als Grafikerin, als Illustratorin für Kinderbücher, als Herstellerin von Tapisserien ein zweites Leben beginnt.
So weit, so zerrissen: Die Ausstellung „Widerstände – Jüdische Designerinnen der Moderne“ im Jüdischen Museum bündelt die kreative Energie einer Gruppe, die während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in zweierlei Hinsicht gefordert ist. Als Menschen, die mit Synagoge und Chanukka-Fest aufgewachsen sind, zählen sie zu einer Minderheit, die wegen ihres Glaubens verfolgt wird – so brutal, dass der Antisemitismus irgendwann in die Shoa münden wird. Sie stehen aber auch als Frauen in einer patriarchalen Umgebung unter Zugzwang. Um dem gesellschaftlichen Druck zu entweichen, nutzen sie die Freiräume der Jetztzeit in einer Metropole wie Berlin.
Textilien und Haushaltsprodukte, Werbeartikel und Kleidungsentwürfe
Die Ausstellung verbucht den Output: Textilien und Haushaltsprodukte, Werbeartikel und Kleidungsentwürfe, Bilderbücher und Spielzeug. Die Frauen konzipieren smarte Alltagswaren wie etwa Paula Staus. Sie entwirft eine ganz und gar schnörkellose Teekanne, die sich in der Weimarer Republik zum Bestseller mausert. Sie machen erfolgreich in Mode wie Irene Saltern, die nach ihrer Emigration aus Hitlerdeutschland schnittige Kostüme für Hollywood-Filme ersinnt. In der Gesamtschau erscheinen die Kreativarbeiterinnen als Galionsfiguren weiblicher Emanzipation.

Ersichtlich wird auch eine Infrastruktur von Ausbildungsstätten in Berlin und Umland. Darunter der Lyceum Club Berlin, die Schule Reimann für Kunst und Design oder der Lette Verein. Auch am Bauhaus in Dessau finden junge weibliche Talente einen Anschluss an die Branche. Zugleich reproduzieren die Vordenker um Gropius & Co. jedoch Stereotype, indem sie Frauen Baumwolle weben oder andere Tätigkeiten ausüben lassen, die man als „feminin“ deutet. Wohingegen die Jungs sich ums große Ganze kümmern, indem sie in Architektur und Stadtplanung den öffentlichen Raum neu arrangieren. So ist eine weitere Erkenntnis, dass sich viele begabte Damen im vermeintlich leichten Fach probieren müssen, während die herrschende Kaste ihre Bastionen verteidigt. Im Schattendasein überschreiten sie allerdings des öfteren Grenzen.
- Widerstände – Jüdische Designerinnen der Moderne Jüdisches Museum, Lindenstraße 9–14, Kreuzberg, bis 23.11.
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