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Vorzeigeschule in Gefahr

Vorzeigeschule in Gefahr

Die Schülerschaft der Hunsrück-Grundschule (HGS) in Kreuzberg ist so bunt gemischt wie der Kiez. Hier, in der Manteuffelstraße, lernen und spielen etwas mehr als 450 Kinder, von denen fast 60 Prozent eine andere Herkunfts­sprache als Deutsch haben. Trotzdem ist die Zahl der Gymnasial­empfehlungen hoch, Gewaltvorfälle sind selten. Man könnte also sagen: Es läuft.
Und genau deswegen gehen die Eltern jetzt auf die Barrikaden. Der Grund: Der Bezirk will den Einzugs­bereich der Schule vergrößern. Dadurch würde aus der dreizügigen eine vierzügige Schule werden. Katja Mohns*, Mutter einer Drittklässlerin, sagt: „Wenn diese Schule vierzügig wird, ist sie kaputt.“ Es gebe dann schlicht zu wenig Raum für die pädagogische Arbeit. Die HGS ist eine Ganztagsschule, an der die Schüler täglich acht Stunden verbringen. Die Schultage sind so strukturiert, dass auf jede Unterrichts- eine Freizeitphase folgt. Dafür hat jede Klasse zwei miteinander verbundene Räume. Während der Freizeit können die Kids sich ausruhen, spielen oder ein Instrument erlernen. Davon profitieren vor allem die Kinder, die ansonsten nicht den Weg in eine Musikschule finden würden. Die Eltern sind überzeugt: Es liegt an diesem Konzept, dass die HGS zu einer Vorzeigeschule geworden ist.
Der Schulstadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Peter Beckers (SPD), ist für die Planungen verantwortlich. „Es ist meine Pflicht, jedem Kind eine Einzugsschule zuzuweisen“, sagt er. Weil es im nächsten Jahr mehr Erstklässler in der Schulregion gebe, müsse er zusätzliche Plätze schaffen. Der Bezirk habe dafür die Hunsrück-Schule in den Blick genommen, weil dort für jede Klasse rechnerisch ein Raum mehr zur Verfügung stehe als an den anderen Grundschulen.
Anna Berger*, die schon ihr zweites Kind an der Schule hat, findet das Vorhaben absurd: „Kaum funktioniert eine Schule, soll ihr die Grund­lage ihrer Arbeit entzogen werden“, sagt sie. Für die Eltern offenbart das eine kurz­sichtige Bildungspolitik. In der Nachbarschaft der HGS wird gerade die E.-O.-Plauen-Grundschule abgewickelt, 2020 läuft sie aus. „Der Bezirk macht Schulen zu, obwohl die Schülerzahlen steigen“, kritisiert Berger.
Den Eltern geht es nicht nur um die HGS. Sie wollen mehr Platz für alle Schüler in Berlin. Deswegen haben sie die Initiative „Kinder brauchen Platz“ gegründet. „Wenn gleich die Vorgaben für die Bildungspolitik in ganz Berlin diskutiert werden sollen, kriegen wir das aber nicht bis zum nächsten Schul­jahr geregelt“, sagt Beckers. Und dass es bis zum Schuljahres­beginn eine Lösung geben wird, daran lässt er keinen Zweifel. Die Eltern der HGS wären bereit, an einem lang­fristig tragfähigen Kompromiss mitzuarbeiten. Für reine Mangelverwaltung sind sie aber nicht zu haben.     

Text: Susanne Grautmann

Foto:
Hunsrück-Grundschule

* Namen von der Redaktion geändert

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