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Wahlverwandtschaften am Maxim Gorki Theater

Wahlverwandschaft„Ich bin ohne Liebe, ich habe keinen Humor mehr, ich bin traurig, und ich bin ganz allein!“ So bricht es als Bilanzkapitulation aus dem Hauptmann hervor, den es just aus jenem Vierer-Versuchskarussell der Beziehungen aus Goethes „Wahlverwandt­schaf­ten“ katapultiert hat, das in der Regie von Barbara Weber bloß noch ein Elementarteilchenbeschleuniger ist. In Gang gesetzt wird das Liebesspiel im Roman wie auf der Bühne von den Eheleuten Eduard und Charlotte, die ihr streng parzelliertes Schloss­leben mit Park- und Gartenarbeit absichtlich in Unordnung bringen, indem sie den befreundeten Hauptmann sowie die Nichte Ottilie zu sich holen und kreuzweise neue Konstellationen probieren. Die erkenntnisleitende Frage ist, ob sich die Lehren der Chemie über Affinität und Abstoßung
von Stoffen aufs Feld der Gefühle übertragen lassen, die Antwort lautet: Nein.
Goethes Roman lässt sich nicht gerade leicht fürs Theater adaptieren. Die Figuren sind Reflektionsjunkies, die glauben, im kreisenden Gespräch jede Krise bewältigen zu können. Landschaftsbeschreibungen spiegeln die Seelenzerwürfnisse der Menschen wider. Die Regisseurin konzentriert sich auf den emotionalen Nukleus des Geschehens und schafft gleichzeitig Distanz, indem sie die Figuren ihren eigenen Roman erzählen lässt. Anja Schneider spielt Charlotte als Radikalpragmatikerin, die dem Hauptmann (Jürgen Lingmann) mit kühler Vernunft entsagt. Eduard (Wilhelm Eilers) erfährt den Schmerz des Unkontrollierbaren, nachdem er sich erst selbst ins Feuer für Ottilie geredet hat, die Britta Hammelstein berührend als im Zeitraffer zur Reife gezwungene Kindfrau gibt.
Was Webers kluge Inszenierung spürbar macht: Wie schon der Versuch von Eduard und Charlotte, mit ideologischem Furor eine verpasste Phase ihres Lebens nachzuholen, von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Die Wahrheit liegt in dem berühmten Satz, den Johann Jürgens als Confйrencier auf der Sonnenliege spricht: „Jedes Jahrzehnt des Menschen hat sein eigenes Glück, seine eigenen Hoffnungen und Aussichten.“
Text: Patrick Wildermann
Foto Thomas Aurin


(tip-Bewertung: Sehenswert )

Die Wahlverwandtschaften
im Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte,
17.9., 2.10., 19.30 Uhr

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