Kultur

Welle gegen Schließung

Welle gegen Schließung

Je heißer es im Sommer in der Stadt wird, desto magischer zieht es einen ins Wasser. Man sehnt den Moment herbei, in dem man endlich die Kühle des Wassers auf der Haut spüren und fast schwerelos dahingleiten kann. Doch dieses Gefühl lernen immer weniger Kinder kennen. Laut einer Studie der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) kann nur noch jedes zweite Kind im Alter von zehn Jahren sicher schwimmen.
Und die Lage der Bäder in Berlin macht wenig Hoffnung auf Besserung. Nach Auskunft des Sprechers der Berliner Bäder-Betriebe wurden im Jahr 2001 zehn Bäder in Berlin geschlossen. Neubauten habe es seither keine gegeben. Zum 31. Juli soll nun noch die Schwimmhalle der Reinfelder Schule in Charlottenburg geschlossen werden. Der Grund: erheblicher Sanierungs­bedarf. Die Kosten werden auf über 700.000 Euro geschätzt. Beim Bezirk heißt es, dafür sei kein Geld da.
Damit wollen sich die betroffenen Familien aber nicht abfinden. Am Donnerstag letzter Woche versammelten sich rund 300 Eltern und Kinder vor dem Rathaus in Charlotten­burg. Während drinnen die Bezirksverordnetenversammlung tagte, demonstrierten sie draußen mit Wasserbällen, Schwimm­flügeln und Plastikdelfinen für den Erhalt des Schwimmbades. Ein Plakat forderte: „Lasst uns nicht untergehen!“
Die Eltern betonen, was für eine wichtige Rolle die Schwimmhalle spielt. Mit ihrem 32 Grad warmen Wasser und dem absenk­baren Boden ist sie ein ideales Anfänger- und Therapie­bad. Das ist besonders für Kinder mit Hörschädigungen bedeutsam, weil ihr Gleichgewichtssinn oft eingeschränkt ist. Viele Kinder von der Reinfelder Schule und der benachbarten Ernst-Adolf-Eschke-Schule gehören zu dieser Gruppe, denn beide Schulen sind Inklusionsschulen mit besonderer Förderung für schwerhörige und gehörlose Kinder. Auch mehrfach behinderte Kinder gehen hier zur Schule.
„Die Kinder hier brauchen dieses kleine Becken, um sich an das Wasser zu gewöhnen“, sagt Frank Hätscher, der Vorsitzende der GEV der Reinfelder Schule. Von den Plänen des Bezirksamts, die Schüler künftig ab der dritten Klasse im großen Bad an der Krummen Straße zu unterrichten, hält er nichts. Seine Sorge ist, dass die Kinder gar nicht mehr schwimmen lernen, wenn sie nicht in den ersten beiden Klassen ans Wasser herangeführt werden.
Auch die private Schwimmschule Fabius unterrichtet ihre Schüler in der Halle. Nach eigenen Angaben ist sie eine der größten Kinderschwimmschulen in Berlin. Der Leiter der Schule Jürgen Hügli sagt, er könne in kein anderes Bad ausweichen, weil die Kapazitäten fehlten. Immerhin schwimmen insgesamt rund 700 Kinder pro Woche in dem Becken.
Das Bezirksamt beschwichtigt in einer Presse­erklärung, man werde „bis zum Jahres­ende keine Veränderungen vor Ort vornehmen, um somit die Möglichkeit für Gespräche zu eröffnen, ob und gegebenenfalls wie es weitergehen kann“. Doch die Eltern bezweifeln, dass sich die Türen der Schwimmhalle jemals wieder öffnen, wenn sie erst einmal geschlossen sind. Kein Wunder, dass sie nun so eine Welle machen. ?    
Text: Susanne Grautmann

Foto:
altanaka / Fotolia

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