Kultur

Wie in alten Zeiten

Ost- und West-Berlin

Berlin West: Endstation: Schlesisches Tor

Seit 1986 fährt die „Linie 1“ durchs Grips-Theater, aber nur bis zur Mauer, Endhaltestelle Schlesisches Tor. Quer durch den West-Berliner Mikrokosmos aus Punks, Wilmersdorfer Witwen und Bouletten-Trudes.

Noch immer ist „Linie 1“ Kult. Ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall hat sich vieles geändert. An wenigen Orten aber – wie auf dem Spielplan des Grips Theaters – existiert West-Berlin weiter. In der Rost- und Silberlaube der Freien Universität zumBeispiel auch, deren komplizierte Aufteilung in J-, K- und L-Straßen bis heute verwirrt, Zugezogene wie Einheimische. An einer Häuserfassade am Friedrich-Wilhelm-Platz in Friedenau wirbt das seit Jahren geschlossene Textilunternehmen Ebbinghaus immer noch. Auch an der Autobahn am Bundesplatz prangt Werbung, die nicht dieser Zeit entstammt: „Genthiner Straße 41, 1000 Berlin 30“ lautet die Adresse des beworbenen Möbelhauses. Die Postleitzahl ist Relikt der Berliner Inselzeit.

So klein, so übersichtlich – und doch so großstädtisch. Nicht zuletzt war West-Berlin ein Anziehungspunkt für Unangepasste, für Andersdenkende und Intellektuelle. Sie bevölkerten Kneipen wie das Resonanz. Hier hatte man trotz der Abgeschiedenheit der Stadt immer das Gefühl von Aufbruch – und hat es heute noch. Studenten von gestern und heute zählen ebenso zum Stamminventar wie der Kicker und die gelbliche Tapete.

Ein Großteil des West-Berliner Studentenlebens spielte sich damals in Charlottenburg ab. Im Zwiebelfisch sitzen noch heute die Alt-68er, um bei einem Bier die Welt zu besprechen. Auch das Schwarze Cafй zählt zu den West-Berliner Kultkneipen: Die Wände sind schwarz, es gibt keine Schließzeiten außer Dienstag von 3 bis 10 Uhr. Und vor allem ist das Schwarze Cafй immer brechend voll – mit Menschen unter 30, die Toast Hawaii essen.

Keine 150 Meter weiter thront eine weitere West-Berliner Institution: die Paris Bar. Ein Ort der Berliner Schickeria. Sehen und gesehen werden, während man französische Küche speist, funktioniert hier noch wie damals, als es noch keinen Grill Royal gab.

Bei Rogacki, einem Feinkostladen mit meterlangen Frischetheken, geht es trotz der grün-weißen Uniform der Bedienung nicht unbedingt vornehm zu. Im hinteren Teil des großen Ladens gibt es eine Art Feinkost-Kantine: Mit gräulichen Plastiktabletts stellt sich die bunt gemischte Kundschaft an einer Essensausgabe an, um anschließend an Stehtischen Backfisch mit Gurkensalat zu essen.
Einfach und gut essen. Und das in einem derart exotischen Ambiente. Es kann nicht mehr lang dauern, bis die Hipster nach der Ost-Berliner Moderne die West-Berliner Entspanntheit entdecken.

Text: Rebekka Wiese

Ost- und West-Berlin

Berlin OST: Sehnsucht: TYP WBS 70

Herr Sawatzki lehnt an der Balkonbrüstung und grüßt. Man kennt sich in der Plattenbausiedlung in der Hellersdorfer Straße. Und wenn der ehemalige Hausmeister mal wieder auf dem Balkon im Parterre der Hausnummer 179 steht, weiß man gleich, dass Besucher da sind. Seit zehn Jahren dient die Dreiraumwohnung vom Typ WBS 70 als Museumswohnung. Sonntags führt Herr Sawatzki durch 61 Quadratmeter DDR.

Seit dem Auszug der letzten Mieter sieht alles so aus, wie 1986 die durchschnittliche Kleinfamilienwohnung im Viertel eben aussah: Schrankwand im Wohnzimmer, Sofa-Ecke mit selbst gestrickten Kissenüberzügen, Kunstdruck von Walter Womacka: „Junges Paar am Strand“. Die Türgriffe sind aus schwarzem Plastik, besser: Plaste, ebenso wie der Großteil der Armaturen im Bad. Mit solchen Teilen gab es öfter Probleme, weil sie schneller undicht wurden als Chrom, erinnert sich Sawatzki. Zahllose davon wechselte er mit der Zeit aus.

Die Hellersdorfer Museumswohnung wartet gut versteckt auf ihre Entdecker. Viele der Orte dagegen, an denen sich das Raum- und Zeitgefühl der DDR gehalten hat, muss man nicht lang suchen: ob Kino International, das Drehrestaurant im Fernsehturm oder das Staatsratsgebäude mit seiner bunten Glasfensterkunst. In Mitte findet sich sorgsam Restauriertes wie das Haus des Lehrers neben still vor sich hin Rottendem wie das frühere Haus der Statistik.

Man muss schon raus aus dem Zentrum, um das Gefühl der stehen gebliebenen Zeit zu spüren. Das gelingt besonders gründlich im ehemaligen DDR-Funkhaus in der Nalepastraße, am Spreeufer von Oberschöneweide. In dem Backsteinkoloss im Bauhaus-Stil nisten Turmfalken, Gras sprießt auf den Wegen. Im Innenleben vermischen sich auf kuriose Weise Morbidität mit Künstlertum und Hipster-Chic. Abblätternde Wandfarbe in Fahlgrün, muffiger PVC-Boden. Portishead oder die Black Eyed Peas spielten Special-Gigs, Daniel Barenboim und Lang Lang schätzen die holzvertäfelten Aufnahmesäle für ihre hervorragende Akustik. Haus A mit seinen endlosen Fluren passiert mancher hier nur mit einem Skateboard unter den Füßen. Handzettel laden zum Wochenende der „open studios“ ein,

Geschäftssprache ist Englisch, die Belegungspläne von Stammmietern wie dem Planet-Roc-Studio sind voll. Doch selbst wenn hier Hunderte Künstler parallel an der Arbeit sind, hängt eine unheimliche Stille über dem Ort. Genau das suchen sie hier, in der größten Bürogemeinschaft der Stadt.

Text: Ulrike Rechel

Fotos: Eva Apraku, STADT UND LAND Wohnbauten-Gesellschaft mbH

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