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Wie fair sind Online-Putzportale?

Wie fair sind Online-Putzportale?
In einer normalen Reinigungsfirma anzufangen, das war für Vladimir A. (Name geändert) keine Option. Der 27-Jährige ?wollte unabhängig sein. Deshalb habe er sich bei Helpling und Book A Tiger als selbstständige Putzkraft registriert, erzählt er. „Sie helfen mir dabei, Kunden zu finden. Dadurch spare ich Werbekosten.“
Die beiden Online-Putzportale mit Sitz in Berlin sind Marktführer. Im Frühjahr 2014 gingen sie an den Start und verzeichneten lange Zeit Wachstumsraten, nicht zuletzt wegen ihrer offensiven Marketingstrategien. Helpling und Book A Tiger inszenieren sich als Alternative gegen Schwarzarbeit, von der dennoch alle Seiten profitieren – und zielen damit auch auf das gute Gewissen ihrer Kunden ab.
So werben Helpling und Book A Tiger auf ihren Webseiten damit, für einen einstündigen Putzservice lediglich einen Preis ab 12,90 Euro zu verlangen und  ihre sogenannten Cleaner mit Maximalhonoraren von 13,50 beziehungweise 16,60 Euro pro Stunde zu entlohnen.  Diese Beträge rufen aber einige Fragen hervor.
Die Realität sieht nämlich etwas anders aus. 15 Euro zahlt der Kunde in Berlin durchschnittlich für eine Reinigungsstunde. Cleaner wie Vladimir A. bleiben nach Abzug der 20-prozentigen Provision 11,43 Euro bei Book A Tiger und 10,32 Euro bei Helpling. Die jeweiligen Geschäftsführungen bestätigten dem tip diese Angaben.  
Doch das sind längst nicht alle Kosten, die vom Gehalt der Cleaner abgehen. Als Selbstständiger muss Vladimir A.   für seine Krankenversicherung selbst aufkommen. Das macht monatlich 316 Euro. Hinzu kommen Haftpflichtversicherung, Rentenversicherung und Betriebskosten für Dinge wie Anfahrt und Buchführung. Dass Cleaner bei Book A Tiger und Helpling auf den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde kommen, ist damit sehr fraglich. Vladimir A.‘s Monatsgehalt liegt bei durchschnittlich 800 Euro. Das entspricht einem Auftragsvolumen von etwa zehn Jobs а zwei Stunden. Mehr ließe sich bei den Putzportalen kaum machen, sagt er.
Maria J., die lange in der Verwaltung von Book A Tiger gearbeitet hat, geht sogar von durchschnittlich zwei Aufträgen die Woche aus. Dies gelte vor allem für Putzkräfte aus ländlicheren Gegenden, sagt sie. Sie habe oft verzweifelte Cleaner am Telefon gehabt, die durch ihre Reinigungsjobs bei Book A Tiger ihren Lebensunterhalt nicht hätten bestreiten können. Fakt ist jedoch auch, dass das Putzportal vertraglich keine Mindestanzahl an Aufträgen verspricht. Offenen Anfragen werden in einer App nach dem „first come, first serve“-Prinzip verteilt.
Johannes Bungart ist der Geschäftsführer des Bundesinnungsverbands des Gebäudereiniger-Handwerks (BIV). Er bezeichnet Helpling und Book A Tiger als „moderne Tagelöhnerei“ und sagt: „Die Reinigungskräfte, die dort arbeiten, wissen nicht, wann sie etwas verdienen, wieviel sie verdienen und ob sie überhaupt etwas verdienen.“  Sowohl der BIV  als auch auch  die Gebäudereiniger-Gewerkschaft IG Bau glauben zudem, dass diese Plattenformen der Scheinselbstständigkeit Vorschub leisten.
Book A Tiger und Helpling beurteilen das naturgemäß anders. Im Statement von Helpling heißt es beispielsweise: „Wir haben unser Geschäftsmodell vor Beginn mehrfach durch externe Kanzleien prüfen lassen. Aus diesem Grund sind wir uns sicher, dass wir die rechtlichen Anforderungen zu 100 Prozent erfüllen. Alle unsere Prozesse und die absolute Autonomie der Dienstleister lassen keinen anderen Schluss zu, als dass wir als Dienstleister auftreten, der eine Plattform bereitstellt.“
Auch Alexander Bredereck, Fachanwalt für Arbeitsrecht, schätzt die Chancen für eine Klage auf Scheinselbstständigkeit als eher gering ein. Obwohl die Plattformen die Kundenkommunikation übernehmen und vertraglich berechtigt sind, die Rechnungen im Namen ihrer Cleaner auszustellen sowie deren Preise festzulegen, reiche das nicht als Beweis, argmumentiert er. „Es müsste hinzukommen, dass die Putzkräfte wirklich in das Unternehmen eingebunden, das heißt weisungsgebunden sind. Und da habe ich von dem, was ich bisher untersucht habe, gewisse Zweifel“, sagt er. Hauptproblem sei jedoch, dass das deutsche Arbeitsrecht auf die moderne Computertechnologie nicht vorbereitet wäre. Bredereck: „Die Vermittlungsplattformen nutzen das aus, um das Arbeitsreicht so ein bisschen zu umgehen. Deswegen kommt es zu vermeintlich oder auch tatsächlich ungerechten Ergebnissen.“
Die sehen zum Beispiel so aus, dass Putzkräfte, die sich nicht innerhalb von 24 Stunden krank melden, bei Book A Tiger 50 Prozent, bei Helpling sogar 80 Prozent des Kundenpreises selbst zahlen müssen. Klingt nicht besonders freundlich, ist aber eben legal. Eine weitere vertraglich geregelte Strafzahlung von bis zu 500 Euro droht den Cleanern, wenn sie ihren Portalen die Kunden ausspannen und auf eigene Rechnung antreten. Bei der IG Bau betrachtet man auch den Umstand, dass Putzkräfte bei Book A Tiger die ersten vier Termine für die Hälfte des Gehalts erledigen müssen, als ausgesprochen unfair.
Obwohl der rechtliche Handlungsspielraum begrenzt ist, gibt es Anzeichen dafür, dass derartige Vermittlungsportalen demnächst unruhige Zeiten bevorstehen.  Der Fahrdienstvermittler Uber, der ein  ähnliches Geschäftsmodell fährt, wurde in der Vergangenheit mehrfach von städtischen Behörden und Gerichten verklagt. Im März erwirkte das Frankfurter Landgericht ein bundesweites Verbot seines Subdienstes uberPOP. Eine Insolvenz in Folge von diversen Klagen brachte im Juli auch das US-Putzportal Homejoy zu Fall. Und  Helpling trennte sich vor kurzem von einem Fünftel seiner Belegschaft.
Bezeichnend ist auch, dass viele Putzkräfte laut IG Bau nur kurz über die Portale arbeiten und dann zu Reinigungsfirmen wechseln. Schwierigkeiten in Sachen Rekrutierung dürften sie dennoch nicht bekommen. Putzjobs sind vor allem für Menschen mit Migrationshintergrund attraktiv. Sie stellen bei Book A Tiger schon jetzt drei Viertel aller Cleaner, wie die Geschäftsführung bestätigt. Aufgrund des aktuellen Flüchtlingszulaufs dürften viele dazukommen. Mangelnde Sprachkenntnis sind bei den Putzportale kein Vermittlungshindernis. Das ist auch einer der wesentlichen Gründe, warum Vladimir A. sie nicht verlässt. „Allein wäre es für mich sehr viel schwieriger, Kunden zu finden.“

Text: Henrike Möller

Foto:
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