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Wie geht es weiter an der Volksbühne?

Krise ist immer: Wie geht es weiter an der Volksbühne? Klaus Dörr arbeitet am Spielplan –
und Kultursenator Lederer sucht noch nach einem künftigen Intendanten. Ein Report von Peter Laudenbach

Chris Dercon ist weg und das Räuberrad ist wieder da. Foto: imago / Markus Heine

Dafür, dass er gerade den größten Sanierungsfall des deutschen Theaterbetriebs managt, wirkt Klaus Dörr erstaunlich gelassen. Das berühmte Rad steht wieder am Rosa-Luxemburg-Platz, es wird auch wieder Theater gespielt, und manchmal ist das Haus sogar gut besucht – aber Dörrs Job bleibt schwierig. Als er nach der Entlassung Chris Dercons die Volksbühne vor sechs Monaten als Kommissarischer Intendant übernommen hat, fand er ein Theater ohne Ensemble, ohne spielfähiges Repertoire, ohne Zuschauer und mit erschöpftem Budget vor. Anfang Oktober zog Dörr eine Zwischenbilanz und erklärte den Abgeordneten im Berliner Kulturausschuss, wie er die Bühne, deren Platzauslastung derzeit bei bescheidenen 58 Prozent liegt, wiederbeleben will.

Dörr, zuletzt Künstlerischer Direktor und stellvertretender Intendant am Schauspiel Stuttgart, kommt zugute, dass er bestens vernetzt ist. Theater aus Hannover, Köln, Frankfurt und Hamburg werden ab Januar kommenden Jahres an der Volksbühne Gastspiele „zu sehr moderaten und freundlichen Konditionen“ (so Dörr) zeigen. Edgar Selge zum Beispiel spielt sein am Deutschen Schauspielhaus Hamburg gefeiertes Houllebecq-Solo „Unterwerfung“ für eine deutlich heruntergesetzte Freundschaftsgage – ein Akt der praktischen Solidarität mit einem Theater im Krisenmodus.

Fast wirkt es, als hätte der sonst so konkurrenzbewusste Theaterbetrieb beschlossen, gemeinsam dabei zu helfen, dass die von Chris Dercon und Marietta Piekenbrock entkernte Volksbühne wieder ein funktionierendes Theater werden kann. Ab November werden drei Übernahmen, darunter Kay Voges Stuttgarter „Das 1. Evangelium“, den Spielplan stabilisieren.
Für erste Eigenproduktionen sorgen alte Berliner Bekannte: Leander Haussmann hatte gerade Zeit und zeigt im kommenden Monat „Haussmanns Staatssicherheitstheater“, was ja zumindest lustig werden kann. Die Choreografin Constanza Macras, die zuletzt in Berlin keine rechte Stammspielstätte mehr hatte, kommt mit einer Premiere ihrer Compagnie Dorky Park. Auch die omnipräsente Sasha Waltz, die ihre Stücke in Berlin auch im Radialsystem, im Haus der Berliner Festspiele, an der Deutschen Oper und an der Staatsoper zeigt, macht einen Abstecher an den Rosa-Luxemburg-Platz. Mehr als eine Zwischenlösung zur Bespielung des größten Berliner Theaters für den Rest der Spielzeit kann das nicht sein.

Zwei Namen lassen aufhorchen

Normalerweise benötigt die Vorbereitung einer Intendanz zwei Jahre, schon weil gefragte Regisseure und Schauspieler in der Regel ausgebucht sind. Dörr hatte nicht einmal zwei Wochen. Umso bemerkenswerter, dass es ihm gelungen ist, den Spielbetrieb wieder professionell in Gang zu bringen und in dieser Spielzeit Eigenproduktionen anzuschieben. Für die kommende Spielzeit konnte er mit der Choregrafin Constanza Macras, der immer erfreulichen Pop- und Trash-Spezialistin Claudia Bauer, dem Isländer Thorleifur Örn Arnarsson, dem Internetforscher Kay Voges und dem Oldschool-Poptheater-Veteran Stefan Pucher fünf renommierte Regisseure verpflichten. Aus Dercons gescheiterter Mannschaft übernimmt er in einem Akt der Großzügigkeit die Regisseurin Susanne Kennedy mit ihren gefälligen Depressions-Pop-Installationen. Langsam wird ein Profil erkennbar – und die Volksbühne wieder zu einem spielfähigen Repertoire- und Ensemble-Theater.

Klaus Dörr, der kommissarische Intendant der Volksbühne. Foto: Julian Roeder

Besonders das Engagement von Macras und Voges lässt aufhorchen. In ihren Tanzstücken, die intelligent mit Popkultur, kulturellen Stereotypen und Identitäts-Diskursen aller Art spielen, bewegen sich Macras und ihre Compagnie in den unterschiedlichsten sozialen Kontexten, gerne auch in den weniger vornehmen. Zuletzt war von ihr am Gorki Theater ein hinreißendes Gastspiel zu sehen, das sie mit Jugendlichen aus einem Problemviertel in Johannesburg entwickelt hatte. Keine Choreografin könnte besser zur plebejisch-politischen Tradition der Volksbühne passen. Kay Voges knüpft mit seinem Interesse, Theater mit elektronischen Medien zu kreuzen, unmittelbar an Piscators Experimente des Einsatzes von Film auf der Bühne und Castorfs Live-Video-Ästhetik an. Beide, auf je unterschiedliche Weise radikale Künstler, könnten auch langfristig mit der Volksbühne einen adäquaten Ort für ihre Arbeit finden, sei es als Regisseure, sei es als Teil eines möglichen Leitungsteams.

Wie es nach Dörrs, bisher auf zwei Spielzeiten befristeter Interims-Intendanz am einst ausstrahlungskräftigsten Theater Berlins weiter geht, scheint im Augenblick völlig offen. Kultursenator Lederer (Die Linke) lässt wissen, Dörrs Nachfolger werde irgendwann „in der ersten Jahreshälfte kommenden Jahres“ bekannt gegeben. Das ist sehr spät, falls Dörr sich schon im Sommer 2020 von der Volksbühne verabschieden sollte. Aber vielleicht verlängert er ja um ein Jahr – angesichts der offenkundig schwierigen Intendantensuche scheint das im Augenblick die wahrscheinlichste Option. Lederer erklärt, er sei derzeit im Gespräch mit dem Rat für die Künste, einem Zusammenschluss der Berliner Kulturinstitutionen, und anderen Experten. Nach einer abgeschlossenen Intendanten-Suche oder auch nur einem stabilen Plan klingt das nicht.

Derweil werden in der Gerüchteküche immer wieder zwei Namen genannt: Ersan Mondtag und Thomas Oberender. Mondtag ist zwar einer der derzeit spannendsten und eigenwilligsten Jungregisseure, aber er hat nie ein Haus oder auch nur eine kleine Spielstätte geleitet. Ihm zuzumuten, gleich eines der größten, schwierigsten und berühmtesten Theater des Landes zu übernehmen, wäre ihm und dem Theater gegenüber wagemutig bis verantwortungslos. Sein Scheitern wäre absehbar. Oberender, der Intendant der Berliner Festspiele, macht seit Jahren ein ungemein spannendes Programm, er wäre als Leiter für jede größere Kultureinrichtung ein Gewinn. Aber weshalb sollte er an ein Theater wechseln, wenn er als Intendant der finanziell gut ausgestatteten Festspiele deutlich mehr Möglichkeiten hat, in den unterschiedlichsten Künsten, Genres und Medien Projekte zu initiieren? So oder so, die Zukunft des Sanierungsfalls Volksbühne bleibt spannend.

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