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Wie sieht die Schule der Zukunft aus?

Gerhard de Haan

Keine schweren Schulbücher, kein Blätterchaos. In den Unterricht geht’s mit dem Tablet. Statt E-Books ist interaktives Lernmaterial verfügbar, in Mathe zum Beispiel: Zu den Aufgaben gibt es ein Video, in dem die Lösungsschritte erklärt werden, für zu Hause zum Nachschauen. Oder der Sprachunterricht: Über Lernplattformen tauschen sich deutsche und englische Schüler direkt miteinander aus. Apps helfen beim Lernen von Vokabeln. Oder Physik: Jeder Schüler bekommt einen kleinen Roboter, den er zusammenbauen und programmieren soll. Auch die Lehrer haben es einfacher. Kreide stammt aus der Zeit der Höhlenmalerei. Standard ist das interaktive Whiteboard, auf dem geschrieben, aber auch alles gezeigt werden kann, Filme, Präsentationen, Bilder. Das, was heute Tafelbild heißt, wird abgespeichert und in das Klassenportal geladen. Nur die Arbeiten müssen noch auf dem Papier geschrieben werden. Datenschutz. Vorausgesetzt, 2030 kann noch irgendjemand Schreibschrift.
So kann ein normales digitales Klassenzimmer in Berlin in 15 Jahren aussehen. Schon heute werden die meisten dieser Technologien in Modellklassen ausprobiert, wie in der Tabletklasse des Schöneberger Rückert-Gymnasiums oder im Roboter-Kurs „Roberta“ („Lernen mit Robotern“). Auch die Whiteboards setzen sich mehr und mehr durch, wie in der Deutsch-Skandinavischen Gemeinschaftsschule.
Digital wird kommen, es geht gar nicht anders, doch es wird dauern. „Das Bildungssystem ist strukturkonservativ. Schulen und Unis sind sehr vorsichtig, aber die Tendenzen sind zu sehen“, sagt Gerhard de Haan, Professor an der FU, Erziehungswissenschaftler und Zukunftsforscher. Onlinekurse zum Beispiel werden noch interaktiver und effektiver. Der Vorteil: „Man kann lernen, wo, wann und wie man will. Wenn man aber diskutieren will, eine Face-to-Face-Kommunikation braucht, geht es zurück in den Unterricht oder in das Seminar“, so de Haan.
Durch die Vernetzung wird sich auch die Art des Lernens ändern. Reines Büffeln sei ein „Nachbeben von ,Pisa 2000‘“, so de Haan: nur für den Test, und ein paar Wochen später wäre alles vergessen. „Die nächste Welle muss das problemorientierte Lernen sein: Strategien entwickeln, um Probleme zu lösen.“ Praktisches Beispiel: Lernen, wie man in der Informationsflut unterscheiden kann, was wichtig ist und was nicht. Der Zukunftsforscher hofft außerdem, dass die Institution Schule immer weniger ausschließlich Wissen, sondern lebensnahe Kompetenzen beibringt: „Schule muss viel leisten, Werte der Demokratie und des Zusammenlebens erklären, wie man in sozialen Gruppen agiert und wie man lernt, selber zu lernen.“
Finnland schafft gerade die Schreibschrift ab. Ob 2030 auch in Berlin keiner mehr mit der Hand schreiben kann? „Ich würde es schade finden, aber vielleicht bin ich auch nur altmodisch„, sagt Gerhard de Haan.

Text: Karl Grünberg

Foto: David von Becker

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