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Wilfried Rott über West-Berlin kurz vor und nach dem Mauerfall


Wilfried Rott
tip
Es ist viel über die Lage der DDR im Jahr 1989 geredet und geschrieben worden. In welchem Zustand befand sich West-Berlin vor 20 Jahren?
Wilfried Rott In einem problematischen Zustand. Die Regierungskoalition aus SPD und Alternativer Liste stand kurz vor dem Scheitern, was sie ja dann auch tat. Die politischen Konzepte für West-Berlin gingen nicht auf, weder das von Eberhard Diepgen noch das von Walter Momper. Diepgen verfolgte das Modell der Halbinsel mit einer starken Bindung ans Bundesgebiet, kam aber kaum voran. Unter anderem hatte er sich vergeblich um eine ICE-Anbindung bemüht. Momper hatte die Idee, den Kontakt zur DDR zu verstärken, was dort aber sehr kühl aufgenommen wurde. Die wollten nur Geld haben. Länger als zehn Jahre hätte West-Berlin vermutlich nicht mehr durchgehalten.

tip Sie waren damals Redakteur beim SFB und haben auch auf die kulturellen Ermüdungserscheinungen hingewiesen, die West-Berlin erlebte. Wie äußerte sich diese Müdigkeit?
Rott Da kam einiges zusammen. Die Schaubühne war nach dem Weggang von Peter Stein in eine Krise geraten, das Staatsschauspiel war ebenfalls kläglich schlecht besetzt. Zudem hatten die großen Festivitäten von der 750-Jahr-Feier bis zur europäischen Kulturstadt 1988 zu einem Veranstaltungs-Overkill geführt. Es war der reinste Jahrmarkt, aber man hatte das Gefühl, dass der ganze Zauber nur über die wirklichen Probleme hinwegtäuschen soll. Damals kursierte der Spruch, dass jeder eine Förderung bekommt, solange er nicht zu blöde ist, einen Antrag auszufüllen. Da wurden die sonderbarsten Projekte unterstützt, zum Beispiel die sogenannte Tortuga am Anhalter Bahnhof: Eine verrostete, nicht mehr fahrtaugliche Lokomotive, die mit großem Aufwand von zwei Kränen hochgehoben und aufs Dach gelegt wurde. Sie sollte eine Schildkröte symbolisieren – und die Zeit, die stehen bleibt. Eigentlich gab es keine Perspektive mehr. Deshalb bedeutete der Herbst 1989 nicht nur Freiheit für die DDR-Bürger, sondern auch die Erlösung West-Berlins.

tip Was haben die West-Berliner zum Fall der Mauer beigetragen?
Rott Sie haben 40 Jahre lang eine halbe Stadt am Leben gehalten. Die West-Berliner haben ihre Stadt nicht als Leuchtturm der Freiheit empfunden, sie wollten einfach nur hier leben, ein bisschen anders als in der Bundesrepublik und ganz anders als in der DDR rundherum. Damit hat West-Berlin die deutsche Frage immer offen gehalten. Ohne West-Berlin wäre es auch nicht so schnell zur Wiedervereinigung gekommen: Nur hier konnten die Menschen am 9. November die Straße überqueren, und schon waren sie im Westen. In Leipzig hat man die Öffnung ja überhaupt nicht unmittelbar mitbekommen. Nach dem Fall der Mauer war der Sonderstatus Berlins dann ein Störfaktor, der die Option einer weiteren Zweistaatlichkeit zunichte machte.

tip Schon vor dem Fall der Mauer war die Öffnung des Ostblocks in West-Berlin zu spüren. Besucher aus den Ländern des Warschauer Paktes durften sich bis zu 30 Tage ohne Visum in West-Berlin aufhalten. Wie hat sich das bemerkbar gemacht?
Rott Freundlich gesagt waren die Auswirkungen der allmählichen Öffnung pittoresk, weniger freundlich könnte man sie chaotisch nennen. Wo heute der Potsdamer Platz ist, wurden damals Decken ausgebreitet, auf denen Besucher aus Polen Wurst und Butter feilboten. Wenn es geregnet hat, war es dort schlammig, aber die Berliner sind hin. Immer wieder hat man versucht, den Handel zu unterbinden, doch der Markt ist einfach weitergewandert, bis er wieder da ankam, wo er angefangen hatte. Es war eine ambivalente Erfahrung: Die Berliner wurden daran erinnert, wie weit ihre Stadt im Osten lag. Viele haben diese Verbindung abgelehnt, weil sie verunsichert waren.

tip War die Öffnung der Mauer trotz dieser Vorboten eine Überraschung?
Rott Schabowski hatte zwar eine neue Reiseregelung angekündigt, und Momper hatte Angst, dass der Verkehr zusammenbricht, aber man kannte weder den Tag noch die Stunde. Die Öffnung der Grenze in dieser Form, so plötzlich und noch dazu am Abend, war eine totale Überraschung.

tip Am Ende von Sven Regeners Roman „Herr Lehmann“ fällt die Mauer, aber die Protagonisten trinken erst noch ihr Bier aus, bevor sie zur Grenze gehen. War diese Haltung typisch für West-Berlin?
Rott Mit dieser Szene trifft Regener ein spezifisch Kreuzberger Milieu, das sehr in sich ruhte. Dieses Biotop hat sich nicht um die höheren
politischen Dinge gekümmert und musste nun befürchten, dass es mit der Gemächlichkeit bald vorbei ist. Der Rest von Berlin war sehr neugierig, man hat sich richtig gefreut.

tip Die Volksfeststimmung ist schnell abgeklungen. Schon am ersten Wochenende nach dem 9. November konnte West-Berlin den Besucheransturm kaum noch bewältigen. Wie hat sich das auf die Bevölkerung ausgewirkt?
Rott Es fing an mit dem Geruch: Je näher man der Gedächtniskirche kam, desto stärker lagen die Abgase der Zweitakter in der Luft. Die Menschen aus dem Osten wurden einem mit jedem Tag fremder, sie fielen auf mit ihren Bärten und mit ihren Moonwashed-Klamotten. Für die West-Berliner wurde es unbequem. Der Verkehr brach zusammen. Und doch gab es durchaus ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Endes der Isolation. Das sieht man auch daran, dass eine Mehrheit der West-Berliner später die Fusion mit Brandenburg befürwortete.

tip Wie wäre es mit West-Berlin weitergegangen, wenn die Mauer nicht gefallen wäre?
Rott Es gab ja schon vor dem 9. November Bestrebungen, die Berlin-Hilfen zu kürzen. Die Distanz, die zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik bestand, wäre ohne Mauerfall wohl noch größer geworden. Das Leben in West-Berlin wäre mühsamer und langweiliger geworden.

Interview: Heiko Zwirner / Foto: Fabian Schellhorn

Zur Person
Wilfried Rott, Jahrgang 1943, arbeitete zwischen 1977 und 2008 beim SFB/RBB als Kulturredakteur und Abteilungsleiter und ist Autor mehrerer Sachbücher. Seine aktuelle Veröffentlichung „Die Insel. Eine Geschichte West-Berlins 1948– 1990“ (C.H. Beck, 478 Seiten, 24,80 Ђ) ist die erste umfassende Darstellung der dramatischen Geschichte West-Berlins.

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