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Willkommenskultur

„Winterreise“ am Maxim Gorki Theater

Komisch, diese Deutschen – Das neu gegründete Exil Ensemble am Maxim Gorki Theater zeigt seine erste Arbeit: „Winterreise“

Foto: Ute Langkafel/ MAIFOTO

In Syrien war Ayham Majid Agha Professor an der Hochschule für Darstellende Künste. Als Regisseur und Schauspieler hat er unter ­anderem politisches Straßentheater gemacht – nicht ganz einfach in einer Diktatur. Jetzt ist er am Maxim Gorki Theater engagiert, seit kurzem leitet er das neu gegründete und dankenswerterweise unter anderem durch die Mercator Stiftung finanziell unterstützte Exil Ensemble.

Das unter dem Dach des Gorki Theaters gegrün­dete Exil Ensemble mit nach Deutschland emigrierten Theaterkünstlern aus Syrien, Palästina und Afghanistan ist nicht nur als Kontrast zu Inszenierungen, in denen europäische Regieprominenz geflüchtete Darsteller aus Krisengebieten als Echtstoff-Lieferanten und Authentizitäts-Garanten instrumentalisierten (wie etwa Milo Rau in „Empire“ an der Schaubühne) schon mal ziemlich sympathisch. Wenn das Theater es mit der Willkommenskultur ernst meint und Geflüchtete mit ihren Lebensgeschichten nicht nur als Themen-Reservoir benutzen, sondern auf Augenhöhe mit ihnen umgehen will (zum Beispiel als Kollegen), ist die Gründung des Exil Ensembles nur ein logischer Schritt. Weil es Ayham Majid Agha und dem Gorki Theater nicht um Mitleidbonus oder ein Ausstellen von Biografien geht, sondern um Theaterkunst, sind alle Beteiligten professionelle Schauspieler.

Ihre erste Produktion, inszeniert von der cultureclash-Komödien-erfahrenen Yael Ronen, macht das Ankommen in Deutschland und die Neukonstitution des Ensembles selbst zum Thema. Der Titel des Abends ist, kleiner Scherz am Rande, sehr deutsch („Winterreise“), aber trotzdem keine Anspielung auf Schuberts gleichnamigen Liederzyklus.
„Winterreise“ ist wörtlich gemeint: Die Schauspieler des Exil Ensembles, Maryam Abu Khaled, Mazen Aljubbeh, Hussein Al ­Shatheli, Karim Daoud, Kenda Hmeidan, Ayham Majid Agha und ihr deutscher Kollege Niels Bormann sind im Bus durch Deutschland gefahren. Bormann, der Eingeborene, macht den überforderten, aber schrecklich bemühten Reiseführer. Er will den Neuankömmlingen sein Land zeigen, von Kreuzberg bis zur Allianz-Arena in München oder Weimar, dem Schmuckkästchen der deutschen Klassik. Von dieser Reise handelt der Abend mit der für Ronen typischen Pointenorientierung und Verspieltheit. Hier ist pathosfreie Zone.

Auch wenn die Deutschland-Entdecker ausgerechnet an einem Montag in Dresden ­ankommen und ihnen der Anblick einer Pegida-Demonstration nicht erspart bleibt, auch wenn sie die Gedenkstätte im früheren Konzentrationslager Buchenwald besuchen, bleibt das Deutschland, das sie an diesem Abend entdecken, vor allem etwas skurril. Zum Beispiel wenn Maryam Abu Khaled sich darüber wundert, dass ihr neuer deutscher Freund in einer Beziehung lebt, die so offen ist, dass seine Hauptfreundin auch eine ­Intimfreundin hat. Oder wenn eine amtliche App im Dienst der kulturellen Integration ­darüber informiert, dass Deutsche gerne Sex haben und auch das Vorspiel nicht verschmähen. Der Abend ist etwas nett, harmlos und kabarettistisch, aber in der lässigen Ironie sehr unterhaltsam und in seinem menschenfreundlichen Charme eine Freude.

Maxim Gorki Theater Am Festungsgraben 2, Mitte, Eintritt 10–34 €

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