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Wir brauchen ?lebendige, ?gut durchmischte ?Wohnquartiere

Wir brauchen ?lebendige, ?gut durchmischte ?Wohnquartiere
Eine starke Berliner Zukunftsregion? Da wäre zum Beispiel der Korridor zwischen dem BER-Flughafen und der Innenstadt. „Dort wächst eine Boomachse heran“, sagt Harald Bodenschatz.
Der Berliner Stadtplaner und Architektursoziologe beschäftigt sich als assoziierter Professor im Center for Metropolitan Studies (CMS) mit Vergangenheit und Zukunft des Städtebaus – national wie international. Das CMS ist ein Thinktank der Technischen Universität Berlin zu Themen wie Gentrifizierung oder Mobilität in Großstädten.
„Eine neue Veröffentlichung des CMS ist das Buch „Radialer Städtebau“, das sich für die Reurbanisierung, also für die Rückkehr von städtischem Leben an die verkehrsumtosten Ausfallstraßen wie Frankfurter Allee, Müllerstraße, Bundesallee oder Landsberger Allee, einsetzt. Denn die viel beschworene neue Mobilität – mehr Fahrradfahrer, mehr Straßenbahnen, vielleicht sogar Seilbahnen, auch veränderte Autos – schafft Platz für eine vielfältigere Nutzung dieser Straßen: „Natürlich kommt eine solche Entwicklung nicht von selbst, sie muss politisch erwünscht sein, und sie muss durch konkrete Maßnahmen gestaltet werden“, sagt Bodenschatz.
Zwar teilt der Stadtplaner durchaus einige Visionen aus dem neuen „Stadtentwicklungskonzept Berlin 2030“ des Senats. Ein tragendes Stadtentwicklungskonzept mit zehn Zukunftsräumen zu entwerfen – von der „Smartcity Marzahn-Hellersdorf“ über ein wirkliches Stadtzentrum in der Berliner Mitte und den „urbanen“ Wedding bis zum Innovationsstandort Adlershof/Schöneweide mit Anschluss an den BER-Flughafen– ?findet Bodenschatz generell gut, „weil über die Tische der Verwaltung hinaus Richtung Zukunft gedacht wurde“.
Dennoch fehlt ihm im Konzept einiges. Zum Beispiel die Lösung des Steglitzer-Kreisel-Problems, eine Idee für das Messegelände oder die städtische Weiterentwicklung von Süd- und Ostkreuz. Was Bodenschatz aber wirklich wundert, ist, dass die Politik selbst ihr Szenario nicht besonders ernst zu nehmen scheint: „Jedenfalls habe ich nach der letzten Senatsklausur Anfang Januar nichts davon mitbekommen. Das Stadtentwicklungskonzept 2030 wurde nicht einmal erwähnt, geschweige denn dessen Umsetzung in Aussicht gestellt.“
Er moniert auch, dass sich das Strategiepapier so gut wie gar nicht mit dem anderen großen Berliner Problembereich beschäftigt – dem Wohnungsbau. Wie schwierig es ist, gerade hier für einen langen Zeitraum zu planen und vorherzusagen, weiß er allerdings selbst. Denn auch Bodenschatz ahnte 1999 bei einem damaligen Leerstand von 120?000 Wohnungen nicht, dass sich die Situation kurze Zeit später so dramatisch ändern würde. „Das hat sich, ehrlich gesagt, keiner vorstellen können.“
Aber: „Was man wirklich wusste, ist, dass preiswerter Wohnraum in dramatischer Weise wegbrechen wird, weil die Sozialwohnungen aus der Förderung auslaufen werden – und zwar in ganz großem Stil. Aber das hat die Politik um 2000 herum einfach nicht interessiert.“ Was Berlin benötige, seien “ lebendige, durchmischte Quartiere. Stadtwohnen, nicht isoliertes Wohnen. Und wir brauchen auch einen Schutz der bestehenden Quartiere vor allzu heftigen Veränderungen“.  
Wird es für Geringverdiener in 15 Jahren noch möglich sein, in Zentrumsnähe zu wohnen? Bodenschatz sagt vorsichtig: „2030 wird es besonders im Zentrum noch ein bisschen enger werden.“ Als gebürtiger Münchner weiß er nur zu gut, wovon er spricht. „Eine hundertprozentige Gentrifizierung halte ich aber für unwahrscheinlich.“
Dazu wären aber viele Grundfragen zu klären. Günstiger oder teurer Wohnraum: Was wird überhaupt gebraucht? Vor allem: Wie viel? Und wie soll der aussehen? In den USA werde viel mehr darüber nachgedacht, wie man in den Städten unterschiedliche Raumangebote machen könnte, um verschiedene Bevölkerungsschichten anzusprechen. „Das bedeutet dann aber auch: unterschiedliche Bauqualität“, sagt Bodenschatz. „Insgesamt werden in Zukunft mehr Menschen wahrscheinlich mit weniger Wohnfläche auskommen müssen, weil sie mehr gar nicht bezahlen können.“

Harald Bodenschatz

Letzten Endes hängt eben alles vom Geld ab. „Diese Stadt rafft sich noch auf, ein paar ganz gute Ideen zu entwickeln“, sagt Harald Bodenschatz. „Sie kann jedoch kaum etwas durchsetzen, wegen der katastrophalen Finanzsituation. Aber auch das entschuldigt natürlich nicht alles.“

Text: Iris Braun

Foto: David von Becker

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