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Käthe-Kollwitz-Preis

„Wir sind gefährlich“– Adrian Piper in der Akademie der Künste

Mit der US-amerikanischen Konzeptkünstlerin und Philosophin Adrian Piper hat eine kraftvolle ethische Position den Kollwitz-Preis der AdK gewonnen. Piper lebt seit 2005 in Berlin

Adrian Piper, Mauer, 2010. Video Installation: Fernsehmonitore, Videos mit zufällig programmierten Bildern, frische Rosen. Format variabel. Installationsansicht: Adrian Piper: „A Synthesis of Intuitions, 1965-2016″, Museum of Modern Art, New York, March-July 2018. Sammlung Adrian Piper Research Archive Foundation Berlin. © 2018. Digital image, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florenz. © APRA Foundation Berlin.

Adrian Piper, geboren 1948 in New York City, ist eine international arbeitende Künstlerin und analytische Philosophin. Seit Mitte der 1960er Jahre hat sie die amerikanische Konzeptkunst mitgeprägt – und deren Spektrum um Themen wie Geschlecht und Rasse erweitert. Ihre philosophischen Veröffentlichungen fokussieren auf Metaethik, Kant und Ethikgeschichte. Piper lebt und arbeitet seit 2005 in Berlin. Hier hat sie die APRA-Foundation Berlin gegründet, die junge Philosophen und multidisziplinär arbeitende Wissenschaftler mit Stipendien unterstützt. 2015 hat sie in Venedig den Goldenen Löwen als beste Künstlerin gewonnen, 2018 den Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste Berlin. Pipers Arbeiten finden sich in vielen wichtigen Museen weltweit. Kürzlich hat sie das autobiografische Buch „Escape to Berlin“ / „Flucht nach Berlin“ veröffentlicht.

tip Adrian Piper, erst einmal ganz herzliche Glückwünsche zum Käthe-Kollwitz-Preis 2018. Was bedeutet Ihnen Käthe Kollwitz?
Adrian Piper Ganz herzlichen Dank. Von diesem Preis bin ich zutiefst bewegt und riesig geehrt, als erste/r Amerikaner/in dafür ausgewählt zu werden. Käthe Kollwitz war meine erste große Heldin in der Kunst. Ich bin ihren Zeichnungen und Bildhauereien ziemlich jung begegnet, mit 14-15 Jahren. Ich war äußerst beeindruckt, sowohl von ihrer hoch raffinierten technischen Fähigkeit als Zeichnerin, als auch von ihrem Mitgefühl und ihrer Gerechtigkeitsliebe. Das Selbstporträt im Katalog der Akademie der Künste war mein Versuch, mit 17 Jahren die Zeichnungsart Käthe Kollwitz nachzuahmen.

tip Wir führen dieses Interview auf Ihren Wunsch per E-Mail. Wieso sprechen Sie lieber schriftlich?
Adrian Piper Aus zwei Gründen. Erstmals geht es um meinen Wunsch, in der Öffentlichkeit das zu sagen, was ich eigentlich meine, anstatt das, was von Dyspepsie oder Schlaflosigkeit oder schlechter Laune oder Geistesabwesenheit erzeugt wird. Ich bin nicht der Meinung, dass solche Äußerungen eine wichtige Bedeutung haben oder Einsicht in den Menschen anbieten. Denn ich bin kein großer Fan von freudianischer Psychologie. Freie Assoziationen drücken nur meinen vorübergehenden biochemischen Zustand aus, nicht meine tiefsten Zuneigungen oder Fantasien. Zweitens habe ich zu oft die Erfahrung bei Interviews gemacht, dass meine mündlichen Äußerungen falsch verstanden oder erinnert werden. Ich vergesse auch manchmal, was genau ich sagte oder wie ich mich ausdrückte. Das ist insbesondere ein Problem, wenn ich auf Deutsch spreche. Mein Wortschatz ist zu klein, um mich präzise auszudrücken, ohne dabei im Wörterbuch nachzuschauen. Dafür brauche ich Zeit. Beim ­Schreiben können wir jedoch viele dieser Ungewissheiten überspringen und bloß auf den Inhalt fokussieren.

tip Ihre Arbeit „The Probable Trust Registry: The Rules of the Game #1-3“ ist international – sie wurde 2015 mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet – und hier in Berlin – sie wurde 2017 im Hamburger Bahnhof gezeigt – wohl Ihre bekannteste Arbeit. Das Publikum konnte mit Ihnen einen Vertrag schließen – über die Grundwerte der Gesellschaft. Wie wichtig ist es für Sie, auf das Publikum zuzugehen?
Adrian Piper Als Künstler irgendein Werk in die Welt zu stellen ist automatisch eine Einladung an den Zuschauer, darauf zu reagieren. Die Dynamik dieser automatisch erzeugten, dreiteiligen Beziehung – zwischen dem Künstler, dem Werk, und dem Zuschauer – finde ich an sich hochinteressant. Ich habe damit in vielen Werken experimentiert und gespielt. Aber in „The Probable Trust Registry“ bietet das Werk dem Zuschauer die Chance, sich zu beteiligen, direkt durch eigene Handlungen eine bessere, stabilere und demokratischere Gesellschaft aufzubauen, und sich dadurch zu einer Gemeinschaft zusammenzuschließen, die die Grundlage dieser Gesellschaft – nämlich Vertrauen und Verantwortlichkeit – verkörpert. Meiner Meinung nach könnte nichts die höchste Wichtigkeit dieser Werte ändern. Denn ohne diese zerstört sich eine Gesellschaft selbst.

tip Das berühmteste Zitat von Ihnen aus den 1960er Jahren lautet: „The power of art is unlimited for social change“. Würden Sie das heute noch so sagen?
Adrian Piper Ja, unbedingt. Es wird jedes Mal bestätigt, wenn ein/e Künstler/in oder Autor/in oder Musiker/in von einem autoritären Staat bestraft, kriminalisiert oder eingesperrt wird. Wir sind doch echt gefährlich für solche Regime, weil wir die Grenzen des aktuellen Zustands in Frage stellen.

tip Die Kollwitz-Preis-Jury hat ihre Entscheidung u.a. so begründet: „Sie hat den Blick auf die afroamerikanische Kunstszene nachhaltig geprägt und der weiß-männlichen Sichtweise auf Kultur im Allgemeinen den Spiegel vorgehalten.“ Ist in dieser Hinsicht der soziale Wandel bereits eingetreten oder sind wir noch ganz am Anfang?
Adrian Piper Warte mal! Wollen wir doch nicht so schnell die weiß-männliche Sichtweise auf Kultur im Allgemeinen wegwerfen! Ich liebe diese Kultur und habe riesig viel davon gelernt. Am besten dehnen wir sie einfach aus, laden wir andere Sichtweisen simultan ein, lassen wir sie alle miteinander zusammenmischen und genießen wir, was für tolle neue Formen und Ideen da­raus entstehen. Wir sind schon gerade dabei.

tip Sie sind 2005 aus den USA geflohen und nach Berlin gezogen. Jetzt haben Sie gerade mit „Escape to Berlin. A Travel Memoir/ Flucht nach Berlin. Eine Reiseerinnerung“ ein Buch über die Gründe geschrieben. Warum der Terminus Flucht?
Adrian Piper Warum der Terminus Flucht passend ist und was die Gründe waren, kann nur Leser des Buches entdecken. Aber kurz gesagt war ich in Gefahr, der ich nur entkommen konnte, indem ich mein Land geheim und permanent verließ. Ich fing erst an zu schreiben, als ich mir selbst mit vollem Bewusstsein sagen konnte, was mir passiert ist und was für eine Gefahr das war. Das hat sehr lange gedauert. Erst nachdem das Buch fertig war, hatte ich das Gefühl, ich wurde nicht mehr von Angst und Sorge kontrolliert.

tip Deprimiert Sie die politische Weltlage?
Adrian Piper Sehr. Wir Menschen sind erbärmliche, schäbige Geschöpfe, zu dumm, aus unseren Fehlern zu lernen. Schade.

tip Zum Käthe-Kollwitz-Preis gehört eine Einzelausstellung. Im Gebäude der Akademie der Künste am Pariser Platz zeigen Sie drei ortsspezifische Installationen: „Mauer“, „Hier“ und „Das Ding-an-sich bin ich“. Warum haben Sie diese Arbeiten ausgewählt?
Adrian Piper Alle drei habe ich gemacht, seitdem ich 2005 nach Deutschland umgezogen bin. Sie drücken meine Reaktionen auf meine gegenwärtige Umgebung aus, aber zeigen auch, wie meine aktuellen Wahrnehmungen von meiner Vergangenheit geprägt sind. Meine künstlerische Arbeit ist immer eine Wirkung meiner Umgebung auf mich.

Käthe-Kollwitz-Preis 2018. Adrian Piper Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Mitte, Di–So 11–19 Uhr, Sa 1.9.–14.10., Eintritt 6/ erm. 4 €; bis 18 Jahre und Di 15–19 Uhr, Eintritt frei

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