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„Wir tauschten Kohlen gegen ­Theaterkarten“

?Wie Berlins Kulturleben nach Ende des Zweiten Weltkrieges inmitten von Ruinen aufersteht.

Die Stunde null begann in Berlin nicht mit einem Triumphmarsch. Es war eher eine katatonische Starre, die Stille nach dem letzten Schuss. Die Besiegten waren froh, noch einmal davongekommen zu sein, und die Sieger sahen nicht aus wie Sieger. Sie marschierten nicht, sie krochen in die ausgebombte Stadt, dreckig, blutverschmiert und abgekämpft: „Wesen von jenem anderen Stern, der Sowjetunion hieß“, wie es die Schriftstellerin Annemarie Weber in dem Roman „Westend“ beschreibt. Aber sie trugen etwas in ihrem Gepäck: Filme.
Und so sahen die Berliner nach über zwölf Jahren in einem notdürftig hergerichteten Kino in Friedenau erstmals wieder einen Film, der nicht die Goebbels-Zensur passiert hatte: „Professor Mamlock“, 1938 nach dem berühmten Bühnenstück von Friedrich Wolf in der Sow­jetunion verfilmt. Die tragische Geschichte eines jüdischen Arztes, der als Anhänger eines nationalkonservativen Deutschlands den NS-Terror nicht wahrhaben will. „Mein erster Russenfilm“, schrieb ein Leser an die „Berliner Zeitung“ vom 24. Mai 1945 – und obwohl „die Tonübertragung nur russische Worte brachte (…) fand ich mich, und auch die meisten Besucher, in die Handlung bestens hinein“.
Gerade vier Wochen ist es her, dass in der Schlacht um Berlin noch einmal fast 200?000 Menschen starben, SS-Leute durch die Häuser gingen, um Kinder für den „Endsieg“ zu rekru­tieren. Am 2. Mai um 15 Uhr enden die Kampfhandlungen. Es ist, als ob jemand gewaltsam die Uhr angehalten hätte. Berlin ist eine Trümmerwüste. Irmgard Tetzlaff, damals 19 Jahre alt, ledig, Zahnarzthelferin, hatte das Kriegsende in in der Schönhauser Allee erlebt, wo sie heute noch wohnt: „Ich war in einer Art Niemands­land. Auf der einen Seite waren die Russen, auf der anderen die SS. Die schoss mit der Flak über den Jüdischen Friedhof rüber. Und dann war es plötzlich still!“
Jan George, Bruder von Götz George und Sohn von Heinrich George, erinnert sich, dass die Familie „mit einem Boot auf die durch Brückensprengung zum Eiland gewordene Insel Wannsee“ übersetzte, um nicht der ukrainischen Konew-Armee in die Hände zu fallen. Später, als die Rotarmisten auch hier eintreffen, geht es zurück in die Bismarck­straße: „Mein Vater schaffte es irgendwie immer, dort zu sein, wo die Sowjets nicht waren.“
Es hilft ihm nichts, am 15. Mai wird der berühmte Schauspieler, der in der NS-Zeit auch in antisemitischen Filmen wie „Jud Süß“ mitwirkte, verhaftet. Kurz kann er noch Theater spielen: im Keller des neuen NKWD-Lagers Hohenschönhausen. Berta Drews bringt Textbücher und Kostüme, ein gutes Jahr später ist er tot, gestorben an einem Hungerödem im sowjetischen „Speziallager Nr. 7“ auf dem Gelände des vorherigen Konzentrations­lagers Sachsenhausen.
Coco Schumann, der Jazzgitarrist, kämpft derweil noch ums Überleben (siehe Interview S. 14). Er hatte mit Tullio Mobiglia gespielt, erst Schlagzeug, dann Gitarre – Django Reinhardt ist sein Vorbild -, dann holt ihn die SS ab. Im KZ Theresienstadt spielt er bei den Ghetto Swingers. Am 2. Mai ist er auf einem Todesmarsch. Doch bevor ihn ein Trupp des gefürchteten Generals Ferdinand Schörner erschießen kann, wird er von einem amerikanischen Vorauskommando gerettet
Die Kulturszene in Berlin gleicht in diesen Tagen einem Bahnhof. Mit dem Güterwaggon treffen die Überlebenden des Holocaust ein. Etwas komfortabler, mit dem Personenzug, die ersten Flüchtlinge aus dem Exil. Und dann sind da noch die, die nie weg waren: jene, die die Nazizeit in der „inneren Emigration“ überlebten – und jene, die sich geschmeidig anpassten und nun wie in einem Wartesaal auf weitere Verwendung hoffen.
Zum Beispiel Gustaf Gründgens. In Dahlem probt er in den Räumen des Harnack-Hauses die „Räuber“, ehe er von den Sowjets verhaftet wird. Gründgens, dem Klaus Mann in seinem Roman „Mephisto“ ein ebenso brillantes wie hinterhältiges Denkmal setzte, gehörte als gefeierter „Staatsschauspieler“ und Göring-Liebling zu den Säulen des NS-Kulturbetriebs, ähnlich wie der Dirigent der Berliner Philharmoniker, Wilhelm Furtwängler, den Erika Mann als „Hitlers gehätschelten ­Maestro“ bezeichnet.
Doch was aus der Ferne des amerikanischen Exils zur mephistophelischen Karikatur gerät, ist von Nahem betrachtet vielschichtiger. Sowohl Gründgens als auch Furtwängler bemühten sich um die Rettung verfolgter Künstler. „Systemstabilisierend“ war ihre Funktion trotzdem, wie der Theater­historiker Lothar Schirmer feststellte. Später werden beide entnazifiziert – und Klaus Mann nimmt sich in Cannes das Leben, vielleicht auch, weil sein Berliner Verleger eine Neuausgabe des „Mephisto“ ablehnt: „(…) denn Herr Gründgens spielt hier eine bereits sehr bedeutende Rolle“.
Hildegard Knef Hildegard Knef wird zum Gesicht des Wechsels. Nachdem sie schon in dem 1944 gedrehten Helmut-Käutner-Film „Unter den Brücken“ den melancholisch-stillen Abgesang auf den großen UFA-Film begleitete, verkörpert sie in Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“ den Aufbruch aus den Trümmern. Für ein paar Monate halten sich Kontinuität und Wandel die Waage, ehe die Berliner Kulturszene in die Nachkriegsroutine aus Wiederaufbau, politischer Reflexion und pragmatischer Spielplangestaltung verfällt.
Es ist Generaloberst Nikolai Bersarin, der als neuer Stadtkommandant mit dem berühmten „Befehl Nr. 1“ vom 28. April 1945 – da war Hitler noch am Leben! – die Wiederaufnahme der öffentlichen Versorgung anordnet. Ausdrücklich wird auch der Betrieb von „Vergnügungs­stätten“–Theater, Kinos und Zirkusse – ?genehmigt.
Die Berliner lassen sich nicht zweimal bitten. Nachdem Tanzveranstaltungen schon seit Stalingrad verboten waren, hatte Goebbels im September 1944 auch den Theaterbetrieb einstellen lassen. Jetzt kommen sie aus den Kellern, um wieder am Leben teilzunehmen. Sie räumen den Schutt aus dem Schöneberger Rathaus, damit dort Hans von Benda am 13. Mai mit dem Berliner Kammerorchester auftreten kann – „nicht einmal zwei Wochen, nachdem der letzte Schuss gefallen war“, schreibt die „Berliner Zeitung“ –, sie gehen zu den Konzerten im Großen Sendesaal des Funkhauses oder zu den Philharmonikern in den Titania-Palast in Steglitz. Das Kabarett Schall und Rauch bietet am 18. Mai Musik, Tanz, Akro­batik und Kunstmalerei zu den Klängen einer „Expresskapelle“.
„Wir tanzten im Prater und passten auf uns auf“, erinnert sich Irmgard Tetzlaff, denn neben „Hitler kaputt!“ ist „Komm, Frau!“ der zweite Satz, den russische Soldaten auf Deutsch beherrschen.
Es ist eine Explosion der guten Laune, eine Mischung aus wildem Amüsiertrieb und gusseisernem Verdrängungswillen, die auf Nazi­terror und totalen Krieg folgt. Die Amerikaner sind noch nicht da, aber sie haben via AFN schon mal ihren besten Mann geschickt: Glenn Miller. „,In the Mood‘ war für uns die Hymne der neuen Zeit, eine Art Erweckung“, erinnert sich Irmgard Tetzlaff, „wir stellten die Goebbels-Schnauze sofort auf den neuen Sender ein.“ Auch Jan George bastelt sich aus „alten Musiktruhen“ einen AFN-tauglichen Empfänger zusammen, wie er sich heute erinnert: „Swing kannte ich schon vom Soldatensender Calais, aber das war noch besser.“
Am 4. Juli rücken die Amerikaner auch offiziell ein, unter ihnen Billy Wilder, der als ehemaliger Berliner Drehbuchautor nun für den Aufbau von Film und Propaganda zuständig ist. Er trifft auf eine Ruinenstadt, in deren notdürftig hergerichteten Höhlen sich Soldaten, Swingmusiker, Nachtclubsängerinnen und Zigarettenschmuggler die Klinke in die Hand geben.
Verarbeitet hat er diese Eindrücke in seinem Film „Eine auswärtige Affäre“ (1948), in dem eine morbid-verführerische Marlene Dietrich den Sound der Stadt auf den Punkt bringt: „Want to buy some illusions? Slightly used. Second hand.“
Der Sommer gehört den Freilichtveranstaltungen, ehe im Herbst auch die großen Bühnen eröffnen. Die Menschen stehen Schlange, um billig an Premierenkarten zu kommen. „Wir tauschten Kohlen gegen ­Tickets“, sagt Tetzlaff, die noch wenige Wochen zuvor fast Opfer eines Blindgängers geworden wäre. „Wir gingen zu Boleslaw Barlog ins Schlosspark Theater oder wärmten uns auf Scheinwerferboxen im Deutschen Theater.“
Der Premierenbesuch gestaltet sich noch etwas schwierig – der Theaterkritiker Friedrich Luft muss auf dem Weg vom Nollendorfplatz zum Deutschen Theater in der Schumannstraße auf Rohren über den Landwehr­kanal balancieren, an ausgebrannten Panzern und biwakierenden Russen vorbei durch den Tiergarten schleichen und mit einem löchrigen Boot über die Spree ­setzen –, aber bald kann Berlin mit drei Musik­theatern, diversen Orchestern und über 20 Sprechbühnen wieder zum internationalen Niveau aufschließen.
Auch Christa Ronke, damals 15, schreibt am 20. Juni in ihr Tagebuch: „Es ist ein wunderbarer Sommerabend. Die Philharmoniker spielen auf dem Platz vor unserer Schule. Leo Borchard dirigiert. Erna Berger singt.“
Zwei Monate später ist Leo Borchard tot. Er wird von einem amerikanischen Soldaten bei der Einfahrt in den amerikanischen Sektor, Höhe Bundesplatz, erschossen – weil er sein Fahrzeug nicht angehalten hat. Es ist eben doch keine Stunde null. Es ist einfach nur fünf nach zwölf.

Text: Karl-Hermann Leukert

Mitarbeit: Andrea Hahn

Fotos: Deutsche Fotothek/ Wikimedia Commons; Bain News Servicepublisher/ WikimediaCommons

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