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Kultur

"Wir verteidigen die Straße"

Myfest am 1. Mai

tip Herr Ipekcioglu, erst seit März scheint nach langen Debatten klar, dass das Myfest 2016 stattfindet. Haben Sie noch Zweifel daran?
Soner Ipekcioglu Nein, das findet statt. Aber ich bin mit der ­Situation nicht zufrieden. Keiner von uns.

tip Was meinen Sie damit?
Soner Ipekcioglu Wir mussten unglaublich viele ­Zugeständnisse machen, die uns ganz viele Magenschmerzen bereitet haben. Deshalb sind auch einige Bühnen abgesprungen, weil es Platzprobleme gegeben hätte. Trinkteufel und Oranienplatz vor allem. Es ist auch ein Sicherheitsrisiko.  Man vergisst immer beim Myfest, dass es ­eigentlich darum gehen sollte, dass Randalierer wie auch die Polizei keinen Weg haben, um durchzugehen. Wir wollten diese Wege durch Tanzen und Musik blockieren.

tip 2015 waren bis zu 40.000 Besucher auf dem Myfest. Damals hatten Sie 18 Bühnen und 300 Stände, jetzt nur noch acht Bühnen und 120 Stände. Die Fläche wurde aus Sicherheitsgründen stark reduziert.
Soner Ipekcioglu  Wir hatten früher ein zusammenhängendes Areal. Jetzt sind es eigentlich nur drei Straßenzüge. Die  ganze Adalbertstraße ist ­weggefallen. Wir haben einen Teil der Naunynstraße verloren, die war unglaublich wichtig. Das wurde alles zu einem Feuerwehrsicherheitsweg erklärt. Da konnten wir nichts mehr machen.

tip Ein Ärgernis vor einem Jahr: Straßen-  und Eckenpinkler. Reichen die Klos diesmal?
Soner Ipekcioglu Wir haben sieben große Toilettencontainer und ungefähr 32 Dixiklos. Eigentlich müssten die Klos diesmal reichen. Aber wenn die ­Leute dann noch auf die Straße pinkeln, müsste man eigentlich mal mit ihren Eltern reden. ­Vielleicht bin ich ja ein merkwürdiger Mann.  Aber ich habe noch nie auf die Straße gepinkelt.

tip Nachdem sich der Bezirk von den Planungen verabschiedet hat, ist die Myfest-Crew der Veranstalter und hat einen Verein gegründet. Ist die Vorbereitung jetzt leichter?
Soner Ipekcioglu Wir haben nie ein Jahr, wo wir mal sagen können: Alles Friede, Freude, Eierkuchen, wir haben eine wunderschöne Planung. Gibt’s nicht. Wir müssen immer kämpfen.

tip Die Revolutionäre 1.-Mai-Demo hatte ihr Route über das alte Myfest-Gelände früher angemeldet. Die Polzei hat sie untersagt.
Soner Ipekcioglu Wir begrüßen, wenn ihre Demo über das ehemalige Myfest-Gebiet führt. Wir werden um 18 Uhr auch die Musik leiser drehen, wenn nicht sogar ganz  ausmachen. Aus Respekt.

tip Hat sich die Antifa schon dafür bei Ihnen bedankt?
Soner Ipekcioglu Für die sind wir eine feindliche Veranstaltung.

tip Das Myfest scheint ständig in der Verteidigungsposition zu sein. Bei einer ­Diskussion mit dem Bündnis zur Vorbereitung der Revo­lutionären 1.-Mai-Demonstration im S036, wo Ihre Schwester DJ Ipek für den Verein dabei war, sagte einer, es streue "Glitzer auf die Scheiße".
Soner Ipekcioglu Ja, das Myfest ist immer in der Verteidigungsposition. Wir wollen die Straße verteidigen gegen die Gewalt von der Polizei, von Randalierern.  Wir machen jetzt striktere Vorgaben für die Bühnen, für die Zeiten für politischen Stände. Deshalb danken wir Silke Fischer für die Klage …

tip …die frühere SPD-Kreischefin Silke Fischer hatte 2003 das Myfest initiiert und sich 2010 von der Organisation zurückgezogen.
Soner Ipekcioglu … weil sie uns endlich ein Mittel gegeben hat, neu zu strukturieren.

tip Die Klage gegen das Myfest kam aber von ihrem Mann. Unter anderem wegen Lärmbelastung, Überfüllung, Dreck.
Soner Ipekcioglu Ich war im März dabei, als die Klage erhoben wurde. Sie war auch da. Natürlich hat sie ihren Mund gehalten. Meine ehemalige beste Freundin übrigens. Sie war es, die mich zum Myfest geholt hat.

tip Wie geht es ab 2. Mai im Verein weiter?
Soner Ipekcioglu Es gibt Gerüchte, dass Silke Fischer eine neue Truppe anführen soll. Sie will wohl den Verein wieder übernehmen. Wissen Sie, ich schätze sie für das, was sie am Anfang gemacht hat, immer noch sehr. Das heute ist alles eine ­große Enttäuschung.

tip Ihr Spaßfaktor kann nicht mehr hoch sein.
Soner Ipekcioglu Ich glaube, ich bin seit 2006 oder 2007 dabei. Wenn ich 65 bin und in Rente gehe, kann ich freudig sagen: Ich habe etwas für meine ­Gesellschaft gemacht. Auch noch als Migrant. Ich bin mit 13 Jahren nach Deutschland gekommen. Jetzt bin ich 42.  Ich werde zurückschauen und mich fragen: Was hast du in deinem Leben geschafft? In meinem Fall ist es das Myfest. Und das Skifahren (lacht).

tip Dafür werden Sie auf Facebook beschimpft, weil Sie nach Verhandlungen mit dem ­Innensenator von der CDU gesagt haben, Frank Henkel sei netter als im Fernsehen.
Soner Ipekcioglu Ist ja auch meine Meinung. Man kann von der CDU halten, was man will. Wenn ich sehe, was Merkel alles in der Flüchtlingsdebatte einstecken muss, habe ich Respekt vor ihr. Werde ich deswegen CDU wählen? Nein.

tip In Kreuzberg macht man sich keine Freunde, wenn man Henkel und Merkel mag.
Soner Ipekcioglu Dann sollen die mit mir diskutieren.

tip Es gab ja auch mal die seltsame Idee, dem Fanmeilen-Organisator Willy Kausch das Fest zu übertragen. Sie waren bei einem Sondierungsgespräch des Bezirks dabei.
Soner Ipekcioglu Leute haben ihn ein Tag vor dem Treffen auf dem Mariannenplatz vor dem Bethanien mit drei, vier anderen Leuten gesehen, wie die mit einem Laser Aufmaß für eine Fanmeile gemacht haben. Unser Gespräch mit ihm bei Monika Herrmann hat wunderbare fünf ­Minuten gedauert. Dann hat er eingesehen, dass wir politisch sind und kein Kommerz.

tip Das Myfest wird also wieder politischer?
Soner Ipekcioglu Warum war Kreuzberg früher bei den Mieten so günstig? Weil es dreckig war. Das Myfest hat leider dazu beigetragen, dass es etwas aufgeräumter wurde. Also: Kreuzberg wurde teurer. Aber dass wir jetzt verdrängt werden aus unserem eigenen Kiez, das ist das Schlimmste. Und das ist die große Aussage des Myfest.

tip Mit welchen Gefühlen gehen Sie selbst hin?
Soner Ipekcioglu Ich bin 2002 aus der Waldemarstraße ausgezogen, da gab es noch kein Myfest, weil ich mein Kind nicht mit dieser Gewalt aufwachsen sehen wollte. Ich bin ein paar Straßen weiter in die Blücherstraße gezogen. Heute würde ich wieder zurückziehen.

Interview: Erik Heier
Foto: Map tiles by Stamen Design, under CC BY 3.0 / Data by OpenStreetMap, under ODbL; privat

14. Myfest
2003 wurde das Myfest begründet, um die Kreuzberger 1.-Mai-Straßenkrawalle zu befrieden. Das gelang meist gut.
Vor dem Aus stand das Myfest nach der 2015er Auflage: wegen Überfüllung, Lärm, Sicherheitsbedenken. Der Bezirk zog sich als Organisator zurück.

Dieses Jahr ist das Fest in drei Areale aufgeteilt: Oranienplatz mit Oranienstraße, am Mariannenplatz und in der Waldemarstraße. Dort wird es insgesamt am 1. Mai drei politische Kundgebungen geben. ?Start: 12 Uhr. Ende: 22 Uhr.

Mehr unter: www.myfest36.de

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