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Baden in Berlin

„Wir wollen flexibler werden“ – Gespräch mit Berlins Bäderchef

­Seit März 2016 ist Andreas Scholz-Fleischmann Berlins Bäderchef. Der tip sprach mit ihm über Security-Einsätze, warum Kombibädern die Zukunft gehört – und das Wetter

Andreas Scholz-Fleischmann, Foto: Elke A. Jung Wolff

Der Unternehmsberater Andreas Scholz-Fleischmann übernahm im Frühjahr 2016 den vakanten Posten des Vorstandsvor­sitzenden bei den Berliner Bäderbetrieben. Wie man ein defizitäres, öffentliches Unternehmen wieder auf Vordermann bringt, hatte Scholz-Fleischmann zuvor von 2004 bis 2014 bei der Berliner Stadtreinigung bewiesen

tip Herr Scholz-Fleischmann, wir hatten ­gerade einen Jahrhundertregen, gefolgt von kühl-trübem Wetter. Fällt die Freibadsaison dieses Jahr ins Wasser?
Andreas Scholz-Fleischmann Das weiß man nicht. Die Wettervorhersagen sind ja immer nur für etwa drei Tage belastbar. Die letzte Zeit war nicht so toll. Aber das kann sich in den nächsten Tagen ändern.

tip Wie wichtig ist gutes Wetter für Sie?
Andreas Scholz-Fleischmann Sehr wichtig, weil 60 Prozent unserer Wasserflächen draußen sind. Ein Großteil unserer Badegäste sind Sommerbadegäste. Von denen hängt ein wichtiger Teil unseres Umsatzes ab. Unsere Besucherzahlen sind sehr, sehr wettersensibel. Die Mehrheit der Gäste kommt ab 26 Grad. Darunter ist es mau. Temperaturen und Besucherzahlen sind völlig synchron: 28 Grad – auf ins Schwimmbad! 20 Grad Außentemperatur sind für 80 Prozent der Besucher völlig indiskutabel. Denn „Baden gehen“ heißt für viele auch: in der Sonne auf dem Handtuch liegen, die Rutsche nutzen und ein bisschen im Wasser plantschen.

tip Wenn es heiß und viel los ist, dreht so ­mancher frei. Wie viele Security-Mitarbeiter brauchen Sie in den Sommerbädern?
Andreas Scholz-Fleischmann Wir haben für jedes Sommerbad ein Sicherheitskonzept zusammen mit der Polizei und einer Sicherheitsfirma entwickelt, so dass jede der drei Parteien genau weiß, was im Konfliktfall ihre Rolle ist. Das läuft seit etwa zwei, drei Jahren und hat sich sehr bewährt. Im letzten Jahr hatten wir keine Badräumung, was es davor schon mal gab. Die Anzahl der Sicherheitskräfte ist je nach Bad aufgrund von ­Erfahrungswerten unterschiedlich. Das ist auch wetterabhängig. Wenn die Badleitung weiß, da kommt ein Wochenende mit 32 Grad, dann wird entsprechend Verstärkung geholt. Bereits die Anwesenheit von Security-Mitarbeitern wirkt präventiv.

tip Es gibt Gäste, die gehen bei jedem Wetter ins Freibad. Von denen standen Anfang Juli, als das Bad am Humboldthain oder in das in der Wuhlheide wegen Regens zu war, viele vor verschlossenen Türen. ­Jedenfalls, wenn sie nicht wussten, dass ein paar Hallenbäder stattdessen geöffnet hatten. Auch an anderen Tagen kann es passieren, dass man bei „seinem“ Bad vor verschlossener Türe steht.
Andreas Scholz-Fleischmann Das ist ein Kommunikationsproblem. Dabei kann man sich jetzt schon in den E-Mail-Verteiler seines Stammbades aufnehmen und kurzfristig darüber informieren lassen, wenn es außerplanmäßig schließt. Aber nicht jeder bekommt E-Mails, und nicht jeder liest seine E-Mails. Außerdem vergeht zwischen der ­Problemfeststellung und der Meldung im Internet etwa eine halbe bis dreiviertel ­Stunde. Denn zuerst versuchen wir, Abhilfe zu schaffen. Nur wenn die schnelle Lösung nicht ­gelingt, die Wasserwerte nicht stimmen oder die Belüftung ausfällt – was beides gesundheitsgefährdend wäre –, wird das Bad geschlossen und zeitgleich im Internet gemeldet. Wir denken jetzt über eine Bäderbetriebe-App nach, mit der wir unsere Gäste dann hoffentlich noch schneller erreichen.

tip Bei den Kombibädern Seestraße, Gropiusstadt und Mariendorf bestand das Problem mit den verschlossenen Türen wegen schlechten Wetters nicht. Man hat die Bade­gäste einfach in die Halle gelassen.
Andreas Scholz-Fleischmann Kombibäder wollen wir auch in den zwei ­Bezirken bauen, die bislang eher unterversorgt sind. Nach Pankow sind in den letzten Jahren viele Familien mit Kindern gezogen, da errichten wir anstelle der alten, nicht mehr sanierfähigen Schwimmhalle ein Kombibad. Auch das Kombibad in Mariendorf wird komplett neu gemacht. In diesen Bädern kann man dann 365 Tage im Jahr drinnen oder draußen baden.

Foto: David von Becker

tip Sie suchen derzeit nach Mitarbeitern, vor allem nach Bademeistern.
Andreas Scholz-Fleischmann Wir haben rund 700 Mitarbeiter im Unternehmen, etwa 600 im Badbetrieb, die anderen in der Verwaltung. Wir sind gerade dabei, eine Bedarfsanalyse zu machen: Wieviel Menschen brauchen wir in welchem Schwimmbad für einen sicheren Betrieb? Dabei muss man ­berücksichtigen, dass Mitarbeiter in Urlaub gehen oder krank werden. Mit dieser Über­legung kommt man zu einem Bruttobedarf, der übers Jahr in den Bädern sehr schwankt. Es fehlen bei den Bäderbetrieben noch Leute, aber nicht wahnsinnig viele. Und wir haben einen internen Re-Organisationsbedarf: Wir müssen zusehen, dass die richtigen Leute im richtigen Moment im richtigen Bad sind.

tip Wie wollen Sie das schaffen?
Andreas Scholz-Fleischmann Wir sind dabei, Bäder-Verbünde herzustellen: Zwei oder drei Bäder sind regional in einem Verbund, die eine gemeinsame Dienstplanung machen. Wenn in einem Bad Leute gleichzeitig krank werden und wir schließen müssten, könnten wir dies durch die Verbünde reduzieren, wenn nicht sogar ausschließen, weil wir flexibler reagieren können.

tip Viele Gäste wünschen sich, dass Freibäder bei schönem Wetter länger offen haben.
Andreas Scholz-Fleischmann Im letzten Spätsommer ist uns das ja sehr gut geglückt. Normalerweise machen wir die meisten Freibäder im September zu. Aber weil es nach einem durchwachsenen August im September 2016 nochmal richtig warm wurde, haben wir zehn Sommerbäder länger offen gehalten. Auch an den Abenden während der Sommersaison wollen wir flexibler werden. Wir bereiten mit unseren Tarifpartnern eine neue Regelung vor, nach der, wenn unsere Kolleginnen und Kollegen zwei Stunden länger arbeiten, oder wenn sie arbeiten, obwohl sie eigentlich frei hätten, es für sie Boni gibt. Sehr viel schwieriger ist es, im Frühjahr mit vorzeitigen Öffnungen auf schönes Wetter zu reagieren. Die Bäder müssen nacheinander sommerfest gemacht werden. Das können wir nicht gleichzeitig machen, denn das können bei uns keine Aushilfen, sondern nur Stammbeschäftigte erledigen. Die Mitarbeiter müssen die ­Systeme hochfahren, sich mit der Technik auskennen, es müssen Wasserproben analysiert werden, das Gesundheitsamt kommt, und oft müssen noch Fliesenschäden repariert werden.

tip Im Prinzenbad soll ein Edelstahlbecken eingesetzt werden. Das mögen nicht alle.
Andreas Scholz-Fleischmann Wir wollen das nicht nur im Prinzenbad haben, sondern über die nächsten zehn Jahre wollen wir in allen Sommerbädern Edelstahlbecken einsetzen. Das ist zum einen sehr hygienisch, außerdem ist es nicht so korrosionsanfällig, und wir hätten nach dem Winter dann auch keine Fliesenschäden mehr, die teuer saniert werden müssen. Edelstahlbecken sind zwar teurer in der Anschaffung, aber länger haltbar und dadurch wirtschaftlicher. Im Schwimmbad am Olympiastadion haben wir bereits solche Becken, da wird das gut angenommen.

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