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Wissenschaftler entdecken Yoga als Thema

Yoga und Wissenschaft

Auf seiner Wanderung durch Indien sah Dayananda Saraswati eine Leiche im Fluss treiben. Der Yogi zog sie heimlich aus dem Wasser und schnitt sie auf. Er wollte endlich die Chakras sehen, über die er gelesen hatte, jene radförmigen Energiezentren im Körper, an die so viele Yogis glauben.
Das war 1855, als die Inder begannen, die Wirkungen von Yoga auch wissenschaftlich zu untersuchen. Heute sind die Forscher deutlich weiter. Wissenschaftler und Ärzte schälen Yoga aus seinen religiösen und folkloristischen Zusammenhängen heraus und übersetzen die Lehre in moderne Übungssysteme und Therapie. Die Berliner Ärzte und Yogatherapeuten Imogen Dalmann und Martin Soder etwa verfolgen seit Jahren aufmerksam das Forschungsgeschehen. Bei ihrer Behandlung von Migräne bis Rückenschmerzen profitieren sie von einem „ungeheuren Wissenszuwachs, den wir in den letzten Jahrzehnten durch die rasante Entwicklung der Physiologie, Pathophysiologie, Psychologie und nicht zuletzt der Neurowissenschaften gewonnen haben“, wie sie in ihrem neuen Buch „Heilkunst Yoga“ schreiben.
Nicht jede Studie ist seriös. Versuche mit Personen, die nach der Yogastunde Auskunft über ihre Erfahrungen geben, sind stark von Interpretationen abhängig. Überzeugender wirkt dagegen die Hirnforschung. Zu den Meilensteinen gehören die Untersuchungen des amerikanischen Hirnforschers Richard Davidson an der Universität Wisconsin-Madison. Tibetische Mönche meditierten 2008 für ihn im Kernspintomografen. Seitdem ist Friedfertigkeit messbar: Durch regelmäßige Meditation – und dazu zählt auch Yoga als „Meditation in Bewegung“ – entwickeln sich jene Partien des Gehirns, in denen Hirnforscher Empathie und soziales Verhalten verorten. Man weiß heute auch, dass das Gehirn bei der Meditation sehr aktiv ist (messbar durch die sogenannte Gammastrahlung). Dass es Übung kostet, sich nicht ablenken zu lassen, sondern mit der Aufmerksamkeit ununterbrochen bei einem neutralen Gegenstand wie dem Atem zu bleiben. Der Rekord liegt bei etwa acht Sekunden, durch einen tibetischen Mönch. Die eigene mentale Fitness nachweisen zu können, sagt Richard Davidson voraus, wird 2050, etwa in Bewerbungsverfahren, normal sein.
Apropos soziales Verhalten: Die Niederlausitz-Grundschule in Kreuzberg führte als deutschlandweit erste Schule Yoga als Pflichtfach ein.  Das Beispiel machte, na ja, Schule. Die Bedenken muslimischer Eltern, ob sich Yoga mit Allah vertrage, kann der Bildungsträger ProYoBi zerstreuen. Religiöse Praktiken spielen keine Rolle. Die Dissertation von Yogalehrerin Petra Proßowsky belegt, wie positiv ihr körperorientiertes Programm die Motorik und Konzentrationsfähigkeit der Kleinen fördert.
Yoga lebt von der „Selbstwirksamkeitserwartung“ – dem Wissen, dass es funktioniert. Die Wissenschaft liefert dafür die Sicherheiten. So kann ein Hirn- und Meditationsforscher wie Ulrich Ott von der Universität Gießen in seinem Buch „Yoga für Skeptiker“ den Sinn jeder Übung wissenschaftlich begründen. Während Dayananda vor 150 Jahren seine Bücher noch enttäuscht ins Wasser schleuderte, als er kein Chakra fand, zitiert Ott die Psychologin Liane Hofmann, die unter anderem über Energieerfahrungen beim Üben forscht. Es kann nämlich zu sogenannten somatosensorischen oder vegetativ-energetischen Phänomenen kommen. „Dazu gehören strömende, kribbelnde, prickelnde, wirbelnde oder krabbelnde Empfindungen im Körperinneren oder auf der Haut.“ Aber die kann man mit dem Skalpell natürlich weder untersuchen noch entfernen.

Text: Till Schröder

Foto: Deklofenak/ Fotolia.com


Zum Weiterlesen
:

Yoga für Skeptiker von Ulrich Ott (O.?W. Barth), ?281 S., 19,99 Euro.

Heilkunst Yoga von Imogen Dalmann, Martin Soder, (Viveka), 118 S., 19,90 Euro.

Science of Yoga von William J. Broad, der Journalist der New York Times schreibt kritisch über Forschungsstand, Klischees und Verletzungen beim Yoga. Er selbst übt seit über 40 Jahren Yoga. (Herder), 400 S., 22 Euro.

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