Spiritualität

Wo ist dein Gott?

Wie gehen Menschen mit existenziellen Krisen um? Stellen sie sich die Glaubensfragen neu? Oder anders? Oder jetzt erst recht nicht? Ende Mai ist Kirchentag in Berlin und Wittenberg. Wir haben uns im Vorfeld mit ­Menschen getroffen, die solche Krisen erlebten: ein schwerkrankes Kind, Krieg, Drogensucht, eine Krebs-­Diagnose, religiöser Wahn.  Geschichten über Glaube und Hoffnung

Foto: FA Schaap

Aus heiterem Himmel: Emilia K.*, Ende 30, Ärztin, ist katholisch. Bei ihrem Sohn wurde Mukoviszidose diagnostiziert, eine chronische Krankheit. Was macht das mit ihrem Blick auf Gott?

Drei Tage nachdem unser erstes Kind geboren wurde erfuhren wir: Da ist irgendwas nicht in Ordnung. Unser Sohn hat Mukoviszidose, eine chronische, angeborene Stoffwechselkrankheit, die vorwiegend die Lunge betrifft. Die Prognose ist unklar, der Verlauf hängt auch von den Umständen und der sonstigen Grundkonstitution des Kindes ab. Das war vor drei Jahren. Es traf uns wie aus heiterem Himmel.
Mein Mann und ich sind beide katholisch. Ich gehe selten in die Kirche; wenn, dann aber sehr gerne. Ich bin schon gottverbunden, ich komme ja aus einer christlichen Umgebung.  Mein Vater war Pfarrer, er hat aber seinen Beruf aufgegeben, als er sich in meine Mutter verliebte. Seinen Glauben aber hat er nicht aufgegeben. Von ihm habe ich gelernt, dass man sich frei im Glauben bewegen darf, ohne sich in ein starres Korsett zwängen zu müssen.
Als klar war, dass wir dauerhaft sehr viel für die Gesundheit unseres Sohns tun müssen, habe ich mich erst gefragt: Was soll das? Warum hat es unseren Sohn und uns getroffen? Vielleicht zwei Monate war ich in dieser Schleife, dass ich nach dem Sinn gesucht habe. Dann wusste ich: Das bringt nichts. Natürlich hat das keinen Grund. Es ist einfach so, und eben das ist für uns jetzt das normale Leben.
Habe ich gebetet? Nein. Ich bete nicht mehr im klassischen Sinne. Damit habe ich vor vielen Jahren aufgehört, als ich siebzehn war und meine Mutter gestorben ist. Paradoxerweise hat mir dieser Schicksalsschlag jetzt geholfen, weil ich wusste, dass es möglich ist, wieder ein glücklicher Mensch zu werden, auch wenn einem das widerfährt, was man für das Schlimmste hält.
Es ist eine komplexe Erkrankung, man muss sich auf viele neue Dinge einstellen. Nach einem Jahr haben wir gemerkt: Wir können gut damit umgehen. Ein zweites Kind wollten wir schon immer. Wir haben damals gedacht: Wenn es so sein sollte, dass es auch diese Erkrankung hat, dann ist es eben so. Wir haben das Schicksal entscheiden lassen.
Mein Blick auf Gott hat sich in all den Jahren nicht verändert. Ich fühle mich eingebettet in etwas Größeres, Ganzes. Schutz oder Rat suche ich nicht konkret bei ihm. Aber ich glaube auch daran, dass es keinen strafenden, keinen schlechten Gott gibt. Man wird mit dem beladen, was man fähig ist zu tragen. Aufgezeichnet von Erik Heier

Foto: FA Schaap

Überall sah ich Gottes Zeichen: Chouchou Z., 42, half Frauen aus Kriegsgebiete. Irgendwann heulte sie selbst nur noch – und steigerte sich in einen religiösen Wahn gegen ihren Freund

Aufgewachsen bin ich total und komplett atheistisch. Religion war in meinem Umfeld in West-Berlin praktisch nicht existent. Hat mich auch nie gestört, ich hatte ein liebevolles Zuhause und spürte jeden Morgen beim Kuscheln mit meinen Eltern, dass wir ein Herz und natürlich auch eine Seele sind. Klar, irgendwas muss da sein, aber nichts, was nur durch das jahrtausendealte menschengemachte Unterdrückungsinstrument „Kirche“ erlebt werden kann.
Vor ein paar Jahren, lange bevor die Willkommenskultur einsetzte, kümmerte ich mich ehrenamtlich um Frauen aus Kriegsgebieten, die alle, meist mehrfach, vergewaltigt worden waren und zum Teil ihre Kinder, Männer und Eltern begraben mussten, bevor sie unter schwierigsten Bedingungen nach Deutschland kamen. Es war ein Horror. Natürlich wollte ich diesen Frauen etwas von meinem glücklichen Leben, meiner natürlichen guten Laune und meinem Humor abgeben, damit ihr Leben erträglicher wird. Menschlich, nicht religiös motiviert war ich da.
Zusammen mit einer Freundin dachte ich, wir könnten – ohne Ahnung, außer dem bisschen, was wir uns im Netz angelesen hatten – als Hobby-Traumatherapeutinnen für diese Frauen tätig werden und zogen uns von morgens bis nachts deren Geschichten rein, versuchten zu trösten. Diese Frauen waren meist sehr gläubig, egal ob aus dem christlichen oder islamischen oder hinduistischen Raum. Gott und wo er sei, warum er alle verlassen hätte, das waren ständige Themen, genau wie die permanente Männergewalt, die sie durchlitten. Einige hatten auch totale Angst vor ihren Männern, vor denen sie weggelaufen waren, oder vor Geheimdiensten, die sie überall vermuteten. Alles war so dramatisch und traurig, und wir konnten mit nichts richtig umgehen. Später erst lernte ich, dass man diese Art der Betreuungsarbeit maximal zwei Stunden pro Tag leisten sollte – als Geschulte! – und das waren wir nun wirklich nicht.
Irgendwann konnten wir selber auch nur noch heulen, und als meine Freundin meinte, sie habe keine Tränen mehr – die waren nach sechs Wochen echt alle – fing sie an, sich wegen der kleinsten Dinge mit ihrem Freund zu streiten und zu schlagen. Auch mit mir geriet sie aneinander. Vorher war sie religiös gewesen, nun begann sie, Gott zu verfluchen. Bei mir war es anders, immer öfter kamen mir Gedanken an Gott, in der Art wie: „Ich bin auserwählt, das Leid und die Kriege dieser Welt zu stoppen“.
Als mein damaliger Freund, den ich immer noch schrecklich liebe, aus dem Urlaub zurückkam, war ich super aggressiv und wollte ihn in meine Pläne einweihen, dazu sah ich ziemlich viele vermeintliche Zeichen überall, ich glaube, ich dachte, es seien Zeichen nur für mich, von Gott, mit denen er mich leiten wollte. Als mein Freund mich zur Räson bringen wollte – ich war hysterisch und brüllte ihn an, warum er denn nicht meine Einsichten und Wahrheiten verstehen wollte –, kam es auch zwischen uns zu einer Schlägerei, und in meinem Wahn war ich stärker als er und richtete ihn schlimm zu, was ich bis heute bereue wie sonst nichts in meinem Leben.
Heute sprechen wir wieder als Freunde miteinander, aber die Liebe, die er damals für mich hatte, wurde von mir weggeprügelt. Gott sehe ich jetzt wieder eher als eine spirituelle Kraft des Universums, und mit dem Papst will ich überhaupt nix mehr zu tun haben, genauso wenig wie mit der NATO und den Geheimdiensten. Aufgezeichnet von Jasna Zajcek

Foto: FA Schaap

Gott verbindet mich mit den Kids: Maxi S.*, 29, verliebte sich in einen älteren Mann, bekam mit ihm eine Tochter und einen Sohn. Plötzlich war er weg – mit den Kindern

Ich war jung und naiv, als ich mich gleich nach dem Abitur in einen aufregenden, weltgewandten und polyglotten Mann, doppelt so alt wie ich, verliebte. Er lud mich in sein Leben ein, ich folgte ihm. Ein paar Jahre waren wir glücklich, ich konnte in den USA an einer tollen Uni studieren, bekam regelmäßig Schmuck von unserem Hausjuwelier und durfte die luxuriöse, geräumige Villa am Pazifik mitgestalten und einrichten. Im Winter waren wir immer bei meiner großen Familie in Deutschland.
Mein Partner gab vor, Christ zu sein. Wir sind alle protestantisch, und ich glaube an Gott. Nicht so, dass ich stoisch nach den zehn Geboten lebe, aber mir war immer klar, dass es mehr geben muss als – unsere Körper als Hülle für eine Seele, die irgendwann weg sein wird? Wohin soll sie denn gehen, ins Nichts? Ich mag den Gedanken an Gott, er war und ist immer an meiner Seite, auch und gerade in den härtesten Zeiten.
Religiös im Alltag bin ich nicht unbedingt, aber die Werte, die mir etwas bedeuten, sind in allen Religionen vorhanden. Wir lebten zwar in den USA, mein Mann kam aber ursprünglich aus einem arabischen Land. Als es nicht mehr gut zwischen mir und ihm lief, vor allem, weil er fremdging und sich in illegale Machenschaften verstrickte, hatten wir schon eine kleine Tochter und einen zwei Jahre älteren Sohn, die Kids waren vier und sechs Jahre alt. Und plötzlich war er mit ihnen weg. Ich saß alleine in Amerika, mein Studentenvisum lief ab. Ich musste schnell irgendwohin, ohne meine Kinder kam ich so wieder nach Berlin.
Zig Jahre, zig Tausende Euro, die stets meine ganze und toll zusammenhaltende deutsche große Familie mir zu organisieren half, zig durchheulte Nächte, zig leere Weinflaschen und hunderte Stunden der Gespräche mit drei Anwaltskanzleien auf drei Kontinenten später war klar: Ich habe keine Chance, meine beiden Lieblinge wiederzusehen. Doch ich bete, dass sie nicht vergessen, wie schön unsere Weihnachtsfeste waren, wie ich ihnen aus der Kinderbibel vorgelesen habe, wie wir zusammen vor dem Einschlafen immer gebetet haben. Jetzt werden sie muslimisch erzogen, haben neue Halbgeschwister, eine Stiefmutter – nicht in den sicheren USA, sondern in einem arabischen Land.
Meine Gebete, meine Spiritualität, die ich auch mal beim Yoga oder beim 5 Elements Dance finde, geben mir die Kraft, weiterzuleben, auch wenn es noch mindestens sieben Jahre dauern wird, bis ich sie wiedersehen kann. Gott oder das große Ganze, die allumfassende Liebe, ist für mich ein wichtiges Bindeglied zwischen meinen Kindern und mir. Sie wissen, dass ich immer an sie denke und sie immer in meine Gebete einschließe und so unsere Seelen eng und fest und untrennbar für immer miteinander verbunden sind. Aufgezeichnet von Jasna Zajcek

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