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Wohlfühl-Location am Technostrich

RAW-Gelände

Die Stufen, die von der Warschauer Straße zum RAW-Gelände führen,
sind rutschig. Verzweifelt versucht man am kalten Treppengeländer Halt
zu finden. Frostiger Regen, immer stärker.  Dieser Freitagabend ist wie
ein Griff ins Klo. Unten an der Treppe: ein Dealer der wetterfesten
Sorte. Einer von vielen. Ob man das „beste Gras der Stadt“ kaufen
wolle? Nein, gerade nicht. Weiter also. Durch den Regen. Durch die
Nacht. Wohlfühlatmosphäre sieht anders aus, fühlt sich anders an. Aber
das RAW-Gelände ist kein Kuschelrock. Das RAW ist Techno, Punk, Ska. Das RAW ist nichts für Warmduscher. Oder sagen wir mal: noch nicht.
Vorbei am Astra, an schon reichlich betrunkenen Spaniern im Grölmodus
vorbei, durch einen Nebel von Joints, da glaubt wohl doch manch einer
die Sache mit dem besten Gras der Stadt. Dort steht sie, eine alte
Industriehalle. Im April dieses Jahres soll hier eine neue „Urban-Pool-
und Sundeck-Garden-Lounge-Bar“ eröffnen: der Haubentaucher. So
beschreiben es die vier Investoren, einer heißt Daniel Lente. Ihr Ziel:
das „gehobene Publikum“ aus den Nachbarbezirken zur letzten
Industriebrache in Friedrichshain zu locken.
Die sprichtwörtlichen Mütter aus Prenzlauer Berg können sich dann beim Babyschwimmen
treffen, für die gut betuchten Männer aus Mitte gibt es Lesungen und
Ausstellungen. So soll das“Niveau des Areales“ insgesamt gehoben werden.
Jetzt steht man also vor dem düsteren Gemäuer und versucht,
Babyschwimmen im Kopf mit dem „Technostrich“ zusammenzubringen. Den
Leuten, die an diesem Abend dort einen draufmachen, geht das offenbar
ähnlich. Von der Aussicht auf den Haubentaucher sind sie eher verwirrt.
Zwischen Bierflaschenscherben, Graffitis, Dealern und Türstehern
sieht man bald Männer im Anzug, die zu einem Meeting beim Jazz-Brunch
eilen? Wirklich schwer vorzustellen. Obwohl hier nicht einfach nur
gefeiert wird.
Seit 1999 hat der RAW-Tempel e. V. auf dem Areal des ehemaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerks
die unterschiedlichsten kulturellen Angebote gefördert. Es ist eine
wilde Mischung aus Bars, Clubs, Kunsträumen, Trendsportstätten und
lokalen Projekten.
Auch das kulinarische Angebot ist besser geworden. Der Schriftzug „Neue Heimat“
strahlt in dieser tristen Nacht in grellen Leuchtbuchstaben durch die
Dunkelheit, die neue Adresse auf dem RAW-Gelände mit ihrem Streetfood-
und Designmarkt. Als die Neue Heimat im August vergangenen Jahres
aufmachte, hatte sie es auch nicht leicht. Zu groß ist die Angst vor Kommerzialisierung,
vor Gentrifizierung. Wenn ein Projekt aber gut gemacht ist, lässt sich
auch der stolze Berliner überzeugen und nimmt neue Ideen an. So wird
auch der morgendliche Rave „Morning Gloryville“ mitlerweile gern und gut besucht.
Dennoch, die Haubentaucher-Pläne sind anders. Schicker, mondäner. Sie
werden dem Areal deutlich stärker ihren Stempel aufdrücken. Denn die
neue Badeanstalt mit ihren sechs Bars, dem In- und Outdoor-Club und dem 220 Quadratmeter großen Pool soll
im mediterranen Stil an ein altes, verlassenes Strandhotel an der
spanischen Riviera erinnern. Inklusive terrakottafarbenen Fliesen und
Palmen. Das soll für mehr „Ordnung und Niveau“ sorgen.

RAW-Gelände

Und das, wo die Besucher doch gerade die Unordnung der 71?000
Quadratmeter großen Fläche lieben. Auch in dieser Nacht wird jeder, der
durch einen der drei Zugänge eintritt, in einen Strudel des Chaos
gezogen. Orientierung fällt schon tagsüber schwer. Nachts ist es quasi wie Lotto.
So findet sich an diesem Abend eine Traube sichtlich verwirrter Menschen
vor einer Tür wieder, die sie für das Tor des Suicide Circus halten. Es
ist aber nur der Ausgang der Skatehalle. Allgemeine Ratlosigkeit,
fragende Blicke. Die Dealer stehen bereit. Sie kennen diese Blicke.
Nutzen sie direkt als Einstieg für ein Verkaufsgespräch. Mit etwas Glück
bekommt man zu seinem frisch erworbenden Gras auch noch eine
Wegbeschreibung und findet so endlich die richtige Tür. Endlich drinnen.

Ob zwischen all diesem Wirrwarr wirklich Babyschwimmen vor mediterraner Kulisse das
ist, was gefehlt hat? Im Sommer wird man weitersehen. Die
Gentrifizierung des RAW-Geländes ist jedenfalls im vollen Gange. Das
wird ja immer schöner.

Text: Maria Tebarth

Fotos: Benjamin Pritzkuleit; Haubentaucher

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