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YouTube – Die Amateur-Revolution

„Krass!“, schreit Dner, und das Handybild wackelt: Gellender Jubel brandet auf, im Bild recken sich Hunderte Fans nach ihm. Es sind Hardcore-Anhänger des YouTube-Stars, dem Geräuschpegel nach zu 99 Prozent Schulmädchen. „Der krasseste Tag meines Lebens“, so hat Dner, der online Games kommentiert, seinen Clip von den VideoDays 2014 in Köln überschrieben. 15?000 Teenies pilgerten dafür in eine Sportarena, um eine Hundertschaft ihrer Idole live zu treffen und Autogramme zu holen. Kein Wunder, dass sich der 20-Jährige bei der kollektiven Hysterie „so vorkommt wie Justin Bieber“.
Jetzt kommen die VideoDays erstmals nach Berlin. Bieber-Parallelen sind ja auch vorhanden: Schließlich kam auch die Karriere des kanadischen Popstars einst dank YouTube ins Rollen. Damals sang ein zwölfjähriger Bub auf einer Bretterbühne einen Hit aus dem Radio nach und die stolze Mama hielt drauf. Das war 2007. Seither wurden Milliarden Clips aus aller Welt hochgeladen. Ob Anleitungen zum Kartoffelnziehen oder Installieren eines Druckers, ob Schmink-Tutorial oder Musikvideo, ob Bilder aus dem Streichelzoo oder mitten aus Kriegsgebieten, Liebes- und Hass-Predigten oder Gaming-Tests.
YouTube, das junge Massenmedium. Kürzlich wurde es zehn Jahre alt. Nebenbei hat es einen neuen Popstar-Typus geschaffen: YouTuber, die eigene Kanäle betreiben. Gedreht wird mit günstigem Equipment, oft im heimischen Zimmer, teils in Wackel-Qualität, immer öfter aber in professionellem Standard. Je mehr Zuschauer einen Kanal gratis abonnieren, umso höher ist der Ruhm der YouTuber. Das macht sie interessant für Werbung.
Neben Köln, der Hochburg für YouTuber und der zugehörigen Marketing-Industrie, hat sich Berlin verstärkt als Zentrum des Booms positioniert. Hier leben nicht nur einige der bekanntesten YouTuber; inzwischen hat auch die größte deutsche Vermarktungsfirma, das Netzwerk Mediakraft, ein Hauptstadtbüro eröffnet. Nun soll Berlin durch die 8. Auflage der „Berlin Web Week“ samt VideoDays endgültig als Branchenmekka etabliert werden. „Wir strecken unsere Fühler aus, um näher an die Community zu kommen“, sagt VideoDays-Organisator Christoph Krachten. „Viele Jugendliche sind nicht so mobil oder können sich finanziell keinen langen Anreiseweg leisten.“
Ein Problem, das Kim nicht hat. Die 13-Jährige besucht in Berlin die achte  Klasse und kann die VideoDays kaum erwarten. Sie hat rund 50 Kanäle abonniert, verbringt zwei bis drei Stunden täglich im Internet, „wie eigentlich alle in meiner Klasse“. Gaming – sogenannte „Lets Play’s“ – und Comedy stehen bei ihr hoch im Kurs. Welche Youtuber sie am meisten mag? Ach, viele. „Taddl, Ardy,Marley,Hallodri,izzi, Paluten, Snoozzze, Herr Bergmann…“ Leute, von denen ihre Eltern vermutlich noch nie gehört haben. „Ich werde versuchen, von allen Autogramme zu kriegen und möglichst viele Selfies zu machen.“  
Mit etwas Glück lächelt Kim dann auf ihrer Instagram-Seite mit einigen Idolen um die Wette. Schade findet sie, das Größen wie ApeCrime oder eben Dner nicht in Berlin dabei sind. Viele YouTuber halten sich an ihre Vertragspartner, die teils eigene Tour-Pakete schnüren.
Nicht nur der YouTube-Mainstream treibt in Berlin kräftig Blüten. Auch die Indie-Zunft versammelt sich hier. Rayk Anders zum Beispiel segelt weit unter dem Radar der Klickmillionäre. Der gebürtige Berliner betreibt einen klugen politischen Kanal mit kritisch-unterhaltsamen Kommentaren zum gesellschaftlichen Geschehen. Dessen Name: „Armes Deutschland“. Mit dieser politischen Ausrichtung ist er allerdings fast eine Rarität in der Videoflut.
Da lässt er schon mal einen bekennenden Neonazi und Verschwörungstheoretiker sich vor der Kamera um Kopf und Kragen reden, oder er besucht ein Asylheim für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge in Reinickendorf und beleuchtet das strikte Abschottungsverhalten seitens der Nachbarn. „Ich steche vielleicht auch ein bisschen raus, weil ich nicht ganz so jugendlich rüberkomme wie etwa Dagi Bee (Deutschlands populärste YouTuberin –Anm. d. Red.) oder andere mit Millionen Abonnenten“, glaubt er.
Mehr als 29?000 Abonnenten sehen seine Videos ­regelmäßig an, viele davon erreichen fünfstellige Abrufzahlen, die „Tagesschau“, das Leitmedium der Generation vor YouTube, kommt mit ihrer hochgeladenen Ausgabe gerade im Schnitt auf 500 Views. Und vergleicht sich der Polit-Youngster mit den Videos der Jugendorganisationen der im Bundestag vertretenen Parteien, kommt er auf vier Mal so viele Aufrufe wie diese alle zusammen. Er allein.
Einen anderen Weg als der Einzelkämpfer schlägt eine Gruppe der bekanntesten YouTuber des Landes ein. Unter dem Namen „301+“ haben die 15 Berliner Ende letzten Jahres ganz traditionell einen Verein gegründet.
Mit dabei ist Entertainer LeFloid, der für seine fast 2,5 Millionen Abonnenten im Schnellsprechstil, mit hektischen Schnitten und grafischen Gimmicks ein Potpourri an politischen News präsentiert. Nilam Farooq aka Daaruum zählt mit ihren Styling-Tipps zu den Idolen der – fast ausschließlich weiblichen – Beauty-Fraktion im YouTuber-Kosmos. Vereinsgründerin Marie Meimberg gehört dagegen zu den wenigen Frauen, die etwas anderes bieten als Schmink- und Modetipps. Sie macht Songs und Trickfilme, außerdem moderiert sie einen Tresen-Talk, der sich vor allem um – nun ja – das Leben in und mit YouTube dreht.
Mit 301+ wollen Meimberg und Co sich bewusst vom Major-Betrieb absetzen – mit ausgesuchter Qualität gegen die rasante Kommerzialisierung. Besonders Mediakraft gilt vielen Machern und Fans inzwischen als Aushängeschild der Kommerzialisierung im als Freiraum empfundenen YouTube-Portal. Einer der prominenten Akteure, der sich von dem Unternehmen trennte, ist Game-Tester Unge, der in einem seiner Videos „Knebelverträge“ und mangelnde Unterstützung kritisierte.
„Wir wollen mit 301+ zeigen, dass man YouTube machen kann, ohne in einem Netzwerk zu sein. Back to the Roots quasi“, sagt Vereinsmitglied Steven Kresch vom Entertainer-Duo SpaceFrogs dem tip im Interview: „301+ richtet sich aber nicht gegen Netzwerke.“
Handlungsbedarf bei den Social-Media-Machern besteht fraglos im Umgang mit transparenter Werbung. Zurzeit erinnern insbesondere Produkttests oft im Kern an ­Telemarketingsendungen aus dem Fernsehen.

SpaceFrogs

Nicht selten sind es dabei Massenidole wie Sami Slimani oder Bianca Heinicke alias Bibi, die kaum verdeckte Werbung betreiben. Viele junge Zuschauer registrieren  offenbar nicht, dass sich hinter den „Produkttests“ professionell gesteuerte Kampagnen für Armbanduhren, Handtaschen, Games oder Longboards verbergen.
Die Indie-Fraktion trägt somit den letztlich alten Kampf aus, den es seit den Anfängen der Popkultur gibt: Eigenständigkeit versus Kommerz. Dabei finden sich viele der inte­ressanteren Blüten unter Berlins YouTube-Kreateuren fernab von Millionen-Abos. Darunter Outcasts wie der Entertainer Friedrich Liechtenstein, der allein durch sein Alter aus der Reihe tanzt, oder der Neuköllner Kazim Akboga, dem mit seinem Anti-Popsong „Is mir egal“ ein Kult-Ohrwurm gelang.
Auch mit weniger massenhaft frequentierten Kanälen lässt sich Geld verdienen. Wenn der Urheber beim Einstellen eines Videos die Monetarisierungsfunktion aktiviert hat, schaltet YouTube Werbung vor den Clips. Demnächst startet das Portal eine Bezahlvariante, die dann werbefrei bleiben soll. In einer Nachricht an seine Partner schreibt es, man sei „sicher“, dass die anstehende Vertragsänderung den Partnern „zuvor nicht genutzte zusätzliche Umsatzquellen eröffnet“.  
Zwar kommt auch Rayk Anders regelmäßig zu Einkünften durchs YouTuben, „aber meine Miete kann ich davon nicht bezahlen“, sagt der 26-Jährige, der sein Geld vor allem mit Honoraren für Magazinbeiträge oder Vorträge verdient. „Es gibt natürlich auch YouTuber, die mit sehr viel Geld dabei raus­gehen. Wenn du eine Million oder mehr Aufrufe pro Woche hast, brauchst du nebenbei nichts mehr zu machen.“
An der Zusammenarbeit mit einer Vermarktungsfirma hat Anders dennoch wenig Interesse. „Den Sinn von Netzwerken habe ich nie ganz verstanden. Man tritt seine Nutzungsrechte ab und verzichtet auf einen beträchtlichen Teil seiner You­Tube-Einkünfte. Die Idee ist, dass dir Equipment und Ressourcen gestellt werden, damit du deine Videos produzieren kannst. Das habe ich aber alles selbst, dafür brauche ich kein Netzwerk.“ Der Berliner vertraut lieber auf Mundpropaganda. „Dinge, die die Leute interessieren, werden sowieso geteilt“, glaubt er. „Wenn du Content machst, den keiner sehen will, ändert daran auch kein Netzwerk was.“
Als sein persönlich erfolgreichstes Video wertet der YouTuber seine Reportage über das Flüchtlingsheim. Obwohl er damit, weil keine Werbung vorgeschaltet ist, nichts verdient. „Dieses Video hat etwas in Bewegung gesetzt. Kürzlich schrieb mir die Heimleiterin, dass keine Woche vergeht, in der sich nicht Leute melden, die das Video kennen und gern etwas beitragen möchten. Manche kommen auch einfach vorbei, legen Geld auf den Tisch oder bringen Spielsachen.“
Und Rayk Anders sagt, es freue ihn einfach, wenn ein ­Video auch etwas leistet: „Und zwar in der Realität“.  

Text:
Ulrike Rechel

Fotos: Markus Mielek, Stefan Hoederath/ YouTube; David von Becker

Berlin Web Week (4.–10.5.) ??VideoDays?ARENA BERLIN,
Eichenstraße 4, Treptow; Community Day 1.5. (10-14, 15-19 Uhr), Show Day
2.5. (ab 13 Uhr), VVK: 25,90 Ђ (Kombiticket). Mehr unter www.videodays.eu

Media Convention + Re:Publica15?STATION BERLIN
, Luckenwalder Straße 4-6, Kreuzberg, 5.+6.5. (Conven­tion), 5.–7.5. (re:publica) VVK: ab 195 Ђ (Kombiticket + re:publica)

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