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Zehn Erkenntnisse aus den Massenprotesten um die bedrohte East Side Gallery

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1. Die Partei, die Partei, die hat immer noch recht. Erich Honecker, SED-Chef, im Januar 1989: „Die Mauer wird … in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben …“ Könnte klappen. Wir sprechen uns 2039 wieder.

2. Der neue Image-Transfer. Der nächste Satz des Zitats ist weniger bekannt: „Das ist schon erforderlich, um unsere Republik vor Räubern zu schützen.“ Das Prestige imperialistischer Räuber entspricht heute gemeinhin dem von Leuten, die Luxuswohnungen bauen. Siehe: Mauerpark, Tempelhofer Feld.

3. Luxus rettet die Mauer. Ohne den Luxusbauherren Maik Uwe Hinkel aber hätte die East Side Gallery jetzt eine Lücke mehr. Diese war für den Neubau der Brommybrücke vorgesehen, die durch den Bürgerentscheid für ein freies Spreeufer abgesegnet war, und nicht für Hinkels Teuerwohnturm Living Levels. Aber glaubt jemand ernstlich, wegen eines Rad-/Fußgängerstegs hätten 70?000 Leute eine Petition für den so wichtigen Erhalt der East Side Gallery unterschrieben?

4. In Berlin macht man sich die Probleme noch selbst. Friedrichshain-Kreuzbergs Bürgermeister Franz Schulz demonstriert gegen die Luxusbaupläne am Spreeufer, die er selbst genehmigt hat. Hartmut Mehdorn wird ausgerechnet der neue Chef von der Berliner Flughafengesellschaft, die er vorher als Air-Berlin-Chef auf Schadensersatz verklagt hat. So was kann man sich gar nicht ausdenken. Das passiert in Berlin einfach. Unfassbar.

5. Einheitsparteien. Das hätte dann wohl aber selbst Erich Honecker verblüfft: dass knapp 24 Jahre nach seiner Absetzung sämtliche Berliner Parteien sich für den Erhalt seiner Mauer einsetzen würden. Sogar die CDU. Kohls Erben. Der Klassenfeind.

6. Versteht die SPD Berlin? Wenn die von der SPD besetzten Senatsverwaltungen für Finanzen und Stadtentwicklung noch im vergangenen November kein „gesamtstädtisches Interesse“ für ein Grundstück erkennen mochten, das an eines der wichtigsten Identifikationssymbole grenzt, kann doch irgendetwas am 2011er SPD-Wahlkampfslogan nicht ganz stimmen: „Berlin verstehen“.

7. Luxuswohnungen sind noch schlimmer als Touristen. Wenn schon paradox, dann richtig. In Kreuzberg mögen viele Leute keine Touristen, verteidigen aber mit Schmackes eine Touristenattraktion, die jetzt potenziell noch mehr Touristen anzieht, gegen die dann wieder die Kreuzberger etwas haben können.

8. Wowereit kann doch noch Krisenmanagement. Okay, im BER-Chaos sah der Regierende übel aus. Aber an der East Side Gallery zeigt Klaus Wowereit, dass er doch noch Konflikte lösen kann. Nun bleibt ein Teil des bedrohten Mauerstücks wohl erhalten.

9. Was der Bürger will. Wenn der neue Bommysteg gestrichen wird: Verstößt das eigentlich gegen den Mediaspree-Bürgerentscheid?

10. Und ewig grüßt The Hoff. Wenn es ganz dumm läuft, wird Berlin David Hasselhoff jetzt gar nicht mehr los. Weil nämlich The Hoff glauben könnte, erst seine Twitter-Drohung zur Teilnahme an der Protest-Petition („Where do I sign?“) hätte den Mauerdurchbruch gestoppt. Schlimm. 

Text: Erik Heier
Foto: Martin Zeising

 

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