Kultur

Zehn Jahre St. Oberholz

Zehn Jahre St. Oberholz

Vier Apfelcomputer in Reih und Glied. Kaffeehausgeräusche im Hintergrund. Ein junger Mann kommt hinzu, holt einen Notizblock heraus. Auf hämisches Feixen an den digitalisierten Nachbar­tischen folgt garstiges Ge­twee­te und Ge­re­twee­te.
Willkommen im St. Oberholz! Schaut man sich die Pilotfolge von Michael Bukowskis Web-Serie „Unlimited Ltd. – The Berlin Start­up Leaks“ an, der diese Szene entnommen ist, findet man im Gewand der Satire genau jene ikono­grafischen Bilder wieder, für die das Cafй St. Oberholz so oft herhalten muss. Kaum ein Zeitungs­artikel oder Fernseh­beitrag über die Berliner Start-up-Szene, der nicht mit „unter­kapitalisierten und über­performanten“ (O-Ton Bukowski) jungen Menschen bebildert ist, die ihre Tage im Cafй vor dem MacBook verbringen. Immer am nächsten Projekt, neue Ideen, Business­pläne aus­arbeitend und sich dabei stundenlang an einem Kaffee festhaltend.
Zehn Jahre alt wird das St. Oberholz am Rosenthaler Platz dieser Tage – jener Treffpunkt der digitalen Boheme, der Holm Friebe und Sascha Lobo 2006 mit ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“ ein Denkmal gesetzt haben. Geschrieben wurde es – natürlich – im St. Ober­holz. Der Rückgriff auf das Wort Boheme kommt nicht von ungefähr. Betreiber Ansgar Oberholz und  seine Geschäftspartnerin Koulla Louca sehen sich in Tradition der Wiener Kaffeehäuser, wo man, seinen Einspänner vor der Nase, ohne sich zu genieren stundenlang verweilen kann.
Aber auch die Berliner Geschichte bietet Parallelen an: „In den 20er-Jahren war in unserem Haus eine Dependance der Aschinger Bierquellen„, erzählt Ansgar Oberholz. Bei Aschinger gab es preiswertes Bier, Erbsen­suppe und – das kam der damals so analogen wie armen Boheme zugute – kosten­lose Bröt­chen, so viel man wollte. Stammgast Alfred Döblin ließ viele Szenen von „Berlin Alexanderplatz“ in den Räumen des heutigen Ober­holz spielen. „Wie damals die Aschingers die Brötchen, so geben wir heute das Wi-Fi“, sagt Ansgar Oberholz und lacht.
Der Vergleich zwischen den Kaffeehaus­arbeitern von gestern und heute passe noch immer ganz gut. „Aber wenn heute junge Leute ihre Eltern schocken wollen, sagen sie nicht mehr ,Ich werde Künstler‘, sondern ,Ich mache ein Start-up‘.“ Gegründet wurde und wird im St. Oberholz tatsächlich fleißig. Anlässlich der Geburtstags­feierlichkeiten wurden Gründungs­geschichten gesammelt. Unternehmen wie Soundcloud, ­brands4friends oder Pressekompass.net wurden im St. Ober­holz geboren. Die Tage der belächelten, prekär dümpelnden Tag­träumer scheinen jedoch vorbei. „Die Start-up-Szene Berlins ist gerade dabei, sich zu professionalisieren“, sagt Michael Bukowski. „Man denke nur an die Berliner 6 Wunderkinder, die erst kürzlich von Microsoft für 100 bis 200 Millionen Dollar gekauft wurden.“ Auch Ashton Kutcher umschleicht die Berliner Gründer­szene regelmäßig.
Und noch mehr Bücher wurden hier geschrieben, darunter Moritz Rinkes „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“, „Un­titled“ von Joachim Bessing oder Michael Bukowkis Reihe „Lektüre für Nichtleser“. Letzterer ist einziger Autor der St.-Oberholz-Verlagsgesellschaft. „Das Sortiment bin ich“, sagt er. Überhaupt funktioniert die Marke Oberholz auch jenseits der Gastro­nomie.
Oberholz hat die Bedürfnisse der Branche stets im Auge behalten und sein Angebot Schritt für Schritt ausgeweitet. Freies WLAN ist heute so spektakulär wie eine Gästetoilette. Mit den 2011 eingerichteten Co-Working-Räumen für feste Mitglieder und möblierten  Gäste­wohnungen im Obergeschoss trägt er jener Professionalisierung und vor allem der voran­schreitenden Internationalisierung Rechnung.
„Bisher haben wir uns ja eher vertikal erweitert“, sagt Oberholz. „Jetzt, wo das Haus voll ist, gehen wir auch noch mal horizontal.“ In naher Zukunft eröffnet ein zweites St. Oberholz mit ähnlichem Kaffee-und-Co-Working-Konzept, keine 500 Meter weiter in der Zepernicker Straße. Eine Kette solle da­raus aber nicht werden, betont Oberholz .
Nach zehn Jahren als erstes Haus am Rosenthaler Platz habe sich auch die Debatte um sein Cafй als Gen­tri­fi­zie­rungs­motor gewandelt. „Als wir 2005 hier anfingen, sah es noch aus wie 1992“, erzählt Oberholz. Zuerst sei ihnen Freude entgegen­geschlagen. Freude darüber, dass etwas anderes entstand als die nächste Dönerbude. Mit fortschreitender Entwicklung der Mitte wurde das Oberholz oft als Treffpunkt der Verdränger gesehen. „Mittlerweile sind wir aber schon so alt und knatschig, dass wir als Original gelten – als Bastion gegen die Gentrifizierung.“ Solange sie im Haus seien, käme wenigstens kein Starbucks oder H&M hinein. „Ich glaube, dass wir karma­technisch doch noch bei einem leichten Plus rauskommen.“

Text: Andrea Hahn

Foto: Julien Barrat

Die Geburtstagsfeier am 19. Juni ab 20 Uhr feiert das St. Oberholz seinen Geburts­tag mit einer Party. Rosenthaler Straße 72a, Mitte

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