Kulturpolitik

Zukunft der Volksbühne

„Konzeptionelle Neuausrichtung“ Eine Erklärung des Regierenden Bürgermeisters und Kultursenators Michael Müller zur Zukunft der Volksbühne sorgt für Klarheit – und für Beunruhigung

Volksbühne
Volksbühne

Dank einer kleinen Anfrage der grünen Abgeordneten Sabine Bangert wissen wir jetzt zumindest in groben Zügen, wie sich die Berliner Kulturpolitik die Zukunft der Volksbühne unter Chris Dercon vorstellt: Ein Theater wird sie nicht mehr sein, zumindest nicht in erster Linie. In der Drucksache 17 / 18 691 erklärt der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller, was sich mit dem Ende von Castorfs Intendanz am Rosa-Luxemburg-Platz ändern wird: „Die Berufung von Chris Dercon zum neuen Intendanten der Volksbühne ab 1. August 2017 geht einher mit einer konzeptionellen Neuausrichtung des Thea-ters, das künftig Sprechtheater, Tanz, Performance, Film, Musiktheater, Bildende Kunst und Kulturen des Digitalen versammeln und gleichberechtigt miteinander verschränken wird. Von einer Gewichtung der künstlerischen Sparten zueinander kann deshalb nicht gesprochen werden.“

Dass Dercon und die Berliner Kulturverwaltung gleichzeitig betonen, die Volksbühne bleibe ein Ensembletheater, ist interessant: Wie soll sich ein Ensemble zusammensetzen, dessen Künstler für Tanz und Bildende Kunst, für Theater und Film, für Oper und „Kulturen des Digitalen“ gleichermaßen über Talent und Können verfügen? Tanzende Schauspieler mit einem Faible für Videokunst und einer Zweitbegabung als Opernsänger? Und welcher Schauspieler möchte in dieser Struktur arbeiten?

Vor gut zehn Jahren konnte man an der Schaubühne besichtigen, wie schon der Versuch, Schauspiel und Tanz nebeneinander gleichberechtigt in zwei Ensembles an einem Haus zu etablieren, für heftige Friktionen sorgte, bis sich Sasha Waltz von diesem Theater verabschiedet hat. Wenn Constanza Macras heute Tanzstücke an der Schaubühne zeigt, dann mit eigenen Leuten, als Gastspiel oder Koproduktion. Eine Gruppe wie die belgische Needcompany verbindet höchst produktiv die unterschiedlichen Genres – aber zusammengehalten durch einen künstlerischen Leiter und die über Jahrzehnte gemeinsam entwickelte Formsprache. Und nicht durch einen Kurator wie Dercon, der fertige Produktionen einkauft oder koproduziert. Die „konzeptionellen Neuausrichtung des Theaters“, die sich Müller und Dercon wünschen, braucht die Beweglichkeit, vorwiegend mit Gästen zu arbeiten. Sie verlangt strukturell nach der Abschaffung des Ensembles.

Auch sonst bleibt die Ausein-andersetzung um die Zukunft der Volksbühne heiter. Ein auf Englisch veröffentlichter, recht hochtrabend formulierter Aufruf zur Unterstützung Dercons ­dürfte diesem und seinem Ansehen unter Theaterleuten keinen großen Gefallen getan haben. Etwas konfus wird argumentiert, die öffentliche Debatte um Dercons Berufung käme einem „Staatsstreich“ gleich. Geht’s noch? Soviel zur Diskursfähigkeit von Dercons Umfeld. Unterschrieben haben Museumskuratoren, eine Choreografin, Star-Architekten und, besonders lustig: Designer. Keine Theaterkünstler. Aber vielleicht sind Designer für Dercons Volksbühne ja auch wichtiger als Schauspieler oder Theaterregisseure.

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