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Abenteuer in der Stadt

Zum Kaffee bei fremden Nachbarn

Ich stehe in einem fremden Treppenhaus und schwitze. Vor Angst und weil es mir immer noch ein bisschen peinlich ist. An der Wohnungstür vor mir blättert der Lack ab und die vielen Aufkleber à la „Fuck off“ machen nicht gerade Mut.

Stephanie Quiterer
Tom Auffarth

Die Tür, vor der ich gestern gestanden habe, war abgebeizt, mit aufwendigen Schnitzereien und Löwenkopftürklopfer – was mir aber auch nicht unbedingt mehr Mut gemacht hat. Wüsste ich nicht inzwischen, dass wirklich jede Tür zum Adventskalendertürchen, zur Wundertüte werden kann, ich hätte schon längst das Weite gesucht.
So aber recke ich das Kinn und – klingle. Hinter der Tür fängt sofort ein Hund wie irre an zu kläffen. Das Hausierergefühl in meinen Weichknien ist grausam. Als die Tür geöffnet wird, sinkt mir das Herz vollends in die Hose. Der Hundehalter ist übel tätowiert, geschminkt und gepierct und sieht alles andere als nach jemandem aus, mit dem ich gern einen Kaffee trinken würde. Trotzdem frage ich genau das. Ob er Lust hätte, mit mir Kaffee zu trinken. Jetzt. Spontan. In seiner Wohnung. Und Kuchen gibt’s auch. Der Hundehalter stutzt. „Ist das dein Ernst“, fragt er mit sanfter Stimme und ist offenbar weiblich. Ich sehe demonstrativ an mir herab: in der einen Hand ein selbstgebackener Käsekuchen, in der anderen ein Korb gefüllt mit Kaffee, Milch, Zucker, Tee, Kakao und noch so etlichem mehr, was man für ein Kaffeekränzchen braucht.
Ja, es ist eindeutig mein Ernst: ich backe Kuchen und klingle an fremden Wohnungstüren, um meine Nachbarn kennen zu lernen. Zweihundert Parallelwelten habe ich schon bereist, alle in meiner Straße – auch wenn mich die Hundehalterin gleich auslachen wird. Tut sie aber nicht. Stattdessen sagt sie: „Los, komm rein“. Und dann sitzen wir stundenlang in ihrer winzigen Küche, schmausen Kuchen, trinken Kaffee, später Bier, während sie mir warm und weich von ihrem früheren Leben als Straßenkind erzählt und ich glücklich bin, einem weiteren Menschen begegnen zu dürfen, dem ich auf der Straße nie begegnet wäre.

Text: Stephanie Quitterer

Risiko Das ein oder andere „Nein“ an den Wohnungstüren muss man schon vertragen können. Außerdem Gefahr des Angepöbelt-oder Angeschrien- oder Ausgelachtwerdens (relativ gering), sowie Gefahr, dass jemand nackt öffnet (schon höher). Oder, dass aus einem Hausbesuch eine Freundschaft wird (hoch). Gefahr in der Wohnung: eingeschlossen zu werden. Ist mir aber erst einmal passiert.

Aufwand 1. Kuchen backen, 2. Klingeln. Bisweilen eineinhalb Stunden lang Klinkenputzen, bis man Treffer landet.  

Kosten Grundausstattung für den Kaffeekorb: Kaffee, Zucker, Milch, Kakao, Tee etc.  Am Kuchen sollte man nicht sparen, je köstlicher, desto besserer Türöffner. Aber einen guten Marmorkuchen backt man schon für 6-8 Euro.

Info Mein Buch „Hausbesuche – wie ich mit 200 Kuchen meine Nachbarschaft eroberte“ ist im März im Knaus Verlag erschienen, sagenhaft lesenswert und kostet trotzdem nur 16,99 €. Wer in noch mehr Abenteuer hineinstöbern will, besucht stephaquitterer.com

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