• Kultur
  • „Zur Wahl“ von Erik Heier

Kommentar

„Zur Wahl“ von Erik Heier

Ich freue mich auf den 24. September, die Bundestagswahl. Denn Wahltage sind für mich Festtage.Wirklich wahr

Erik Heier

Ich weiß nicht genau, woran das liegt. Die Atmosphäre im Wahllokal kann es nicht sein. Die ist eher Sparkasse als Prunksaal. Mein allererstes Wahllokal lag in meiner alten Schule. Da kamen noch ganz andere Erinnerungen hoch. Von Fahnenappell und Staatsbürgerkunde. Seid bereit. Freundschaft. Meine erste Wahl war keine. Sie fand noch in der DDR statt. Einheitsliste der Nationalen Front. Entweder alle oder keinen. Jeder nur ein Kreuz. Und die Partei, die Partei, die hat immer Recht. Heute wutbürgern ja viele was davon, dass man ja sowieso keine Wahl hätte, alle Parteien gleich wären, die Politiker nur in die eigene Tasche, und so weiter, und so öde. Die möchte ich am liebsten in einen Erlebnisurlaub in einer Diktatur oder wenigstens Autokratie schicken. Seit es freie Wahlen gibt, habe ich keine einzige ausgelassen. Als wir einmal drohten, eine Europawahl zu verpassen, weil wir am Wahlsonntag leichtsinnigerweise in Brandenburg in einen Regionalexpress gestiegen waren, bekam ich richtig schlechte Laune. Einige Freunde machen jetzt Briefwahl, besser als nichts, klar, in Berlin sollen sich 680.000 Wähler für den Postweg entschieden haben, Rekord. Da würde ich das sinnliche Erlebnis vermissen, in der Wahlkabine zu kauern, den Stift in der Hand zu halten, Dinge mitzuentscheiden, jetzt und hier. Jetzt soll die Legislaturperiode im Bundestag von vier auf fünf Jahre verlängert werden. Das macht sicher Sinn. Aber die Wahltage werden damit seltener.
Und das finde ich schade.

Mehr über Cookies erfahren