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Zwei Konferenzen zur Netzkultur und digitalen Überwachung

Haus der Berliner Festsspiele

Nur wer schläft, entgeht dem digitalen Dauerfeuer. Ansonsten stehen wir am Beginn einer neuen Zeit. Manche nennen sie das Kommunikationszeitalter, andere sprechen von einer digitalen Revolution. Aber eigentlich sind die Begriffe schon wieder so alt wie der letzte Laptop. Die meisten haben das verstanden, dennoch wissen die wenigsten, wie viel Digitales sie in ihren Alltag lassen wollen oder sollen. Oder müssen.
Einer, der ganz genau weiß, welche Gefahr für Freiheit und Privatsphäre besteht, ist der Hacker und Programmierer Jacob Appelbaum. Der US-Amerikaner hat das Anonymisierungsnetzwerk Tor mit aufgebaut und sympathisiert mit Wikileaks. Er lebt jetzt in Berlin, wie viele Internetaktivisten und Datenschützer, die sich in den USA vor den Geheimdiensten nicht mehr sicher fühlen.
Spätestens seit Edward Snowdens Offenlegungen ist klar, dass Sorge um Massenüberwachung keine Paranoia ist. Der Journalist und Snowden-Vertraute Glenn Greenwald prognostizierte Ende Dezember, via Skype zum Kongress des Chaos Computer Clubs in Hamburg zugeschaltet, dass sich das Internet zum „schlimmsten Werkzeug der Repression in der Menschheitsgeschichte“ entwickeln werde.
Zwar regt sich der Protest, wie vor Kurzem die Petition von über 500 Autoren, die die Demokratie im digitalen Zeitalter verteidigen wollen. Aber dennoch verschlüsseln immer noch nur wenige ihre Mails und die meisten erlauben Apps, sämtliche Telefonnummern zu speichern. Und ihrem Smartphone, seinen Standort mitzuteilen. Gleichzeitig vernetzen sich alle Lebensbereiche miteinander und unser Alltag, unsere Kommunikation, unser Verhalten verändern sich. Es fällt schwer, hier noch durchzusehen, zu hinterfragen, was passiert, und nicht einfach nur Konsument zu sein. Genau mit diesen Fragen beschäftigen sich nun zwei Konferenzen in Berlin.
Grand OpeningDa ist zum einen der zweite Teil der dreiteiligen Netzkultur-Reihe, organisiert von den Berliner Festspielen und der Bundeszentrale für politische Bildung. Ihr Thema: „Die stumme Masse“. Wobei der Titel provozieren soll, wie die Kuratorin der Konferenz Nikola Richter sagt. Wer seinen Daseins-Status mit den Freunden teilt, eine E-Petition gegen die NSA und für Snowden unterschreibt oder eine Videoanleitung über den komplizierten Gitarrenriff auf YouTube stellt – konsumiert derjenige einfach nur? Oder ist er schon aktiv? Und was hat das mit Kunst zu tun? Fragen über Fragen.
Auf der Konferenz, deren erster Teil Ende November stattfand, geht es nicht nur um neue Web-Gemeinschaften der Zukunft. Nebenbei soll beispielsweise auch ein neuer Kulturbegriff verhandelt werden. Da wird gefragt, ob Hacker und Computerspezialisten die wahre Avantgarde des 21. Jahrhunderts sind, weil sie wissen, was eben „die stumme Masse“ nicht weiß. Gäste wie der Sprecher von Wikileaks Joseph Farrell erzählen, wie sie die Wahrnehmung von Öffentlichkeit und digitaler Gesellschaft radikal verändert haben.
Was passiert, wenn diese Nerds auf Künstler treffen? Welche Rollen spielen soziale Netzwerke in der Zukunft und was bringen politische Kampagnen im Internet?
Oder auch einfach: Wie geht es weiter nach einem YouTube-Hit? Über dieses Vergnügen geben die überaus eigentümlichen österreichischen Dialekt-Rapper von Koenigleopold im Gespräch Auskunft, ehe sie später am Abend auch noch live auftreten.
Eine Woche darauf dürfte es, wie schon die Betitelung suggeriert, in der Volksbühne noch ernsthafter zugehen. Zwar setzt „Einbruch der Dunkelheit“ das Interesse an Debatten über Freiheit und Privatsphäre voraus. Doch die zweitägige Konferenz, die von der  Internetplattform „Berliner Gazette“ organisiert wird, bringt interdisziplinäre Vordenker zusammen.
DeskDenn es sind nicht nur technische Fragen, die hier verhandelt werden, sondern auch philosophische oder juristische. Internetaktivist trifft auf Autor trifft auf Richter trifft auf Anthropologen trifft auf Futurist. „Die Begriffe Freiheit und Privatsphäre müssen neu verhandelt werden, weil die alten so nicht mehr gelten“, sagt der Ideengeber der Veranstaltung, Alexander Klose von der Kulturstiftung des Bundes. „Das, was die Zukunft bringt, ist nicht naturgegeben. Technik entwickelt sich, doch wie wir damit umgehen, das ist verhandelbar.“
Was das konkret bedeutet? Vielleicht so: Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hat die Paranoia übernommen. Manchen scheint erforderlich, dass Geheimdienste alle Daten über jede Person sammeln. Spätestens jetzt, in der Post-Snowden-Ära, ist aber klar, dass diese Sicherheitsgesellschaft mehr schadet als nutzt. Hinzu kommt der Online-Zwang. Wer dabei mitmachen will, muss sich vernetzen, vieles, am besten alles über sich preisgeben. Privatsphäre wird ausgetauscht durch Selbstkontrolle, die der Selbstoptimierung dient. Und einer Fremdkontrolle, der wir freiwillig zustimmen.
So wird auf der Konferenz die „Digitale Wachsamkeit“ diskutiert, beispielsweise anhand der Frage, ob es im Internet ein Recht auf Vergessen geben soll, mit dabei sind der Bundesverfassungsrichter Johannes Masing, die Piraten-Politikerin Anke Domscheit-Berg und Chaos-Computer-Club-Sprecher Frank Richter. Und der amerikanische Science-Fiction-Star Bruce Sterling referiert über die „Freiheit in Zeiten des Netzes und allumfassender Ausleuchtung“.
Den Anfang aber macht der Hacker und Neu-Berliner Jacob Appelbaum. Am Sonnabendvormittag erklärt er, wie sein Anonymisierungsnetzwerk Tor funktioniert. Ein Workshop, der Lauschangreifern schlechte Laune bereiten soll. Mindestens.

Text: Karl Grünberg

Foto oben: Philipp Jester

Foto mittig und unten: Mario Sixtus & Nadia Zaboura

Netzkultur: ?Die stumme Masse, Haus der Berliner Festspiele, ?Schaperstraße 24, Wilmersdorf, ?Sa 18.1., 18–23 Uhr, Eintritt: 15–20 Euro ?(angemeldete Blogger: gratis)

Programm-Auswahl
Einspruch! Freundschaft zwischen ?Avantgarde und Nerdtum: ?Gespräch (in englischer Sprache), ?mit Angela Richter (Regisseurin), ?Joseph Farrell (WikiLeaks-Botschafter), ?Allegra Searle-LeBel (Tänzerin, Internet-freiheitsaktivistin); Seitenbühne, 18 Uhr
Public Soundcheck – YouTube-Hit: ?und dann? Gespräch und öffentlicher Kurz-Gig mit Koenigleopold; Seitenbühne, 19 Uhr
Politaoke – politische Reden als Karaoke mit Diana Arce; Bornemannbar, 21 Uhr
Alle Infos: www.netzkultur.berlinerfestspiele.de

Einbruch der Dunkelheit, Volksbühne, Sternfoyer Rosa-Luxemburg-Platz, ?Prenzlauer Berg,? Sa 25.1., ab 10.30, So 26.1., ab 12 Uhr, ?Kosten: 3–8 Euro

Programm-Auswahl
Kampf um Rechte und Ideologiekritik: Selbstermächtigung in Zeiten digitaler Kontrolle. Vortrag: Evgeny Morozov (Publizist), Antwort von Jan Philipp Albrecht (Politiker), Moderation: Renй Aguigah (Journalist), Englisch-Deutsch; Sa 12.30 Uhr
Kein Anschluss unter dieser Nummer. Strategien der Entnetzung. ?Vortrag: Urs Stäheli (Soziologe), ?Antwort: Eleanor Saitta (Security-Expertin), Moderation: R. Aguigah; Sa 18.15
Lichtmächte: Visuelle Mündigkeit und herrschaftsfreie Bilder. Vortrag: Dietmar Dath und Svantje Karich (Autoren), Moderation: Tilman Baumgärtel (Journalist); So 15.30 Uhr
Alle Infos: www.einbruch-der-dunkelheit.de

Transmediale 2014, Haus der Kulturen der Welt, Mi 29.1.–So 2.2., ?Alle Infos: www.transmediale.de

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