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Zweiter Teil: Chöre und ein Chorfest – die neue Lust am Singen

different_voicesMichael Betzner-Brandt bietet beim Vokalfest einen Workshop an: Singen ohne Noten, dafür aber nach Handbewegungen.
Das ist auch wieder etwas strenges Deutsches, dass man im Chor Noten können musste, und den Quintenzirkel. Warum eigentlich? Michael Betzner-Brandt arbeitet ohne Grundvoraussetzungen. Deshalb nennen wir das ja auch Ich-kann-nicht-singen-Chor. Den haben wir 2011 beim Vokalfest erstmals auf die Bühne gebracht. Betzner-Brandt bringt die Leute schnell über Groove, über Bewegung, mit kleinen melodiösen Ideen zum Improvisieren. Tradierte Chöre können oftmals damit nichts anfangen.

Ein anderes Projekt von ihm ist ein Seniorenchor in Neukölln.
Das sind die High Fossilities. Früher hieß es in Chorsatzungen oft: Mit 60, 65 Jahren ist Schluss. Dann schallert die Stimme.

Die macht bitte was?
Sie klingt nicht mehr schön. Jetzt aber gibt es Stimmbildung für Ältere. Das ist wie beim Sport. Man muss mit 65 anders trainieren als mit 25. Und es gibt einfach 68er, die jetzt Lust haben, Beatles, Stones oder The Who zu singen. Die sagen ganz selbstbewusst: Wir machen unser Alter zum Markenzeichen. Sie gründen sich oft in Kiezen, in Stadtteilen. Wenn da so einer mit der Inbrunst eines 67-Jährigen singt: „You can’t always get what you want“, würde man in Amerika sagen: Der Typ hat Soul.

Gibt’s regionale Unterschiede?
Die neue Lust am Singen findet sehr stark in den Mittel- und Großstädten statt, um Hochschulen, Universitäten, Musikakademien herum. Wenn man aber in Hessen ins Dorf fährt, wird hinter dem Ortsschild der Gottesdienst angeschlagen, der Schützenverein, zum Schluss erst der Gesangverein. Im Chor sind die Leute dann 70 plus.

Da schallert’s dann ja gewaltig.
Die singen leider zum Teil gar nicht mehr. Ich kriege von da manchmal Briefe: Wir sind jetzt im Schnitt 76,8 Jahre alt, und noch 19 Leute. Und wir sind nicht mehr singfähig. Wir möchten uns gern verjüngen, auch cool werden. Schreib uns doch mal ein Konzept.

Bringen den Chören die Fernsehformate а la „DSDS“ und „Voice of Germany“ Zulauf?  
Wahrscheinlich werden jetzt die Kollegen aus manchen Musikräten sauer auf mich sein. Aber es gibt Statistiken, dass immer, wenn neue Formate starten, ein Run auf Musikschulen, auf Gesangsunterricht entsteht.

Weiterer Ort für Laienchöre: die Fankurve. Singen setzt Glückshormone frei. Was man gerade bei Hertha brauchen kann …
Spannende Sache. In den 50er, 60er Jahren wurde da gar nicht gesungen. Anders als in England.  Nach einer Untersuchung hat ein englischer Fan 30, 40 Songs auswendig im Kopf. Dort ist „You’ll Never Walk Alone“ ein richtiger Fußballsong von Gerry and the Pacemakers. In Deutschland kam das Singen erst langsam auf. Aber nie mit ganzen Songs wie in England, sondern nur mit kurzen Sequenzen. Seit einigen Jahren gibt es nun auch hier Fanlieder von dreieinhalb Minuten.

Und das können Sie sich als Experte schmerzfrei anhören?
Nee, nicht alles. Aber vor dem Spiel tut es gut, sich warm zu singen. Den Schmerzfaktor gibt es eher in der Philharmonie, wenn ich viel Eintritt zahle, aber der Chor es nicht bringt, unsauber klingt und auch noch staatliche Subventionen bekommt.

Interview: Erik Heier

Foto: Benjamin Pritzkuleit (Puschke), Different Voices of Berlin Chor

Das Vokalfest [email protected] Radialsystem V, Do 16. bis So 19.2., Kurse & Konzerte unter: www.radialsystem.de


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