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Kultur

Zweiter Teil: Eine Doppelausstellung: „Cranach und die Kunst der Hohenzollern“ und „Kirche, Hof und Stadtkultur“

Lucas Cranach d. Ä., LukretiaWas ihn aber keineswegs daran hinderte, auch intensiv für den am alten Glauben festhaltenden Albrecht von Brandenburg zu arbeiten. Wie subtil Cranach reformatorisches Gedankengut in sein Bildprogramm einfließen ließ, lässt sich in der Ausstellung anschaulich studieren. Ein Beispiel: Nach innen gerichtet ist der Blick der „Lukretia“, ebenfalls gemalt von Lucas Cranach d. Ä.. Tugendhaft richtet sich die erotisch dargestellte Römerin selbst mit einem Dolch, nachdem sie der Königssohn Sextus Tarquinius vergewaltigt hatte. Den Widerspruch zwischen der verführerischen Lukretia und ihrem moralisch motivierten Suizid löst ein Blick aus dem Fenster hinter der Prota­gonis­tin, der exakt auf einen Kirchturm zuläuft. Mit dieser visuellen Achse kann das antike Beispiel  ehelicher Treue als Hinweis auf das christliche Sechste Gebot interpretiert werden, ohne dass die humanistische oder die religiöse Lesart privilegiert wird. Reizvoll sind auch die Detailanalysen von Cranachs Bildern, die aus einem interdisziplinären Projekt der letzten Jahre hervorgingen. So wird demons­triert, wie auf dem erwähnten Porträt Joachims eine illusionistische Perlenstickerei suggeriert wird. Aufregend auch die Er­kennt­nis, dass die effiziente Cranach-Werkstatt mit Pauspapieren aus Schweineblasen und Pergament arbeitete. Denn nicht nur war Joachim II. die Zeit für aufwändiges Modellsitzen schlicht zu lang, sondern auch Lucas Cranach hätte niemals seine enormen Auftragsarbeiten erfüllen können, wenn diese Copy-& Paste-Methode nicht zum Einsatz gekommen wäre. Bedauerlich, dass seit 1945 eine ungemein lebendige Porträt­skizze Cranachs von Joachim verschollen ist – die offensichtliche Vorlage für das Repräsentationsgemälde, das es mit den besten Bildnissen eines Dürer oder Hans Holbein aufnehmen kann. Lucas Cranach d. Ä., Fußwaschung
Ein glücklicher Schachzug ist die Einbindung der Marienkirche, wo die Exponate eben nicht wie im Museum üblich aus dem Funktionszusammenhang gerissen werden. Bei zahlreichen Gemälden und Epitaphen an den ehrwürdigen Kirchenwänden drängt sich die Frage auf, ob sie hier nicht schon immer zu Hause waren? Von grauen Samtdecken geschützt, belegen zahlreiche Bücher und Chroniken, wie engmaschig sich die Verbindungen zwischen Stadt und Kirche und überdies zu den Schaltstellen der Reformation gestalteten. Das Geflecht persönlicher Beziehungen zum Kurfürsten, den Pfarrern und Lehrern, das zwischen Wittenberg und Berlin wuchs, lässt sich im Briefwechsel Melanchtons nachvollziehen. „Hochgelarter, lieber, besonder“ – beginnen die Briefe des Kurfürsten an den Theologen und bekunden damit dessen außergewöhnliche Wertschätzung. Skurril wirkt auf uns ein Horoskop, das der große Schul- und Universitätsreformer für Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg-Ansbach ersann. Nicht als Scharlatanerie empfand Melanchton die Astrologie, vielmehr ging er von einer Einwirkung der Gestirne auf die Materie aus – freilich im Rahmen des göttlichen Willens. Und natürlich verlief die Reformierung des Landes keineswegs ohne Reibungsverlus­te. Aufschlussreich ist hier jenes „Glaubensbekenntnis“, das Joachim II. während einer schweren Erkrankung aufsetzte, in dem er seine religiöse Entwicklung bilanzierte.
Als dies Dokument 1563 feierlich in der Domkirche zu Cölln verlesen wurde, kam es nach vier Stunden zu einem Eklat. Joachim, der als Spiritus Rector der Reformation unentwegt mit theologischen Fragen konfrontiert war, attackierte in äußerster Schärfe Georg Buchholzer, den Propst von St. Nikolai und St. Marien. Er warf ihm ein Abweichen von Luthers Lehre vor mit den drastischen Worten: „Ich befele got und euch, Er Jörge, dem teufel.“

Text: Martina Jammers / Fotos: SPSG

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Cranach und die Kunst der Hohenzollern
im Schloß Charlottenburg, Mi-Mo 10-17 Uhr, bis 24.1.2010
Kirche, Hof und Stadtkultur
St. Marienkirche
, Mitte, Mo-Sa 10-18 Uhr, So 12-18 Uhr, bis 24.1.2010
Sonderführung Schloss Charlottenburg, Neuer Flügel: „Cranachs
Maltechnik – neue Erkenntnisse der Wissenschaft“ mit den
Gemälderestauratoren der SPSG. 12.11.2009 und 14.1.2010, 18 Uhr.
Sonderführung St. Marienkirche, Mitte, „Kirche, Hof und
Stadtkultur. Einblicke in die Entwicklung Berlins und Brandenburgs in
der Renaissance“, mit den Kuratoren der Ausstellung, 15., 29.11.2009,
12.30 Uhr

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