8. Mai 1945/2020

Kultursenator Klaus Lederer über das Kriegsende und die Verteidigung der Demokratie

Wir sprachen mit dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) über das Kriegsende, Gefahren für die Demokratie damals und heute und die Frage, weshalb der „Tag der Befreiung“ erstmals ein Feiertag in Berlin ist.

75 Jahre Kriegsende: Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke).
Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke). Foto: Imago/Reiner Zensen

tipBerlin Herr Senator, weshalb begeht Berlin in diesem Jahr den 8. Mai, den Jahrestag des Kriegsendes, zum ersten Mal als Feiertag?

Klaus Lederer Es war schon lange an der Zeit, den Tag zu ehren, an dem die Anti-Hitler-Koalition der Alliierten Nazi-Deutschland endgültig besiegt hat. Erst recht in Berlin, der Stadt, in der nicht nur der Zweite Weltkrieg ins Werk gesetzt, sondern auch die Shoah organisiert worden ist, wo die NS-Mordzentrale des Reichssicherheitshauptamts stand und Hitler davon träumte, die Reichshauptstadt Germania zu errichten.

Diese Stadt ist den Alliierten zu großem Dank verpflichtet

Diese Stadt ist den Alliierten, den Briten, Franzosen, US-Amerikanern und den Völkern der damaligen Sowjetunion zu großem Dank verpflichtet. Angesichts der rechtsradikalen Mordanschläge in Hanau und Halle, einem immer offener auftretenden Antisemitismus und einem aggressiven Nationalismus bis in die Mitte der Gesellschaft, ist es angesagt, den Sieg über Nazi-Deutschland als Tag der Befreiung zu feiern. Wir brauchen eine offensive Erinnerungspolitik.

tipBerlin Weshalb hat Ihre Kulturverwaltung zusammen mit Kulturprojekte eine Plakatkampagne initiiert, die eine direkte Verbindung zwischen den Reichstagswahlen 1933 und den zerstörten deutschen Städten am Ende des Krieges zieht: „Eine Wahl und ihr Ergebnis“?

Klaus Lederer Es war nicht so, dass eine Einzelperson, Adolf Hitler, den Rest der deutschen Bevölkerung gezwungen hat, in diesen Krieg zu ziehen, Konzentrationslager zu errichten, die europäischen Juden zu ermorden, Andersdenkende, Kommunisten, Schwule, Sinti und Roma zu verfolgen und zu töten.

Man muss daran erinnern, dass die Nazis die Staatsmacht 1933 auf der Grundlage demokratischer Wahlen und mit großer Zustimmung in der Bevölkerung erobern konnten. Das war die Voraussetzung ihres Mordregimes und der Zerstörung der Demokratie der Weimarer Republik. Demokratie ist nichts, was uns einfach geschenkt wird. Wir müssen sie jeden Tag aufs Neue verteidigen.

Adornos Diktum, dass wir alles dafür tun müssen, dass Auschwitz nie wieder möglich wird, ist immer noch aktuell

tipBerlin Nach einer aktuellen Umfrage teilen 53 Prozent der befragten Bundesbürger die Aussage, es sei Zeit einen „Schlussstrich unter die Vergangenheit des Nationalsozialismus zu ziehen“,  unter AfD-Wählern sind es 80 Prozent der Befragten. Nehmen die geschichtspolitischen Auseinandersetzungen an Dringlichkeit zu?

Klaus Lederer Ich glaube nicht, dass die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen wie des Denkens, der Mentalität, auf die sich die Nazis stützen konnten, gänzlich gelungen und vollendet ist. Wir wissen aus den empirischen Studien des Soziologen Wilhelm Heitmeyer zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, dass ein stabiler und nicht kleiner Anteil der Bundesbürger rassistischen Stereotypen und antisemitischen Vorurteilen verhaftet ist und sich einen autoritären Staat wünscht. Adornos Diktum, dass wir alles dafür tun müssen, dass Auschwitz nie wieder möglich wird, ist immer noch aktuell und ein noch nicht eingelöster Anspruch an uns alle.

„Wer die Verbrechen der Nazis mit deutschem Selbstmitleid relativieren will, hat nichts verstanden“

tipBerlin Ist es vor diesem Hintergrund besonders obszön, wenn angesichts der Bilder des Kriegsendes Opfernarrative gepflegt werden und Rechtsradikale etwa den Bombenangriff auf Dresden mit dem Völkermord an den europäischen Juden gleichsetzen?

Klaus Lederer Man kann Opfer nicht gegeneinander aufrechnen. Man soll auch menschliches Leid und menschliche Schicksale nicht leugnen, unabhängig davon, wer es erlitten hat. Aber man darf Ursache und Wirkung nicht verwechseln. Mit der Bombardierung deutscher Städte, mit dem, was die Menschen in diesem Land in den letzten Monaten des Krieges erlitten haben, ist der von Deutschen begonnene Krieg nach Deutschland zurückgekehrt. Das war der schreckliche Preis der Niederringung der NS-Diktatur durch die Streitkräfte der Allliierten. Die Deutschen bekamen in der Konsequenz des von Deutschland entfesselten Krieges nur einen Eindruck des Leids zu spüren, welches sechs Jahre lang die Nazi-Wehrmacht den Völkern Europas angetan hat.

Wenn ich die Bilder des Kriegsendes in Berlin sehe, denke ich auch an den Vernichtungskrieg im Osten, an die Hungerblockade Leningrads, an die Massaker der Einsatzgruppen, an die Konzentationslager. Wer die Verbrechen der Nazis mit deutschem Selbstmitleid relativieren will, hat nichts verstanden, oder will nichts verstehen.


75 Jahre Kriegsende

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Die Kulturprojekte Berlin haben ein umfangreiches Programm zum Thema „75 Jahre Kriegsende“ vorbereitet. Informationen dazu findet man hier.

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