Berliner Unikat

Kunst in der U-Bahn – Heiner Radau ist der Underground-Artist

Ungewöhnliche Begegnung in der U-Bahn: Dort ist Heiner Radau mit seiner Pop-up-Galerie unterwegs

Patricia Schichl

Heiner Radau ist ein Ex-Sprüher mit Stil. Um den Hals trägt er ein Seidentuch. An den Beinen bunte Leggins, auf dem Kopf eine Basecap und auf der Nase eine Nickelbrille. Seinen Rücken ziert eine durchsichtige ­Kiste mit Postern in schwarz-weiß. Alle selbst gezeichnet, selbst vervielfältigt, selbst unter die Leute gebracht. Radau hat einen ­Faible fürs Do-it-yourself – und für eine gute Perfor­mance. Wenn er die Berliner U-Bahn betritt, dauert es nur Sekunden, bis er die Aufmerksamkeit des kompletten Wagens gewinnt. Endlich mal kein „Ich verkaufe die ,Motz‘“ oder „Haste etwas Kleingeld?“ Stattdessen ein fröhliches „Tach, meine Damen und Herren – willkommen in meiner Pop-up-Galerie in der Berliner Untergrundbahn.“

Und dann erzählt Heiner Radau von sich, von seiner Kunst, seinen Reisen, seiner Stadt. Anders als jene, die wie er von Waggon zu Waggon tingeln und die er die „Hit-the-road-Jack“-Leute nennt, kämpft er nicht um seine Existenz. Nach seinem Studium an der Kunsthochschule Weißensee und einem Praktikum bei Alexander McQueen in London hatte er eine Reihe gut bezahlter Jobs als Textildesigner. Bei der Zehn-Millionen-Show „The One“ von Jean Paul Gaultier am Friedrichstadt­palast entwickelt er die Kostümstoffe. Das Label Lala Berlin bot ihm eine Anstellung an. Aber das Leben als Freelancer ist ihm lieber als ein fester Job: „Ein komfortables Leben hält einen ab davon, das zu machen, was man wirklich will.“

Der Erfolg gibt ihm Recht. Besonders Berliner reagieren begeistert, denn die Poster von Radau zeigen ihre Stadt als filigrane Zeichnung mit Feder und Tinte, stilistisch zwischen Gerhard Seyfried und M.C. Escher. Zwischen Fernsehturm und Tempodrom, LPG und Weltzeituhr springt eine Kuh herum, die U-Bahn entgleist, die Ampeln funktionieren nicht – und dazwischen quetscht sich überall Graffiti. Wie im echten Leben also.

Seine Performances in der U-Bahn sieht er als Teil einer eigenwilligen Selbstvermarktungsstrategie, um möglichst viele Leute zu erreichen. Auf die Entdeckung als Künstler will er nicht warten. Einen teuren Agenten kann er nicht bezahlen. Zu Hause rumhocken ist ihm zu langweilig. Im direkten Kontakt mit den Leuten steckt für ihn echte Kreativität. Radau ist selber schon viel in der Welt herumgekommen und fühlt sich mit der Straße verbunden.

In Paris setzte er sich in die U-Bahn-Tunnel und malte alles, was ihm über den Weg lief. Auf seinem London-Poster ragen zwischen den bekannten Sehenswürdigkeiten Teetassen und Grabsteine ins Bild. Letztes Jahr war er in Vietnam und Laos. Hier hat ihn die Präsenz des Organischen in der Stadt fasziniert, die Spuren, die die Natur hinterlässt auf all den Kabeln und Werbeschildern, Mauern und Fassaden. Hanoi ist für ihn die Stadt echten Patinas, was ihm in seiner Heimatstadt manchmal fehlt. „Was da noch das Wetter und der Einfluss der Zeit macht, muss bei uns das Graffiti machen“, sagt er, „weil ­alles ständig neu überstrichen wird.“

Berlin kam ihm nach seiner Asien-Reise unglaublich langsam und leer vor. Wenn er sich hier mit seinem großformatigen Transparentpapier, Tinte und Feder auf einen ­öffentlichen Platz setzte, passierte oft lange nichts. In Hanoi hingegen ist alles ständig in Bewegung. Das Leben findet auf der ­Straße statt. Fliegende Händler allerorten – mit Handwagen, Fahrrädern, Mofas. Radau ­kehrte zurück und brachte nicht nur Unmengen an Zeichnungen mit, sondern war inspiriert von einer urbanen Kultur, die seiner Meinung nach auch Berlin gut stehen würde. Unverdrossen startete er sein Unternehmen im November – ausgerechnet, wenn viele dem Berlin-Blues frönen und mit hochgezogenem Mantelkragen nach Hause hetzen.

Eigentlich hätte er schon mit 16 seine Kunst am liebsten im Park ausgestellt. Es hat aber eine ganze Weile gedauert, bis er den Mut ­dafür gefunden hatte, das, was er macht, öffentlich anzupreisen. Da half es auch nicht, dass seine Eltern beide Schauspieler sind. „Gerade als Künstler ist es nicht einfach auszuhalten, ­abgewiesen zu werden“, sagt Radau und weiß sich damit in guter Gesellschaft der vielen Kreativen in Berlin: „Umso wichtiger ist es, seinen Arsch hochzukriegen und sein eigenes Ding zu machen.“

Radau war früher illegal als Sprüher unterwegs. Das hat er längst aufgegeben, nicht nur, weil er ein paar Mal erwischt wurde und zur Strafe den Bahnhof Ostkreuz schrubben musste. Ihm ist wichtig, dass er seine Kunst öffentlich zeigen kann und die Leute sehen, was er macht. Ein Leben in der Anonymität wie der britische Graffiti-Künstler Banksy, dessen Arbeiten inzwischen Millionenwert haben, kann er sich nicht vorstellen. In Zukunft will er alles selber machen. Über seine Website kann man seine Zeichnungen auch auf Jutebeuteln, T-Shirts, Seidentüchern und Seiden-Kimonos erwerben. Rucksäcke sind geplant. Das Nähen übernimmt er bisher selbst – self-made in Berlin eben.

Poster und Postkarten von Heiner Radau gibt es auch in der Buchbox, Kastanienallee 97, Prenzlauer Berg, alle anderen Radau-Produkte: in seinem Online-Shop unter www.heinerradau.de

Kommentiere diesen Beitrag