Kunst und Museen in Berlin

Kunst und Kult des haitianischen Vodou im Ethnologischen Museum

Allein das Wort weckt Assoziationen: Vodou. Man denkt an mit Nadeln traktierte Puppen und an Gräber, aus denen Zombies steigen. Klischee-Vorstellungen

Sammlung_Marianne_Lehmann_FPVPOCH_Johnathan_WattsDie Realität, wie sie in Haiti bis heute praktiziert wird, sieht vielfältiger aus. So kommen in der Sonderausstellungshalle in Dahlem zwar durchaus Gruselgefühle auf angesichts prachtvoll-schauriger Figuren im abgedunkelten Raum, aber die Welt der Götter und Geister zeugt auch von einem gelebten Glauben, der nicht abgehoben ist vom Alltag. 80 Prozent der 8,5 Millionen Einwohner Haitis sind Katholiken, die meisten glauben gleichzeitig an Geister. Seit 2003 ist das Ausüben von Vodou offiziell anerkannt und muss nicht mehr heimlich geschehen. Einflüsse des Katholizismus spiegelt zum Beispiel die mächtige Mutter Haitis, Erzulie Dantor. Sie hat die Gestalt der schwarzen Madonna von Tschenstochau – eine der Ikonen der katholischen Kirche. In Tempelzeremonien werden, von Getrommel und Gesängen begleitet, die Rituale gepflegt. Rund 350 kultische Objekte aus der Sammlung der Schweizerin Marianne Lehmann, die seit 1957 in Port-au-Prince lebt, präsentiert die Schau. Ihre Kollektion überstand das Erdbeben und erlaubt erstmals einen ausgiebigen Blick auf Haitis Vodou-Welt. Etwa auf Lasirиn, einen geschnitzten Meeresgeist in Form einer Nixe, oder Zobakele, eine Figur aus einem Kochtopf auf drei Füßen und einem Schädel. Alles blinkt, weil die Artefakte meist mit Pailletten besetzt sind. In ihnen und in imposanten Spiegeln spiegelt sich nicht nur das Licht, sondern auch der Betrachter im Licht der Geister. Die Schöpfer verstehen das nicht als Kunst. Alle Gegenstände und Gestalten hatten ursprünglich eine Funktion. Im Mu-seum bestaunt zu werden, ist für sie so befremdlich wie sie für uns fremdartig sind.

Text: Andrea Hilgenstock
tip-Bewertung: Sehenswert

Foto: Sammlung Marianne Lehmann FPVPOCH/ Johnathan Watts MEG 

Ethnologisches Museum Lansstraße 8, Dahlem, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, bis 24.10.2010

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