Kunst und Museen in Berlin

Kunstkiez Potsdamer Straße

Nichts ist in Berlin so beständig wie die Veränderung. Abseits der Hysterie der Kunstmessen entwickelt sich gerade ein für tot gehaltener Kiez zum Pflichtprogramm für Kunstinteressierte. Mit neuen Galerien, einem Freien Museum und ein paar alten Bekannten wird ausgerechnet die Potsdamer Straße zum Gegenpol der Galerienszene in der Heidestraße. Und zwischen den beiden Kunstmeilen funkeln die Neue Nationalgalerie und der Hamburger Bahnhof

Jose_Lermas_bei_LoockEine Frau reitet im Schritt über eine menschenleere Potsdamer Straße vom Potsdamer Platz bis zum Kleistpark. Mit dieser Videoarbeit von Thorsten Goldberg sollte vor vier Jahren für die Belebung der von Schicksal, Drogen und Prostitution gebeutelten Straße geworben werden. Die Bezirksämter von Mitte und Schöneberg-Tempelhof hatten zugestimmt, was fast schon eine Sensation war. Gescheitert ist das Projekt dann am Kunstunverstand der Senatorin für Stadtentwicklung Ingeborg Junge-Reyer. Sie fand es unmöglich, an der Potsdamer Straße, Ecke Pohlstraße eine Leinwand aufzustellen, auf der das Video als permanenter Loop zu sehen gewesen wäre. Dann wurde es still.

Raffael_Rheinsberg_im_Hochbunker_PallasstrasseGeht man heute durch die Potsdamer Straße und ihre Nebenstraßen, kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. Zu verantworten hat das Katharina Kaiser, die Leiterin des Kunstamtes Schöneberg: „Wir wollten unbedingt, dass neben den Feierlichkeiten zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls auch an den Kriegsbeginn vor 70 Jahren gedacht wird.“ Sie hat den nunmehr denkmalgeschützten Bunker in der Pallasstraße eröffnet, um mit künstlerischen Mitteln diesem Anspruch gerecht zu werden. Wenn man keine Platzangst hat, kann man dort eine Installation von Raffael Rheinsberg erspüren. In einer der riesigen, aber auch bedrückenden Hallen hat er fein säuberlich den Schrott deutscher und russischer Armeen aufgebaut. Aus dem abschre­cken­den Bunker, der daran erinnert, dass Deutschland vor 70 Jahren in den Krieg zog, wird hier durch künstlerischen Eingriff ein Ort der Poesie. Überhaupt darf man keinesfalls Schwellenangst beim Besuch der Gegend um die Potsdamer Straße haben, sonst entgehen einem die schönsten Erlebnisse mit der Kunst.

Die Galerie Giti Nourbakhsch in der Kurfürstenstraße 12 gibt sich nämlich ziemlich verschlossen hinter einem schwarzen Tor, an dem gerade mal ein Klingelschild auf die Existenz der Galerie verweist. Öffnete man in der letzten Woche tagsüber die schwere Pforte, konnte man im Hof den französischen Künstler Jean-Pascal Flavien bei der Arbeit an seinem „no drama house“ beobachten. Das ist eine zweistöckige, teils begehbare Skulptur, die sich nicht zum Wohnen eignet, dafür aber Fragen stellt, in was für Kästen wir eigentlich leben. Man darf gespannt darauf sein, wenn die Arbeit fertig ist. Man kann sie besichtigen, wenn am 25. September in der Galerie selbst die Ausstellung der Turner-Preisträgerin Tomma Abts eröffnet wird.

Ein Haus weiter feierte man am vergangenen Freitag bei Sommer & Kohl, den ehemaligen Mitarbeiterinnen von neugerriemschneider, eine Ausstellung von Knut Henrik Henriksen. Der legt Latten hin, zeichnet Linien auf Boden und Wände, die den Raum der Galerie neu vermessen, seine verwinkelten Eigenschaften aufzeigen und die Architektur der gewölbten Decke aufnehmen. Im Hof konnte man das Rätsel der ortsgebundenen Arbeit unter den vielen Gästen diskutierten und bei Grillwürstchen sehr gut nachdenken über die Hinterhöfe von Berlin. Es zeugt vom Selbstbewusstsein der Galeristen, sich in diesem merkwürdig verschrienen Viertel mit Kunst nie­der­zulassen, ohne die große Glocke zu schwingen: Ausgerechnet hier entsteht ein Galerienviertel, das sich womöglich schon bald mit den Kunst-Clustern in der Brun­nen­straße oder der Rudi-Dutschke-Straße messen lassen kann.

Freies_Museum_Potsdamer_StrasseDazu trägt auch das Freie Museum bei, das sich vor Kurzem in der Potsdamer Straße 91 angesiedelt hat. „Wir werden hier ein neues Zentrum für die bildende Kunst schaffen“, sagt Marianne Wagner. Sie ist eine der Macherinnen des Projekts, einer Initiative, die sich zusammengefunden hat, nachdem ein Investor abgesprungen war, der das Haus in ein Hotel verwandeln wollte. In dem weitläufigen Gebäude ist neben den Räumen des Freien Museums noch genug Platz für Atelierräume, Künstlerwohnungen und eine Bar in der Remise, wo man bereden wird, was heutzutage Kunst ist. In der Warm-up-Show werden die Räume, die sich über drei Etagen verteilen, mit Bildern des ewig jungen Wilden ter Hell bespielt. Um dort hinzugelangen, muss man durch eine schmale Toreinfahrt, an der es noch keinerlei Hinweis auf das Museum gibt. Ganz hinten hängt inzwischen ein Banner, und man weiß, man ist nicht in die Irre geführt worden.
Offiziell eröffnet das Haus am 24. September mit „Erased Walls„. Die Ausstellung beschäftigt sich mit dem Phänomen, dass es unsichtbare Trennungen zwischen Ost und West gibt, obwohl der Eiserne Vorhang längst gefallen ist. Dazu gibt es ein Rahmenprogramm aus Performance-, Tanz- und Filmbeiträgen sowie ein internationales Symposium zum Thema „Mittel- und Osteuropäischer Kulturraum“.
Nicht nur durch die Aktivitäten des neuen Museums wird die Dynamik der Veränderung der Potsdamer Straße zur Kunstmeile deutlich, sondern auch durch den Zuzug von weiteren Galerien wie etwa Walden, die nach 14 Jahren aus der Kastanienallee dorthin gezogen ist. Und ab dem 19. September wird unter der gleichen Adresse die Galerie Eva Bracke zu finden sein. In der Eröffnungsausstellung zeigt Florian Kompatscher „My Brain is on an Elevator“.

Fotos: Harry Schnitger/tip, Markus Wächter/BLZ

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