Kunst und Museen in Berlin

Künstlermuseen in Berlin

In Berlin boomen Künstlermuseen: Kolbe, Nolde, zweimal Liebermann. Einmal gesehen, abgehakt. Doch wie können Häuser, die nur ein einziges Thema haben, auch zum zweiten und dritten Besuch bewegen?

KiesewetterFür Berlin-Besucher sind sie Publikums-Magneten: die Museen der Stadt, die einem speziellen Künstler gewidmet sind – Max Liebermann, Georg Kolbe oder Emil Nolde. Doch wie ist es mit den Berlin-Bewohnern? Läuft sich solch eine monographische Ausrichtung nicht tot? Wie gelingt es den Ausstellungsmachern, diese Häuser über Jahre attraktiv zu halten?
Im Georg-Kolbe-Museum fand kurz vor den Ferien ein großes Sommerfest enormen Zulauf, bei dem gleichzeitig 22 Positionen der abstrakten Gegenwarts-Skulptur vorgestellt wurden. Zahlreiche junge Familien tummelten sich auf dem pittoresken Gelände. Ist solch eine Integration der Gegenwartskunst überhaupt im Sinne des Stifters, also des Bildhauers Georg Kolbe? Gerade „durch den bewussten Kontrast“, sagt Marc Wellmann, würden erst die gestischen und körperlichen Momente abstrakter Kunst deutlich. Und der Ausstellungsleiter des Hauses im Westend erklärt weiter: „Das Kolbe-Museum hat sich auch schon in früheren Perioden mit zeitgenössischer Kunst auseinandergesetzt. Das wurde in den letzten Jahren lediglich verstärkt und auch prononcierter in die Öffentlichkeit getragen.“ Erfolgreich war etwa die Schau zur zeitgenössischen Wachsplastik im Kolbe-Museum, kuratiert von Jessica Ullrich.

Bei der Eröffnung des Bode-Museums auf der Museumsinsel mehrten sich Stimmen, dass Skulptur nicht das Gros des Kunstpublikums anspräche. Doch die Nörgler verstummten bald angesichts des Andrangs. Das sieht auch Wellmann so: „Auf dem Kunstmarkt sind über 80 Prozent der Werke sogenannte ‚Flachware‘, also Malerei, Grafik, Fotografie. Doch in Museumsausstellungen kommen viel mehr Skulpturen und Installationen vor. Ich halte die dreidimensionale, raumbezogene Kunst für ausgesprochen zeitgemäß.“ Neben dem interessanten Kunstangebot, der spannenden Fragestellung einer Schau, rückt natürlich auch das Ambiente in den Fokus. Dazu gehört neben einer gehörigen Portion „Grün“ auch ein gut geführtes Cafй. „Dies ist unabdingbar“, meint Marc Wellmann. „Das benachbarte Cafй K hat seit einiger Zeit einen neuen Pächter, der sich sehr gut macht. Service und Qualität sind auf einem hohen Niveau und sprechen in konstanter Weise die gesamte Nachbarschaft an.“ Auch das Cafй Max in der Liebermann-Villa am Wannsee hat sich ohne Mühe eine Stammklientel aufgebaut. Nicht ohne Stolz kann Museumsleiter Martin Faass auf die aktuelle Mitgliederzahl von 1535 Menschen verweisen, was natürlich nicht nur am Cafй liegt. „Dies ist eine große Zahl bezogen auf die Größe unseres Hauses.“

Max_Liebermann_Strand_von_ScheveningenEs erklärt sich nur auf der Basis der Ursprünge: Die Liebermann-Villa wurde gerettet durch eine Bürgerinitiative. „Wir müssen jetzt was tun, wenn schon das Land Berlin und der Bezirk nicht die Notwendigkeit einsehen, sagten wir uns“, erinnert sich Faass. Die Liebermann-Fans standen auf, schlossen ihr Haus 2006 für die Öffentlichkeit auf, und führen bis heute vieles auf der Basis von Ehrenämtern durch, zum Beispiel die Gartenpflege und Führungen. 1909 ließ sich Liebermann ein Sommerhaus am Wannsee bauen, das er stolz sein „Schloss am See“ nannte. Hier fand er die nötige Ruhe von dem Betrieb der Großstadt und die entscheidenden Motive für sein Spätwerk. Mehr als 200 Gemälde entstanden in dem nach seinen Ideen gestalteten, fast 7000 Quadratmeter großen Garten. Selbst an einem beliebigen Werktag im Sommer ist die Liebermann-Villa gut besucht. Die Verbindung von Gartenpracht, ausgezeichneten Sonderausstellungen – wie der aktuellen zu den Nordseebildern des Malers – und dem Topangebot im Cafй Max hat sich längst herumgesprochen. Martin Faass weiß aus Besuchererhebungen, dass viele Berliner mehrfach im Jahr den Weg in die einstige Kolonie Alsen am Wannsee finden. Doch wie gelingt es, auch einem jüngeren Publikum das Anwesen plus Museum schmackhaft zu machen? Faass sieht den Realitäten ins Auge. Ab einem bestimmten Punkt, so im Alter von 13 Jahren, sind Museen und Gärten eine Weile „nicht so spannend“. Doch wenn das Interesse früh geweckt wurde, finden die jungen Erwachsenen doch wieder den Weg hierher. Inzwischen wurde ein spezielles Programm „für junge Freunde“ der Liebermann Villa entwickelt. Dieses wirft Fragen auf, etwa „Wie fertigte Max Liebermann seine lithographischen Drucke an?“ oder „Was hatte er eigentlich gegen sein Gartenhäuschen?“. Großer Beliebtheit erfreut sich die Medieneinheit über das Leben der Familie Liebermann und über das wechselvolle Schicksal des Hauses.

Hochaktiv ist das Georg-Kolbe-Museum hinsichtlich der Attraktivität für Kinder und Jugendliche. Neben den monatlichen Workshops für diese Altersgruppe in Zusammenarbeit mit Künstlern aus dem Ausstellungsprogramm werden Tageskurse für Erwachsene angeboten. Außerdem ermöglichen die mehrtägigen Ferienworkshops für Kinder und Jugendliche eine intensive Auseinandersetzung mit den verschiedenen Techniken des skulpturalen Arbeitens. Auch die Berliner Dependance der Emil-Nolde-Stiftung öffnet sich zeitgenössischen Positionen. Mit der Ausstellungsreihe „Kunst im Foyer“ gewährt sie jungen Künstlern die Möglichkeit, jeweils einen Monat die Stirnwand an der Freitreppe zur aktuellen Schau zu bespielen. Konzentrierte sich die Dependance in den ersten Jahren auf Emil Nolde selbst, so stellt sie ihn in der letzten Zeit verstärkt in den Kontext jüngerer Künstler wie zuletzt Emil Schumacher oder in diesem Winter mit dem Amerikaner Eric Fischl. „Ein Museum, das ausschließlich einen Künstler zeigt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass es bald tot ist“, davon ist Marc Wellmann überzeugt. Einzel- und Gruppenausstellungen sollen sich im Kolbe-Museum genauso abwechseln wie verschiedene Künstlergenerationen. Kann Wellmann inzwischen eine Verjüngung des Publikums beobachten? „Ja, aber dies ist auch sehr abhängig von der Ausstellung, die gerade läuft.“ So hat der Berliner Kubist William Wauer, der den genialischen Kopf von „Sturm“-Begründer Herwarth Walden schuf, weniger die jungen Leute interessiert. „Bei der aktuellen Schau ABSTRAKT////SKULPTUR hingegen kommen die Jüngeren“, sagt Marc Wellmann.

Text: Martina Jammers

Fotos: oben: Thomas Kiesewetter „Taumel“ (Jochen Littkemann/Contemporary Fine Arts Galerie), Max Liebermann „Strand von Scheveningen“

Georg Kolbe Musem Sensburger Allee 25, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr, die Ausstellung „ABSTRAKT////SKULPTUR“ läuft bis 3.9.2011

Liebermann-Villa am Wannsee Colomierstraße 3, Zehlendorf,  April–September: Mi–Mo 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, die Ausstellung „Max Liebermann am Meer“ bis 29.8.2011

Nolde Stiftung Seebüll, Dependance berlin Jägerstraße 55, Mitte, bis 30. Oktober tgl. 10–19 Uhr,  Ausstellung „Die Farbe lebt im Licht. Emil Nolde – Meister des Aquarells“ bis 30.10.2011

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare