Kunst und Museen in Berlin

Kunstsammler Thomas Olbricht im Gespräch

Seit zweieinhalb Jahren bietet der me Collectors Room Berlin des Essener Sammlers und Medizinprofessors Thomas Olbricht ein Programm zeitgenössischer Kunst, das sich allen Trends entzieht.

JanaEbertJetzt hat der 64-Jährige seine Wunderkammer neu bestückt, im Erdgeschoss nehmen zeitgenössische Neuerwerbungen Bezug auf die barocken Kuriositäten. Ein Gespräch über Kannibalen, Staunen und Tendenzen in der aktuellen Kunst.

Sind Sie ein Barockmensch, Herr Olbricht?

Wenn die Frage auf den Ursprung des aus der portugiesischen Sprache stammenden Wortes „barrocco“ zurückgehen soll, was so viel wie „schiefrund“ oder „merkwürdig“ bedeutet, dann trifft das für meinen Kopf zu. Meint man als charakterliches Zeichen des Barocks die Tendenz, Grenzen der einzelnen Kunstgattungen zu verwischen, scheint dies auch zuzutreffen. Wenn Sie einen üppigen, ausschweifenden Menschen meinen, der in Memento Mori den Tag mit allem, was sich bietet, ergreift, dann nicht.

Ihr Sammeleifer erinnert an Alexander von Humboldt, aus dessen Besitz Sie einen Pokal zeigen. Eine Kokusnuss bildet dessen bauchigen Körper, angeblich von brasilianischen Kannibalen geschnitzt.
Das Schnitzwerk auf der Kokosnuss zeigt eine missionarisch anmutende Szene sowie eine andere mit „wilden“ Eingeborenen. Sie wurde nicht von Kannibalen geschnitzt. Das haben meine Forschungsarbeiten evident ergeben.

Wie kamen Sie an dieses Objekt von 1648?

Ich habe es in München bei meinem Freund Georg Laue in der Kunstkammer auf der Schellingstraße entdeckt. Er stellte gerade seine Objekte für die Große Messe in Maastricht zusammen, just in diesem Moment betrat ich seine Galerie und war sofort begeistert.

Und das fünf Meter lange Krokodil? Sind solche Präparate wie auch der Riesenturako nicht ein Fall fürs Naturkundemuseum?

Wie gesagt, ich verwische die Grenzen, aber ich habe ja eine Wunderkammer und essenzieller Bestandteil dieser ist das Präparat eines Krokodils. Auch sehr seltene Vögel tauchen regelmäßig in den Beschreibungen früherer Kunst- und Wunderkammern auf.

In der zeitgenössischen Kunst erscheint die Welt mitunter auch als Wunderkammer, betrachtet man Julie Heffernans „Selbstporträt“ oder den 2012 gemalten „Garten der Lüste“ von Wolfe von Lenkiewicz. Ist ihr Endzweck, uns Staunen zu machen?
Staunen und Wundern. Wenn dies unsere Besucher erfahren und mit nach Hause nehmen, ist ein Ziel unseres me Collectors Room erreicht.

Das großformatige Triptychon ?Garten der Lüste? wirkt fast wie eine Hieronymus-Bosch-Kopie, ist aber mit diversen kunstgeschichtlichen und pop-kulturellen Anspielungen gespickt. Ist das Alte neu aufzulegen bei jungen Künstlern ein Trend?
Seit etwa fünf bis acht Jahren wird mit zunehmender Tendenz gezielt neue und alte Kunst in Ausstellungen mehr und mehr gemischt und gezeigt. Scheinbar eine Art neuer Zeitgeist in der Kunstpräsentation. Künstler haben schon immer alte Meister kopiert und abgewandelt. Aktuell beschäftigen sich immer mehr junge Künstler mit Werken der alten Meister.

In Berlin gründete Kurfürst Joachim II. im 16. Jahrhundert seine Wunderkammer. Künstler wie Kris Martin mit seiner „Laokoon Gruppe“ oder Kate MccGwire mit ihrem Gebilde aus Taubenfedern nehmen Bezug auf die Wunderkammer-Thematik. Warum halten Sie es für wichtig, diese Tradition zu neuem Leben zu erwecken?
Ich zeige nur das und nehme auf, was Künstlern in diesem Kontext so wichtig erscheint. Dies ergänze ich mit wirklich alten Schätzen.

Im Titel der Ausstellung „Wonderful – Humboldt, Krokodil & Polke“ steckt Witz. Auch Humor scheint mir ein Aspekt Ihrer Sammlung zu sein.  
Wenn dies als Plus von den Künstlern mitgegeben wird, nehme ich es nicht nur gerne in Kauf, sondern in Empfang. Ja, ich liebe das, aber nicht nur.

Die Künstlerliste umfasst circa 60 Namen. Viele Werke sind Neuerwerbungen. Wie hoch ist Ihr Budget oder wie hoch der jährliche Zuwachs Ihrer rund 3000 – 4000 Werke umfassenden Sammlung?
Es gibt keine geplante Zahl für Neuerwerbungen. Das wäre für ein leidenschaftliches und auch ernsthaftes Sammeln kontraproduktiv.

Mit Ihrem eigenen Sammlerhaus, dem me Collectors Room, haben Sie 2010 eine Bühne für Kunst-Begegnungen geschaffen. Wie sieht Ihre Bilanz aus?  
Alles hat sich wirklich gut vorwärts entwickelt, das Interesse der Besucher ausgedrückt in zunehmenden Zahlen, das Essen im Cafй, vor allem aber das Ziel unserer Stiftung, Schüler und Kinder an die Kunst he­ranzuführen.

Und wie erleben Sie die Berliner Kunst­szene?
Sehr reich und vielfältig, aber auch Nächte und Energie verbrauchend.

Interview: Andrea Hilgenstock

Foto: Jana Ebert/ me Collectors Room Berlin

Wonderful – Humboldt, Krokodil & Polke. Die Olbricht Collection
im me Collectors Room, Auguststraße 68, Mitte, Di bis So 12-18 Uhr, 29.11- 28.4.2013

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