Negativliste Berlin: Lachen oder Weinen

CollageDie Realität findet eben nicht unter Laborbedingungen statt. Das kann jeder unterschreiben, der schon mal ein Schnitzel paniert und gebraten hat. Doch in Alt-Pankow ist man anderer Meinung. Das musste Andreas Herrmann-Mai, Geschäftsführer des Restaurants Majakowski, folgenschwer erfahren. Salat in der Badewanne, hieß der vermeintliche Skandal. Es wurde suggeriert, dass das Grünzeug abwechselnd mit dem Personal ein erfrischendes Bad nimmt. „Das Badezimmer ist stillgelegt. Da tut die verantwortliche Hygiene-Beamtin so, als ob wir da Kinderpopos neben Gemüse waschen, das ist doch absurd. Dem Salat tut das ungemein gut, wenn er in einer großen Menge kühlen Wassers schwimmt.“

Jedenfalls fand man ein Foto von der Badewanne auf der Negativliste des Bezirksamtes Pankow. Dieser Bezirk ist Vorreiter in Sachen Hygiene der gastronomischen Betriebe, es finden Lebensmittelkontrollen nach Kriterien eines Bewertungsbogens statt. Erreicht der Betrieb 90 Punkte, bekommt er einen Smiley-Aufkleber samt Urkunde verliehen. Wenn nicht, gibt es unter anderem die Negativliste, abrufbar im Internet. Dort findet man auch die als Ekelliste bezeichneten Adressen samt Fotos der angeblichen Schmutzfinken. „Das hat die Presse natürlich ausgeschlachtet“, sagt Restaurantbetreiber Herrmann-Mai immer noch angespannt, „meine Kinder wurden in der Schule dumm angemacht, meine Frau fühlte sich beim Gang zur Bank ganz unwohl, weil die Bankangestellten sie merkwürdig ansahen.“ Ein Anwalt rückte die Situation ins rechte Licht. Die Gastronomiem hat nach den Lebensmittelkontrollen auch immer noch die Möglichkeit, eine Nachprüfung zu beantragen und die Mängel zu beseitigen.

Der Stadtrat von Pankow, Jens-Holger Kirchner (Grüne), kann jedenfalls zufrieden sein. Er hat gerade die Sitzung hinter sich, bei der alle zwölf Berliner Stadträte – und zwar einstimmig – entschieden haben, flächendeckend das Smiley-System in Berlin einzuführen. Er ist mit Pankow der Vorreiter, er hat das System – von den Dänen erfunden – hier 2008 ein- und durchgeführt. „Im Juli 2011 sind dann die technischen Voraussetzungen gegeben. Die Laptops und die Software müssen überall angeschafft werden.“Die zuständige Senatorin Katrin Lompscher (Die Linke.) sieht kaum Probleme darin, diese Pionierleistung Berlins weiter zu unterstützen. Glaubte sie zwar noch, dass schon Anfang 2011 grünes Licht für alle Bezirke signalisiert werden kann. Räumte aber da schon ein, dass der Start dann nicht bei allen Bezirken gleichzeitig vonstatten gehen könnte. Doch mit dem Starttermin Juli ist sie wohl auch zufrieden.

Auch auf Bundesebene ist man stolz auf den konsequenten Stadtrat. Zwar setzen sich die Grünen, so Bundestagsabgeordnete Nicole Maisch und Sprecherin für Verbraucherpolitik, „schon lange für das Smiley-System ein – sowohl im Bund als auch in den Ländern. Und in Pankow setzt der grüne Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner es sogar um und es klappt hervorragend. Pankow zeigt, dass man selbst unter den suboptimalen Bedingungen der derzeitigen Rechtslage ein Smiley-System zügig einführen kann“. Das ist also Berliner Vorzeigepolitik der Grünen. Auch die Verbraucherschutzministerkonferenz (VSMK) hat
sich für das System ausgesprochen. Alle 16 Vertreter haben ihre Zustimmung signalisiert. Bis Ende des Jahres soll eine Arbeitsgruppe einen Vorschlag erarbeiten, der dann die rechtlichen Rahmenbedingungen festlegt, und sollte es noch juristische Feinheiten bei der Rechtsgrundlage geben, wäre Verbraucherministerin Ilse Aigner tatkräftig dabei.

Das wiederum bezweifelt die Grüne Opposition. „Bisher ist Frau Aigner meistens vor den Lobbys eingeknickt und hat beim Thema Verbraucherschutz zwar viele Versprechen in Interviews gegeben, aber wenig Konkretes getan“, so Nicole Maisch. Doch Ministeriumsprecher Robert Schaller versichert glaubhaft, dass es jetzt ausschließlich an den Ländern liegt, wann und wie die Lebensmittelüberwachung in der gesamten Bundesrepublik praktiziert wird. Dieses System hat Andreas Herrmann-Mai fast seine Existenz gekostet. Nach der Veröffentlichung der Salatbilder gab es rund ein Dutzend Absagen von Feierlichkeiten, „schätzungsweise 20.000 Euro Umsatz ist uns verloren gegangen.“ Das Majakowski hat in Pankow eine Sonderstellung, „ein Solitär“, vom Anspruch und der Qualität der Küche. „Wir behandeln unsere Waren wie auch unsere Gäste mit großer Sorgfalt.“

Doch das Lebensmittelaufsichtsamt kommt in regelmäßigen Abständen „im Sommer, wenn wir völlig ausgebucht sind. Und dann ist eben auch mal Land unter“. Es wird traditionell gekocht, d.h. frische Waren werden eingesetzt, und da liegen auch mal ungeschälte sandige Kartoffeln herum. „Da fragt die Beamtin dann, warum ich nicht bereits geschälte Kartoffeln einsetze, das sei doch hygienischer.“ Zum Schluss war das Amt mit einem mobilen Labor vor Ort – und hat nichts gefunden. Der Kellerboden muss noch in Ordnung gebracht werden. Fragt man beim Bezirksamt Pankow oder bei der grünen Bundestagsabgeordneten Maisch nach, wer denn nun die Kontrolleure kontrolliert, so erhält man einstimmig die Antwort, dass „jeder Restaurantbesitzer natürlich Rechtsmittel einlegen kann, wenn er sich ungerecht bewertet fühlt. Und natürlich muss eine Behörde, die einen Fehler gemacht hat, diesen korrigieren.“

Doch wie soll sich die Gastronomie verhalten, wenn den kontrollierenden Fachleuten vom Veterinäramt Convenience-Food hygienischer und besser erscheint als frische Produkte? Was auch mal blutiges Fleisch oder gut gewässerten, sauberen Salat bedeutet. Wenn große Imbissketten mit ihrer Systemgastronomie selbstverständlich den Smiley erhalten – da sollte der Verbraucher auf gar keinen Fall vergessen, dass das lachende oder weinende Mondgesicht nur etwas über Hygiene aussagt. Nichts über Kochkunst und Qualität der Küchenchefs und ihrer Crew.

Text: Eva-Maria Hilker

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