Kommentar

„Laizismus“ von Philipp Wurm

Berlin, die Stadt der Individualisten, ist ja dann doch religiöser, als manch einer denkt, der zuletzt vor einem Altar stand, als ein fast vergessener Großonkel ins Wolkenkuckucksheim verabschiedet wurde

Das merkt man spätestens, wenn wieder ein Kulturkampf darüber entbrennt, ob religiöse Symbole an Schulen etwas zu suchen haben. Dann erhebt sich der versammelte Klerus. Wie jetzt mal wieder: Ein Pfarrer bekrittelte vor der Landessynode, dass einer christlichen Lehrerin ihr Kruzifix untersagt wurde, an einer Schule im Wedding. Ein Aufschrei in einer Debatte, in der auch die Lobby der anderen großen Glaubensgemeinschaft, des Islams nämlich, ihre Dekoration regelmäßig laut verteidigt – das Kopftuch.
Die Inbrunst der Religions-Apologeten mag manchmal pathetisch erscheinen, birgt aber eine Chance. Sie erinnert an die unklare Gesetzeslage. Das Neutralitätsgesetz, das das Verhältnis von Kirche und Staat regelt, verbietet nämlich einerseits, ganz grundsätzlich, religiöse Symbole. Andererseits erlaubt es Schmuckstücke, die weniger auffällig sind – je nach Auslegung wäre das Kruzifix damit erlaubt. Die Uneindeutigkeit führt zu Pawlow’schen Reflexen: Jesus-Jünger sind beleidigt, wenn Arbeitgeber das Kreuz trotz der Ausnahmereglung zum No-Go erklären; die Muslime, weil ihr Kopftuch generell tabuisiert wird. Die Lösung kann nur lauten: gleiches Recht für alle. Und das heißt: weder Kopftuch, noch Kruzifix, ebenso wenig Kippa oder andere religiöse Insignien – eine Regelung, die im laizistischen Frankreich schon seit 1905 praktiziert wird. Berlin könnte hier eine Vorreiterrolle in Deutschland übernehmen.

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