Stadtleben und Kids in Berlin

Lala Süsskind und Jörg Steinert über ein Denkmal für Magnus Hirschfeld

Lala Süsskind und Jörg Steinert engagieren sich mit dem Bündnis gegen Homophobie für ein ­Denkmal, das die „bunteste Bewegung, die es je gab“, feiert

JoergSteinert-und-LalaSuesskindSie sprechen von der „buntesten Bewegung, die es je gab“. Was hat es damit auf sich?
Lala Süsskind
Hier in Berlin hat die homosexuelle Emanzipation begonnen. Ein jeder hier sollte stolz auf Magnus Hirschfeld und diese Bewegung sein.
Jörg Steinert?Und zwar schon etwa 70 Jahre, bevor es in der New Yorker Christopher Street die großen Aufstände gab: 1897, wir reden vom vorletzten Jahrhundert!

Welche Erfolge hatte die Arbeit des Arztes und Sexualreformers Hirschfeld?
Steinert
Wissenschaftliche Erkennt­nis­se können Vorurteilen entgegenwirken. Das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK), die erste Organisation für die Rechte Homosexueller, und Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft haben deshalb eng zusammengearbeitet. Das WhK hat dafür gesorgt, dass sich der Reichstag mit der Abschaffung des Paragrafen 175 beschäftigt, dem Paragrafen, der Homosexualität unter Strafe gestellt hat. 1929 hat der Strafrechtsausschuss tatsächlich beschlossen, den Para­grafen abzuschaffen. Wegen der nationalsozialistischen Machtergreifung kam es nicht mehr dazu. Letzten Endes wurde der Paragraf 175 erst 1994 abgeschafft. Viele sehen in der Bewegung von 1897 den Wegbereiter für heute.

Gibt es Zusammenhänge zwischen Homophobie und anderen Phobien?
Steinert
Ja. Menschen, die Homosexuelle anfeinden, neigen zum Beispiel auch eher zu Antisemitismus. Wenn wir in Schulklassen gehen und für Respekt werben, nimmt auch die Bereitschaft zur Diskriminierung anderer gesellschaftlicher Gruppen ab.
Süsskind Mangel an Toleranz ist ein Mangel an Wissen. Je mehr man über Menschen weiß, desto bereiter ist man, jeden Menschen so zu nehmen, wie er ist – egal ob schwul, lesbisch, Jude, Sinti oder Roma.

Wo wünschen Sie sich Berlin noch bunter??
Süsskind
Ich möchte, dass nicht nur Toleranz, sondern auch Respekt da ist. Wen oder was jemand liebt, ist jemandes persönliche Freude oder sein persönliches Problem. ­Mit unserer Kampagne wollen wir Leute wachrütteln.
Steinert Wir fordern gleiche Rechte, also auch die Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule. Der Kampf gegen Homo- und Trans­phobie fängt schon in der Schule an, indem man zum Beispiel zeigt, wie vielfältig Familien sind. Wir wünschen uns zudem eine Sichtbarkeit im Stadtbild. Berlin sollte selbstbewusst zeigen, dass hier die Emanzipation begann.

Warum braucht Berlin ein weiteres Denkmal?
Steinert
Wir wollen ein positives Zeichen setzen, um den Stolz auf die Vergangenheit zum Ausdruck zu bringen und einen Anspruch für die Gegenwart. Seit 2008 gibt es das Hirschfeld-Ufer, seit 2011 stehen dort ­Infotafeln. Ein Denkmal wäre der nächste Schritt. Dafür müssen wir aber noch Gelder akquirieren.
Süsskind Menschen werden lesen, was sich in Berlin abgespielt hat. Solche kleinen Wissensschübe können nie schaden.      

Interview: Stefan Hochgesand
Foto: Oliver Wolff

www.denkmal-fuer-berlin.de
www.prideweek-berlin.de

Lala Süsskind ist die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin und  Kuratoriumsvorsitzende des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg; Jörg Steinert ist Bürgerrechtler und Vorsitzender des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg

 

weitere Kurzinterviews:

Im Gespräch mit Karin Rothe über ihren Film „Betongold“, der sich mit der am eigenen Leib erlebten Gentrifizierung auseinander setzt

Marion Kiesow über 100 Jahre Clärchens Ballhaus

Übersichtsseite Kultur und Freizeit in Berlin

 

 

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

[fbcomments]