Kommentar

„Las Vegas“ von Philipp Wurm

In Friedrichshain wird zurzeit ein Symbol des neuen Berlins in Stein gehauen, das größer und dystopischer als alle anderen Gentrifizierungsprojekte ist

Ein eigener Stadtteil, der von den CEOs florierender Unternehmen geprägt worden ist, mit Mercedes-Benz-Platz, Zalando-Campus, Hilton-Hotel – und dazwischen errichteten Wohntürmen, in die Young Urban Professionals mit „Business Punk“-Abo einziehen. Das Quartier, optisch irgendwo zwischen Hamburger Hafencity und Shanghai changierend, wird im Schatten der East Side Gallery errichtet und ist wegen des historisch bedeutsamen Standorts auch ein deutschlandweites Politikum. In den Fokus rückt es nun mal wieder, weil ein zentrales Gebäude Richtfest feierte: das Einkaufszentrum „East-Side-Mall“, ein Ufo mit angrenzender Amüsierzone aus Music Hall, Multiplex-Kino und Bowling-Zentrum. Vom Projektentwickler wurde im Rahmen der Feier der „Las-Vegas-Charakter“ des Ensembles gepriesen. Ein schamloses Bekenntnis zum Trash, das daran erinnert, dass der Spirit des gesamten Viertels toxisch für das Gleichgewicht der Stadt ist. Der sterile Pomp ist aber auch eine Machtdemonstration: Er signalisiert den Aktivisten von mittlerweile obsoleten Bündnissen wie „East Side Gallery retten“ oder „Media-Spree versenken“, dass ihre Idee einer Stadt von unten der ökonomischen Potenz globaler Unternehmen unterlegen ist. Immerhin birgt die Niederlage für Gentrifizierungsgegner auch eine Chance. Das neue Viertel am ehemaligen Todesstreifen könnte zum Mahnmal für das Scheitern einer Stadtentwicklung werden, die von Investoren bestimmt wird – und Widerstandskräfte wecken. Ein Auflaufgebiet gibt es bereits: die Cuvry-Brache auf der anderen Seite des Spreeufers, wo Zalando einen weiteren Firmencampus plant.

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