Neubeginn im Busland

Leben im Wagendorf Pankgräfin

Seit einem halben Jahr wohnt Iwona Gilarska mit ihrer Kleinfamilie im Wagendorf Pankgräfin. Es ist ein zunehmend rarer alternativer Lebensentwurf

Foto: Dirk Engelhardt

Wenn sie draußen ihre Tochter barfuß herumtoben sieht, geht ihr das Herz auf. Wie die Sechsjährige mit den vielen anderen Kindern spielt, ihre jüngste Freundin ist gerade mal ein Jahr alt, die älteste zwölf. Draußen im „Busland“.

Busland. So nennt Iwona Gilarska, 45, studierte Tänzerin, das Wagendorf Pankgräfin im Pankower Ortsteil Karow. Wo sie vor einem halben Jahr neu startete, ihr Leben neu sortiert hat. Bis dahin lebte sie in Häusern aus Beton. Ihre neue Wohnung ist ein alter englischer Bus, ein British Leyland. Den hat ihr Mann, David Cassel, zu einem Wohnmobil umgebaut. Jetzt sitzt Cassel neben ihr ganz entspannt auf einer Bank vor dem Bus. „Durch ihn bin ich erst auf dieses Leben gekommen“, sagt Iwona Gilarska. Ihr Mann hat hinter dem Bus eine Open-Air-Werkstatt eingerichtet, von Beruf ist er Veranstaltungstechniker. Er ist derjenige in der Beziehung, der schon mal in Wagendörfern gewohnt hat. Sie nicht.

„Rollheimer“, „Wägler“, „Wagendörfler“: So nennt man Menschen, die in mobilen Heimen wohnen, aber nicht auf dem Campingplatz. In Berlin gibt es immer noch zehn Wagendörfer: große wie das an der Wuhlheide oder jenes an der Pankgrafenstraße, kleine wie das an der Lohmühleninsel oder an der Neuköllner Kiefholzstraße. Doch die Brachflächen schwinden zusehends. Und so wird auch die Zahl der Wagendörfer kleiner.

In den 90er-Jahren sahen manche Wagendörfer nicht gerade nach einer Werbekampagne für alternative Lebensweisen aus: Einige glichen eher einer wilden Müllkippe, in der abgewrackte Wohnmobile oder Hänger herumstanden. Neugierige Passanten wurden schon mal angepöbelt, gar mit Steinen beworfen. 1993 stürmten 900 Polizisten die Wagenburg am Engelbecken und lösten sie auf.

Natürlich ist ein Leben im Wagendorf ein alternativer Lebensentwurf. Oft steht eine politische Einstellung dahinter. Gegen das System. Für die Freiheit. Aber eben keineswegs immer. In der Pankgräfin zum Beispiel gibt es einen Bewohner, der Angestellter im öffentlichen Dienst ist und jeden Morgen mit dem Auto zur Arbeit fährt, aber auch junge Frauen, die bewusst keinem mit Geld entlohnten Job nachgehen.

Die gebürtige Polin Iwona Gilarska, die in Poznań Contemporary Dance studierte, arbeitet im Dorf unbezahlt, sie gibt Unterricht in Konktaktimprovisation. Kleine Dinge im Alltag, wie das Lächeln, wenn man einem vorbeigehenden Nachbarn „Hallo“ sagt, oder ein Plausch abends am Lagerfeuer – dies mache die Faszination ihres „neuen“ Lebens aus.

Insgesamt leben im Dorf rund 150 Menschen. Damit ist das Wagendorf auch an der Grenze der Kapazität. Gilarska und ihr Mann hätten großes Glück gehabt, einen dauerhaften Stellplatz zu bekommen, erzählt sie. Bezahlbarer Wohnraum wird in der ganzen Stadt immer knapper. Und ein Platz im Wagendorf ist eine sehr bezahlbare Alternative.

Im Gegensatz zu anderen Wagendorfbewohnern hat das Paar eine Dusche und eine eigene Toilette. Das Duschwasser wird mit Solarenergie aufgeheizt, die Toilette ist eine Trockentoilette. Im Winter sorgt ein Ofen, der mit Holzpellets gefüttert wird, für Wärme. Im „tiny house“ gibt es ein großes Bett für die Eltern, und ein kleines ausziehbares Bett für die Tochter. Mit einem Vorhang kann sie sich etwas Privatspäre schaffen.

Wie auf einem Campingplatz hat im Wagendorf jeder seine „Parzelle“, die manchmal mit kleinen Hecken abgetrennt ist. Es ist leise, am Vormittag wirkt der Platz fast verlassen.Am schwarzen Brett in der Platzmitte werden die Hinweise zur Organisation ausgehängt, man kann auf dem Platz für ein paar Euro pro Nacht auch als Gast übernachten.

Improvisation und Verzicht gehören für Wagendorfbewohner zum Lebensstil dazu. Dass das Thermometer in einem altersschwachen Bauwagen mit Kohleofen im Winter selten 22 Grad anzeigt, damit sollte man klarkommen.

Verglichen mit anderen Berliner Wagenburgen, ist die Infrastruktur hier aber geradezu beispielhaft. Es gibt eine beheizte, braune Rundhütte aus Lehm für Konferenzen, einen Platz für Events, wo Iwona Gilarska auch ihre Tanzkurse anbietet, einen Lagerfeuerplatz, eine Bibliothek, eine Kleiderkammer, einen Fußballplatz, einen Heilegarten, einen Naturkindergarten, eine Selbsthilfewerkstatt und einen Bandproberaum. Gilarskas Tochter geht zur Schule in Karow, nur 15 Minuten mit dem Fahrrad entfernt. Im Gegensatz zu ihrer Mutter, der man ihre polnische Herkunft noch deutlich anhört, spricht sie perfekt deutsch.
Bevor Gilarska mit ihrem Mann nach Berlin kam, lebte das Paar im kanadischen Vancouver. Dort hätten sie allein für ihre Mini-Wohnung mit 50 Quadratmetern mehr als 2.000 Dollar Miete gezahlt. „Wir sind Wirtschaftsflüchtlinge“, sagt Gilarska ironisch. In Berlin würden sie mit 80Prozent weniger Geld auskommen.

Die Lebensbasis ist gesichert: Von der „Tafel“ beziehen sie zweimal wöchentlich frische Lebensmittel, und da Gilarska Sozialversicherungsbeiträge zahlt, kann sie wie jeder andere zum Arzt gehen, wenn ihr mal etwas fehlt. Das kam bisher aber noch nicht vor, sagt sie lächelnd. Denn in der Pankgräfin würden auch Heiler und Masseurinnen leben, die ihre Leistungen auf Tauschbasis anbieten. Iwona Gilarska sagt: „Ich kommuniziere mit den Leuten hier durch meinen Tanz und durch den Fluss meiner positiven Energie“.
Manchmal besucht sie Freunde in der Stadt. Sie mag Berlin. Den „freien Geist“, der dort herrsche, immer noch. Aber wenn sie in der Stille des „Buslandes“ zurück ist, atmet sie durch. Denn das ist jetzt ihr Zuhause.

Kommentiere diesen Beitrag