Stadtleben und Kids in Berlin

Leonie Baumann?: „Kommerzielle Monokulturen sind nicht besonders attraktiv“

Wem gehört die Stadt? Leonie Baumann von der Initiative "Stadt Neu Denken" über Risiken und Nebenwirkungen der Gentrifizierung – und politische Möglichkeiten, gegenzusteuern

leonie_baumann_c_nihad_nino_pusijaLeonie Baumann ist eine der Mitgründerinnen der Initiative „Stadt Neu Denken“, die u.a. mit runden -Tischen zur Liegenschaftspolitik den Diskussionsprozess in Politik und Zivilgesellschaft vorangetrieben hat. Seit 2011 arbeitet die Kuratorin und -Publizistin als Rektorin der Kunsthochschule Weißensee, davor war sie u.a. Geschäftsführerin der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, NGBK.

Frau Baumann, welche Folge haben die Gentrifizierungsprozesse für die nicht kommerzielle, unabhängige Kunstszene der Stadt?
Diese Veränderungen haben vor allem für die unzähligen Projekträume und die noch nicht etablierten Künstlerinnen und Künstler Folgen, also für alle, die ohne große Einnahmen etwa Ausstellungen in einer Garage machen und sich ihre Projekträume selbst mit eigenem Geld finanzieren. Die müssen zunehmend raus aus diesen Räumen, weil sie sich mit ihrem Einkommen die Mieten nicht mehr leisten können. Diese Präsentationsmöglichkeiten werden rar.

Sind die Berliner Künstler nicht einfach sehr verwöhnt? Die Mieten steigen unter anderem, weil die Wirtschaft erfreulicherweise etwas anzieht. Wo ist das Problem?
Die Frage ist, wie diese Stadt langfristig funktionieren soll. Wenn diese Vielschichtigkeit verdrängt wird, zu der auch die kulturelle Nutzung des öffentlichen Raums gehört, entstehen in den Innenstädten kommerzielle Monokulturen, die nicht besonders attraktiv sind. Waren Sie mal in der Innenstadt von Washington? Die ist nach Büroschluss menschenleer. Dass die Nutzung des öffentlichen Raums nicht nur über Geld geregelt wird, hat auch mit Demokratie, mit Teilhabe an Gesellschaft zu tun. Durch Teilhabe an Kultur entstehen neue Ideen, auch neue Phantasien davon, wie sich eine Gesellschaft verändern und entwickeln kann. Nicht nur Künstler, alle Bürger einer Stadt brauchen solche Freiräume der Teilhabe, des Austauschs und des kulturellen Lebens. Das sind Orte wie die Prinzessinnengärten, das Theater Thikwa, die C/O-Galerie oder das ExRotaprint-Gelände, wo Kunstprojekte, Werkstätten und Sozialprojekte gemeinsam arbeiten. Und wenn der Gentrifizierung nicht politisch gegengesteuert wird, sind genau solche Orte und Freiräume gefährdet.

Wie können Zivilgesellschaft und Politik intervenieren?
Die Frage ist: Wie hält man die Entwicklung der Stadt offen? Man kann nicht Stadtareale am Reißbrett planen, mit dieser rein formalen Bürgerbeteiligung, wie man das seit 20 Jahren macht. Die Stadt darf nicht alle landeseigenen Liegenschaften an Investoren veräußern, wenn sie den kommenden Generationen Gestaltungsmöglichkeiten erhalten will. Berlin muss doch in 20 oder 40 Jahren Optionen haben, auf die neu entstehenden Anforderungen zu reagieren, um zum Beispiel Grundstücke für den Bau von Schulen oder Kitas oder Altersheimen zu nutzen. Das wird schwer, wenn alle Grundstücke nach den Bedürfnissen von Investoren zugebaut sind. Ein Instrument sind Erbpachtverträge statt Verkäufe. Das sollte die Hauptvergabeart in der Liegenschaftspolitik werden. Das ist, wenn Sie so wollen, dann auch eine Form der langfristigen Zwischennutzung.

Haben Sie den Eindruck, dass die Berliner Politik das verstanden hat?
Es gibt in Berlin sehr viele Bürger und Aktivisten, die an diesen Ideen der Teilhabe arbeiten und sich für die entsprechenden Projekte engagieren. Das sah man ja zuletzt bei den Diskussionen ums Tempelhofer Feld. Das bleibt auch der Politik nicht verborgen. Bei den Diskussionen, die wir mit „Stadt Neu Denken“ an den runden Tischen zur Liegenschaftspolitik initiiert haben, waren auch Senatsverwaltungen beteiligt. Da wurde schon klar, dass man etwas gegen diese systematische Verdrängung durch Investoren machen muss. Wenn das, was Berlin im Augenblick so anziehend macht, zerstört wird und die Künstler in die nächste Stadt weiterziehen, in der Produktionsräume noch erschwinglich sind, verliert Berlin an Attraktivität. Und zwar nicht nur an Attraktivität für Menschen, die hier leben, sondern auch an Attraktivität für Investoren, für die Kreativwirtschaft, für den Tourismus. Man muss diese Freiräume nicht nur aus Gründen der Teilhabe und der Lebensqualität verteidigen, sondern auch aus harten ökonomischen Gründen. Das ist ein Standortfaktor.

Weiterlesen: Die Gentrifizierung bedroht die Freie Kunstszene – ein Zwischenbericht

Was sind die Konsequenzen?
Es geht nicht mehr, wie das auf Wunsch des Finanzsenators lange der Fall war, dass Liegenschaften vor allem an den Meistbietenden verkauft werden, damit das Land Berlin aus dem Verkauf möglichst hohe Einnahmen erzielt. Jetzt geht es auch um die Frage, welche Nutzung eines Grundstücks langfristig, konzeptionell, auch kulturell gut für die Stadt und sinnvoll für ihre Bewohner ist. Da hat ein grundsätzliches Umdenken in der Politik angefangen, das sicher auch Ergebnis zivilgesellschaftlichen Engagements ist. Derzeit wird ja auch darüber diskutiert, was man vom „Hamburger Modell“ für Berlin übernehmen kann.

„Hamburger Modell“ bedeutet, dass die Stadt bei der Vergabe von Grundstücken konkrete Nutzungsvorgaben macht, bis hin zu Quadratmetermieten, unter Umständen verbunden mit finanziellen Anreizen. Sehen Sie Chancen, dass das für Berlin adaptiert werden kann?
Ich denke ja. Und ich finde, dass das sehr wünschenswert wäre. Das erhöht Gestaltungsmöglichkeiten und überlässt es nicht einfach dem ja auch von Spekulation getriebenen Markt, wie diese Stadt in ein paar Jahren aussieht.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Nihad Nino Pusija

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