Gruppenausstellung

„Lesbisches Sehen“ im Schwulen Museum

Female Queerness – Das Schwule Museum zeigt lesbische Perspektiven in der Kunst

Foto: Corinna Harl

Ob David Hockney oder Andy Warhol – Künstler, die schwul sind, kennt man. Aber lesbische Künstlerinnen, berühmte gar? Fehlanzeige. Das Schwule Museum möchte das ändern mit einer Ausstellung, die die Kuratorinnen Birgit Bosold und Carina Klugbauer als „weltweit größte Schau lesbischer Kunst“ beschreiben. Ein gewagter Superlativ, ist aber korrekt: 1980 fand in Los Angeles mit der Great American Lesbian Art Show die erste und bislang einzige Ausstellung statt, die Kunst ganz explizit unter dem Label „lesbisch“ präsentierte.

Und das tut jetzt eben auch die Berliner Ausstellung. Sie zeigt Arbeiten von 33 Künstlerinnen, alle entstanden in den letzten 100 Jahren. Mit dabei: Hannah Höch, die Grande Dame des Dadaismus. Höch lebte und arbeitete fast 10 Jahre lang mit der niederländischen Schriftstellerin Til Brugman zusammen. Kunstgeschichtlich wurde diese Beziehung nie gewürdigt, anders als die Höchs zu Männern, doch den Kuratorinnen geht es um mehr als blinde Flecken in der Überlieferung: „Wir definieren lesbisch als weibliche Queerness, als einen Lebensentwurf, der sich nicht an heterosexuelle Normen hält. Und wir haben uns gefragt: Wie prägt ein solcher Lebensentwurf die Sicht auf die Welt? Gibt es so etwas wie einen lesbischen Blick? Und lässt er sich ausmachen in Kunstwerken?“

„Gibt es einen lesbischen Blick?“

Die Ausstellung legt nahe, dass dem – natürlich – so ist. Ein schönes Beispiel: Die Daphne Skulpturen der Bildhauerin Renée Sintenis. Daphne war eine Nymphe, in die der Gott Apollo sich verliebte und die sich in einen Lorbeerbaum verwandelte, um seinem Werben zu entfliehen. Sintenis, die 1965 starb, kennt man heute vor allem deshalb noch, weil sie den Bären für die Berlinale entworfen hat.

Die Mehrheit der ausgestellten Künstlerinnen sind Zeitgenossinnen. Die älteste, die in Berlin lebende Malerin Sarah Schumann, ist 85. Die jüngste, Ceren Saner, wurde 1991 in Istanbul geboren und macht Foto- und Videokunst. Die Zusammenschau lässt generationelle Unterschiede erkennen, besonders dann, wenn es um den Umgang mit dem Thema „Weiblicher Akt“ geht. Während ältere Künstlerinnen jede Sexualisierung des weiblichen Körpers meiden, machen Jüngere wie die Malerin Kerstin Drechsel, Jahrgang 1966, auch lesbischen Sex zum Sujet.

Die Ausstellung lässt sich durchaus kritisieren, dafür zum Beispiel, dass unter den Künstlerinnen keine women of colour, keine nichtweißen Frauen, sind. Dennoch ist sie mehr als bemerkenswert, denn sie transzendiert die Marginalisierung lesbischer Positionen und bietet überdies inspirierende Role Models an. Am schönsten drückt das vielleicht eine Arbeit aus, die „My Ancestors“ (Meine Vorfahrinnen) heißt, von Martina Minette Dreier. Dreier hat Künstlerinnen, die sie inspirierten, porträtiert und diese Porträts dann zu einem Stammbaum montiert. Denn was Marginalisierte brauchen, sind Vorbilder, coole Vorbilder. Und die sind in dieser Ausstellung zu sehen.

Lesbisches Sehen Schwules Museum Berlin, Lützowstr. 73, Tiergarten, Mi–Mo 14–18 Uhr, bis 20.8., Eintritt 7,50 €/erm. 4 €

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