Drama

„Leto“ im Kino

Kleine Fluchten: Rockmusik als Kritik am sowjetischen Regime in den frühen 1980er-Jahren

Hype Film/ Kinovista

Leningrad in den frühen 1980er-Jahren. Für die Funktionäre entscheidet sich die Zukunft des ­Sozialismus daran, dass bei einem Rockkonzert alle brav auf ihren Stühlen sitzen bleiben. Kein Wunder, dass sich die Szene ins Privatleben zurückzieht. Mit Strandpartys und Wohnzimmerkonzerten versuchen die lokalen Fans von westlichen Bands wie T. Rex oder den Talking Heads, ihr bisschen Freiheit auszuleben.

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow konzentriert sich in seinem Film „Leto“ auf zwei Figuren: den Bandleader Mike Naumenko (seine ­Gruppe hieß Zoopark) und den Liedermacher ­Viktor Tsoi, der mit seinem Kumpel später unter dem Namen Kino auftrat. Beide werden bis heute verehrt, beide starben jung und relativ bald nach dem Ende des Kommunismus. Für Serebrennikow, der heute in Putins Russland unter Hausarrest steht (er wird unter fadenscheinigen Gründen verfolgt, zählt als homosexueller Theater- und Filmemacher zur Opposition, und hat aus seiner Sehnsucht nach einem anderen System nie einen Hehl gemacht), ist die Periode nach 1980 ein Schlüsselmoment, auch für die Gegenwart.

„Leto“ ist kein politisches Manifest, sondern ein wehmütiger Film, der in verwaschenem Schwarzweiß von den kleinen Fluchten erzählt, die man mit der richtigen Schallplatte finden konnte. Natalia, die junge Frau, die mit Mike zusammen ist und die sich in Viktor verliebt, hat mit ihren Erinnerungen die Vorlage für „Leto“ gegeben. Es sind auch Erinnerungen an eine bis heute relevante Subkultur. Und Kirill Serebrennikow, der in Berlin auch Theater­stücke inszeniert hat, zeigt sich als großer Filmemacher.

Leto RUS/F 2018, 128 Min., R: Kirill Serebrennikow, D: Roma Zver, Irina Starshenbaum, Teo Yoo, Start: 8.11.

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