Stadtleben und Kids in Berlin

„Lettre“-Chef Berberich über das Interview mit Thilo Sarrazin

Die Äußerungen von Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin über Kopftuch­mädchen und Unterschichten im Berliner Magazin „Lettre International“ beherrschen seit Tagen die Schlagzeilen. Frank Berberich, Verleger und Chefredakteur des kosmopolitischen Magazins, erklärt, wie das Gespräch mit Sarrazin zustande kam und wie die Bild-Zeitung das gesamte Interview gestohlen hat

Frank_Berberichtip Mit dem Thilo-Sarrazin-Interview in Ihrer aktuellen Ausgabe „Berlin auf der Couch“ haben Sie einen Volltreffer gelandet. Merken Sie den Medienrummel am Verkauf?
Frank Berberich Ja. „Lettre“ ist eine relativ kleine, unabhängige Zeitschrift. Wenn wir mit Texten und Projekten Medienresonanz finden, hilft uns das natürlich. Das Interview umfasst insgesamt fünf „Lettre“-Seiten, etwa 12.000 Worte. Die ungeheure Sensationalisierung des Gesprächs mit aus dem Zusam­men­hang gerissenen „heißen Stellen“ hat die Massenpresse ohne unser Zutun betrieben; natürlich sind wir nicht unglücklich, wenn Leser „Lettre“ kaufen, um den Text im Original nachzulesen.

tip Ist das Heft nach wie vor der einzige Ort, wo man das Interview in voller Länge lesen kann?
Berberich Der gesamte Text des Interviews wurde von der „Bild“-Zeitung einfach gestohlen, in Auszügen gedruckt und in voller Länge auf ihre Homepage gestellt. Ohne Genehmigung. Wir haben eine diesbezügliche Anfrage der „Bild“-Zeitung zweimal negativ beschieden, da wir als Printmedium das Einzige, das wir herstellen – nämlich gute Texte, wertvolle Informationen – verkaufen müssen. Die Selbstkannibalisierung jener Printmedien, die sich durch ihre eigene Website mit kostenlosem Content selbst Konkurrenz machen, haben wir nie betrieben. Deshalb haben wir auch diesen Text nicht auf unserer eigenen Website zugänglich gemacht. Eine Boulevardzeitung wie „Bild“ aber, die vorgibt, wie keine andere für die gegebene Rechtsordnung einzutreten, stürzt sich wie ein gieriger Wolf auf ein Stück Fleisch in Nachbars Garten, um so „traffic“ auf die eigenen mit bezahlter Werbung gespickten Seiten zu leiten und die Zugriffszahlen zu erhöhen.

tip Wie sind Sie gegen „Bild“ vorgegangen?
Berberich Wir mussten eine einstweilige Verfügung erwirken und haben „Bild“ gezwungen, den Text von ihrer Website zu nehmen. Wir werden nun Schadensersatz fordern. Denn die „Bild“-Zeitung hat sowohl das Wettbewerbsrecht als auch das Urheberrecht verletzt, zum Teil die Quelle unterschlagen, und hin­tergeht dadurch ihre Leser. Man schmälert die Verkaufserlöse von „Lettre“, aber auch die der Buchhändler und Vertriebsfirmen, die fast 50 Prozent des Endverkaufspreises erhalten. Und „Bild“ verfälscht den Kontext, indem sie verschweigt, dass das Interview einer von mehr als 40 Texten ist, in einem der Stadt Berlin gewidmeten Heft.

tip Sie haben Thilo Sarrazin das Interview vor Drucklegung zum Gegenlesen gegeben. Hat er viel verändert?
Berberich Er hat im Wesentlichen gekürzt. Das Gespräch hat zweieinhalb Stunden gedauert, da gibt es konzentrierte und weniger konzentrierte Phasen, zwischendurch fragt man auch mal etwas eher Privates …

tip Was haben Sie ihn gefragt?
Berberich Was sein Lieblingsbuch zu Berlin ist: „Herr Lehmann“ von Sven Regener – das ist eine Exklusivmeldung für Sie. Wir hatten das Transkript sprachlich bearbeitet und es ihm zugeschickt. Wir haben ihn dabei darauf hingewiesen, dass manche Formulierung überpointiert und sehr verallgemeinernd erschien. Wir bekamen das Gespräch fristgerecht zurück, und einige Tage später kamen noch einmal kleine Modifikationen …

tip Von Sarrazin formuliert?
Berberich Von ihm oder Mitarbeitern der Bundesbank, das weiß ich nicht. Kurz: Es war ein ruhiges, zuverlässiges Arbeiten, wie man es von der Bundesbank gewohnt ist – und von „Lettre“ (lacht).

Lettretip Haben Sie Kontakt zur Bun­desbank?
Berberich Punktuell. Die Bundesbank hat mittlerweile wohl Zehntausende von Briefen und Mails bekommen – eine Mehrheit scheint Sarrazin zu unterstützen. Ein Mitarbeiter der Bundesbank beschrieb die Stimmungslage so: bleich, aber gefasst.

tip Was glauben Sie, wie es wei­tergeht?
Berberich Langsam beginnen die Medien, empirisch fundierte Argumente vorzutragen, damit könnte die Debatte an Sachlichkeit gewinnen. Wir haben selbst eine kleine Recherche zur Integration im Heft. Unsere Fragestellung war: Was hat der Berliner Senat selbst für die Integration getan? Ein Ergebnis: Niemand in der Verwaltung kennt die Zahlen in Bezug auf die Frage, wie viele Menschen mit Migrations­hintergrund heute im Öffentlichen Dienst arbeiten, als Richter, Kriminalisten, Staatsanwälte, Finanz­beamte. Wir haben beim Innensenat, bei der Justiz, bei der Polizei, beim DGB, bei Verdi, beim Finanzexperten der Grünen, bei der ehemaligen Ausländerbeauftragten Barbara John, beim jetzigen Integrationsbeauftragten Günter Piening diese Informationen zu erfragen versucht, aber keiner hat die Zahlen dazu. Erstaunlich in einer Stadt, die sich gelungener Integrationspolitik rühmt. Offenbar hat man sich nie gefragt, was sich von 40 bis 50 Jahren Einwanderungsgeschehen personell in der öffentlichen Verwaltung niederschlägt. Diese Nachforschungen zeugen von der multiperspektivischen Konzeption des Berlin-Heftes.

tip Hat die öffentliche Diskussion inhaltliche Auswirkungen auf künftige „Lettre“-Ausgaben?
Berberich Wir haben seit 1988 so viele internationale Autoren publiziert und in den deutschen Sprachkreis eingeführt wie wohl keine andere deutsche Zeitschrift. 70 bis 80 Prozent aller Texte kommen aus anderen Sprachen; Lettre hat also einen „Ausländeranteil“ wie keine andere Publikation. Das entspricht unserem kosmopolitischen Konzept. Daran werden wir nichts ändern. Und wir werden weiterhin Texte drucken, die unbequem und kontrovers sind, auch wenn sie unserem Wunschdenken widersprechen.

Interview: Britta Geithe
Foto: Harry Schnitger/tip

 

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