Kultur & Freizeit in Berlin

Lichtenberg: ?Der neue ?Aufschwung Ost

Vom einstigen Stasi- und Neonazibezirk zum Berliner Boombezirk: Wie konnte das bloß passieren? Eine Spurensuche in Lichtenberg, wo sich die Geschichte des wieder vereinten Berlins ganz entschieden verdichtet.

Lichtenberg: ?Der neue ?Aufschwung Ost

Als die Modedesign-Studentin Annika Putscher Mitte der Nullerjahre in Lichtenberg eine WG aufmachen wollte, waren ihre beiden potenziellen Mitbewohner davon nur sehr schwer zu überzeugen. „Die wollten partout nicht nach Lichtenberg“, erinnert sie sich.
 Dabei muss die Wohnung der Hammer gewesen sein. Altbau, 130 Quadratmeter. Nur leider direkt am Bahnhof Lichtenberg – im Weitlingkiez, den die Neonazis seit den 90er-Jahren ihre „Homezone“ nannten. „Es gab in der Gegend einen Späti und einen Döner-Laden“, sagt Annika Putscher.  Sonst nichts. Eine ziemliche Drecksecke.
Jetzt, zehn Jahre und einen Studienabschluss später, schwärmt die gebürtige Lichtenbergerin, die in Karlshorst aufwuchs, kulinarisch beinahe  vom Weitlingkiez. „Da sind Asiaten und coole Burger-Läden – wie das Krauts, wo ich sogar vegane Burger kriege.“ Sie arbeitet bei dem Modelabel Sergeant Pepper. Die Spezialistenfirma für Mitarbeiterbekleidung – Corporate Fashion Design – ist Ende letzten Jahres von Prenzlauer Berg nach Lichtenberg gewechselt.
Zu gern würde die Designerin, die jetzt eher günstig in Mitte wohnt, wieder in „ihren Heimatbezirk ziehen: „Ich kann’s mir bloß nicht leisten.“ Steigende Bevölkerung, Bauboom, höhere Mieten, sinkende Arbeitslosigkeit: Der Bezirk ist eine der unwahrscheinlicheren Berliner Erfolgsgeschichten. Mit Lichtenberg verband man über Jahre ganz andere Schlagworte:

Stasibezirk,
Nazibezirk,
Plattenbaubezirk,
Rentnerbezirk.

Irgendwann wurde daraus plötzlich der Trend-, der Boom-, sogar der Hipsterbezirk. Wie um alles in der Welt konnte das bloß passieren? Dabei ist der lang gestreckte Ostbezirk  schon jetzt schwer auf einen Nenner zu bringen.  Sondern viel eher die Summe größtmöglicher Unterschiede. Plattenbauten in Hohenschönhausen oder am Fennfuhl, grüne Idyllen im Landschaftspark Herzberge, diktatorische Architektur im alten Stasi-Komplex an der Normannenstraße, Eigenheimboom in Karlshorst, komplett neue Stadtviertel an der Rummelsburger Bucht, Klein-Vietnam im wuseligen Dong-Xuan-Center, Künstler und Kreative in maroden Industriebauten an der Herzbergstraße.
„Unser Kiez heißt: ,Prenzlauer Berg von Lichtenberg‘“, sagt Franziska Böhmer vom Kunstraum After the Butcher im Rummelsburger Kaskelkiez: „Wie peinlich!“
„Eine Zeit lang haben wir die Ecke den ,bezahlbaren Friedrichshain‘ genannt“, sagt Stefanie Eckert vom Werkpalast, einer zu einer Wohngenossenschaft umgebauten ehemaligen Plattenbaukita nahe der Storkower Straße. „Karlshorst ist das Dahlem des Ostens“, sagt Robert Rückel, Direktor das DDR-Musems in Mitte, der selbst von der Luisenstadt nach Karlshorst gezogen ist. Wenn man so will, ist Lichtenberg das kleine Berlin.

Künstler im Gewerbegebiet
Unter dem Fenster in der oberen Etage bröckelt der Putz. Der zweistöckige Zweckbau, in dem die Modedesigerin Annika Putscher mit ihren Kollegen an einer neuen Sergeant-Pepper-Kollektion arbeitet, während sie mit einer einigermaßen hartnäckigen Erkältung ringt, ist ein Ersatzteillager auf dem Gelände der früheren Fahrbereitschaft des DDR-Ministerrates. Anfang 2013 kaufte der Unternehmensberater und Minimal-Art-Kunstsammler Axel Haubrok das 18.000-Quadratmeter-Areal. Hier hat er seine Sammlung untergebracht, aber er vermietet auch, zum Beispiel an eine Autowerkstatt, an viele Künster  oder an das Start-up Soulbottles, das mit Designer-Glasflaschen die „Wegwerfbeziehungen“ beenden will.
Das Gewerbegebiet Herzbergstraße/Siegfriedstraße ist einer der raren innerstädtischen Industriestandorte, wo Immobilieninvestoren allzu gern Wohnungen hinknallen würden, wenn der Bezirk sie denn ließe. Was der aber nicht tut,  weil dann Lärmkonflikte mit Dreischicht-Unternehmen drohen würden, was hier niemand braucht. Künstler stört Lärm dagegen nicht. In der Herzbergstraße sind noch jene abgerockten Fabrikhallen zu finden, die anderswo längst wegsaniert sind. Wie das mehr als 100 Jahre alte Berolina-Margarinewerk, wo Bildhauer, Designer, Maler oder auch Musiker in der Kunstfabrik HB55 arbeiten. Oder eben die Fahrbereitschaft.
Beim Art-Week-Special „Music“ der Sammlung Haubrok am vorvergangenen Donnerstag, bei dem bis Ende November fast das gesamte Gelände bespielt wird, sah man Axel Haubrok mit weißem Haar und strahlenden Augen zwischen dem Kasino, dem ehemaligen Reifenlager und  dem neu renovierten Pförtnerhaus hin- und herlaufen. In der ersten Etage der Einsatzleitung hat der italienische Musiker Marino Formenti eine Klanginstallation mit sieben Lautsprecherboxen aufgebaut. „Sie müssen allein reingehen, dann wirkt es am besten!“, sagt Haubrok mit Verve. Durch leere weiße Räume flirren sieben Stimmen. Frauen, Männer, die auf dem Gelände arbeiten. Formenti kannte niemanden davon. Eine dieser Stimmen ist die von Annika Putscher.

Lichtenberg: ?Der neue ?Aufschwung Ost

Pioniere im Weitlingkiez

Kai Gärtner kennt Lichtenberg seit seiner Kindheit. Aufgewachsen ist er in den Plattenbau-Schluchten von Fennpfuhl, einem Ortsteil von Lichtenberg. Der 29 Jahre alte Informatik-Student kann viel von den Rechtsextremismus-Problemen in den 90er-Jahren erzählen. „Wenn damals ein Mensch mit dunkler Hautfarbe auf die Straße gegangen ist, hat er automatisch riskiert, zusammengeschlagen zu werden“, sagt er. „Über die U5 sind die Nazis regelmäßig bis nach Friedrichshain gekommen.“
Wie viele seiner Freunde setzt Gärtner sich bis heute in Initiativen für Demokratie und gegen Rechtsextremismus ein. „Die meisten Nazis sind weg, die sind heute in Hohenschönhausen unterwegs“, sagt er. „Und die, die noch in Lichtenberg wohnen, sind ja auch älter geworden – und damit vielleicht vernünftiger.“
Und auch im einst unwirtlichen Weitlingkiez findet man nun nicht nur vegane Burger, sondern auch junge Familien. Gut für Swantje Negendank. Im Frühjahr hat sie in der Weitlingstraße in einem ehemaligen Nagelstudio ein Geschäft für Eltern-Kind-Bedarf eröffnet, das Kind und Kegel heißt, es ist das erste in dieser Gegend. Nebenan betreiben ihre Eltern seit Ewigkeiten ein Fachgeschäft für Musikinstrumente. In Kooperation mit ihnen bietet Swantje Negendank Musikkurse für Kinder an, außerdem Mama-Yoga oder Bewegungsworkshops. „Wir sind Pioniere hier“, sagt sie. „Aber es wurde auch Zeit. Immer mehr Familien ziehen in diese Gegend, die haben alle nur auf so ein Geschäft gewartet.“
Für Lichtenbergs Boom gibt es viele Zahlen. 2007 lebten im gesamten Bezirk Lichtenberg knapp 251.000 Menschen. Ende Juni 2015 waren es gut 270.000. Tendenz: stark steigend. Wie überall in Berlin. Aber hier besonders.
„Alle Prognosen werden immer noch übertroffen“, sagt die Bezirksbürgermeisterin Birgit Monteiro. Seit Januar regiert die 1969 in Strausberg geborene SPD-Frau. Die Sozialdemokraten bilden in Lichtenberg mit der CDU und den Grünen eine Zählgemeinschaft. Für die stärkste Fraktion im Bezirksparlament, die Linke, hat gerade Evrim Sommer, die ein Abgeordnetenhaus-Mandat hat, Ambitionen auf den Chefposten nach der Wahl 2016 verkündet.
Birgit Monteiros Vorgänger ist der jetzige Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel, der gern den Eindruck erweckt, als sei er schon mit hochgekrempelten Ärmeln auf die Welt gekommen. „Andreas Geisel hat in der Bezirkspolitik das Mantra des kinder- und familienfreundlichen Bezirks 20 Jahre lang vor sich hergetragen“, sagt Monteiro.
Seit Juni darf man sich den Titel „familienfreundliche Kommune“ als erster Berliner Bezirk auf die Amtsbriefköpfe schreiben, zertifiziert vom gleichnamigen Bochumer Verein. So wie Geisel ein Bezirksbündnis für Wohnen gestartet hat (an dem die Linke allerdings teure Neuvermietungen der kommunalen Howoge moniert), so will Birgit Monteiro im Herbst ein Bündnis für Wirtschaft und Arbeit starten: „Mein erstes eigenes Projekt, von Anfang bis Ende.“
Bei den in Bau oder konkreter Planung befindlichen Neubauprojekten liegt Lichtenberg laut Wohnmarktreport 2015 der Immobilienagentur CBRE und der Berlin Hyp mit 3.300 Wohnungen hinter Mitte (4.730) auf dem zweiten Platz.  Auch  Baugruppen fanden hier noch viele Baulücken. Lichtenberg ist dem Report nach aber auch der Berliner Bezirk mit dem höchsten Mietenanstieg – noch vor Mitte und Neukölln. Weil im S-Bahn-Ring der Wohnungsmarkt für viele komplett unerschwinglich geworden ist, bietet Lichtenberg für immer mehr Menschen das, was es früher nie hatte: eine zentrale Lage. Zum Beispiel im Kaskelkiez in Rummelsburg.
Lichtenberg: ?Der neue ?Aufschwung Ost
Der Aufwertungskiez
„Wo kommen die denn her?“ Den ersten Hipstern hat Franziska Böhmer noch erstaunt hinterhergeblickt. Mittlerweile ist sie an diesen Anblick gewöhnt.  Die Victoriastadt, nach seiner Hauptstraße Kaskelkiez genannt, ist ein pittoreskes, komplett von Bahngleisen eingefasstes Gründerzeitviertel an der Grenze zu Friedrichshain.
In einer einstigen Fleischerei in der Spittastraße betreibt die Kunstpädagogin gemeinsam mit ihrem Mann, dem bestens vernetzten Künstler Thomas Kilpper, den Kunstraum After the Butcher – einen „Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst und soziale Fragen“. Kilpper ist allerdings gerade in Bergen. Eine Gastprofessur.
Vor zehn Jahren haben die beiden den maroden Bau aus den 1870er-Jahren gekauft. Übrigens eines der ersten Schlackebetonhäuser Europas. Nachts um 23 Uhr waren im Kiez die Straßen stockfinster. „Oh Gott“, hat Franziska Böhmer damals gedacht, „der Osten ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Es gab noch besetzte Häuser in der Pfarrstraße, in der Kneipe Silberfisch wurde für den FC St. Pauli soligesoffen, die Antifa sah oft nach den Rechten.  
Zur ersten Ausstellung im Mai 2006 lud das Paar 150 Künstler ein, bei der Vernissage erfreute die Band Victim des Londoner Künstlers Merlin Carpenter die nähere Umgebung mit sehr amtlichem Death Metal. Und 500 Gäste feierten, obwohl es wie aus Kannen goss.
„Vor zehn Jahren bin ich nicht in den Weitlingkiez gegangen“, sagt Franziska Böhmer in ihrer Küche.
„Mache ich jetzt immer noch nicht“, knurrt Elfe Brandenburger auf der anderen Seite des Tisches, eine Filmemacherin und Mitbetreiberin der Kiezbuchhandlung Paul & Paula, die zur nächsten Austellungseröffnung am 26. September das Melodram „Der Raub des Gaymed“ beisteuert.
Franziska Böhmer hat mitverfolgt, wie nach und nach alle Brachen im Kiez bebaut, alle Häuser saniert wurden, am Eisladen die Schlangen immer länger wurden. Wie die Mieten stiegen und man hier mittlerweile nicht mehr, wie sie, ein Kind hat, sondern zwei. Oder drei.
Mütter wie die 30-jährige Sprachlehrerin Maike Jacobsen, die noch in Friedrichshain wohnte, als das zweite Kind kam, von der neuen Familienidylle im Kaskelkiez hörte und jetzt sagt:“Friedrichshain war mir zu belebt, um dort ein Kind großzuziehen.“
Auch Stefan Albrecht sah über die Jahre, wie Nazis, aber auch Arbeitslose und alte Menschen gingen und dafür junge Familien kamen. Dazu Künstler, die etwa das ehemalige Reichsbahn-Betriebswerk Lichtenberg Ost in die BLO-Ateliers verwandelten. Albrecht, Vater zweier Söhne, ist der Inhaber vom Jelänger Jelieber, einer der ältesten Bars im Kiez. Auch gehören ihm das Restaurant Frau Buschvitz und ein Kaffee-Verkauf am Spielplatz. Für ein Hausprojekt war Albrecht schon um die Jahrtausendwende auf der Suche nach einer preisgünstigen Immobilie in den Kiez gekommen. Am Nöldnerplatz wurde er fündig.
„Das war damals Sanierungsgebiet, der Bezirk war daran interessiert, die Gegend aufzuwerten“, sagt er. Jetzt zeigt er im Jelänger Jelieber jeden Sonntagabend den „Tatort“ und serviert dazu geschmorte Lammschulter mit jungen Möhren an einer Maisgriesroulade mit Zwiebelconfit.
Doch Stefan Albrecht sagt auch, dass zwei Herzen in seiner Brust schlagen würden: „Als Anwohner möchte ich am liebsten alles einfrieren, wie es ist. Als Unternehmer finde ich aber, dass den Bars im Kiez zahlungskräftigere Kundschaft schon ganz guttut.“
Knappe Kitaplätze
Bis 2010, 2011 hat man auch im Bezirksamt geglaubt, der Bezirk sei überaltert. „Es sind in den letzten Jahren Dinge passiert, die wir zuerst gar nicht mitgekriegt haben“, sagt der für Stadtentwicklung zuständige Stadtrat Wilfried Nünthel (CDU). Bis eine Voruntersuchung zum Fördergebiet Frankfurter Allee Nord, in dem auch das ehemalige Areal der Staatssicherheit an der Normannenstraße liegt, eine erstaunlich junge Bevölkerung konstatierte. Nur hätten die Neu-Lichtenberger ihre Kita- und Schulplätze nebenan in Friedrichshain behalten, sagt Nünthel: „Und dann fallen sie bei uns erst mal nicht auf.“
Vor einigen Jahren noch war der Bezirk über jede leere Schule oder Kita froh, die er loswerden konnte. Heute fehlen im ganzen Bezirk, so hört man, um die 500 Kitaplätze. Durch die Flüchtlinge wird sich diese Situation noch verschärfen, das ist sicher. Im Sportforum Hohenschönhausen sollen deshalb nun Sporthallen umgerüstet werden. Auch ein Haus der 7,3 Hektar großen ehemaligen Stasi-Zentrale zwischen Normannen-, Magdalenen- und Ruschestraße mit ihren bis zu 13 Geschossen hohen Bürotrakten, von deren 175.000 Quadratmetern Nutzfläche rund die Hälfte leer steht, ist als Flüchtlingsunterkunft im Gespräch. Das Areal hatte der Bezirk vor Jahren übrigens auch mal als Standort für die Zentral- und Landesbibliothek ins Gespräch gebracht. Bekanntlich erfolglos.
Auf dem unwirtlichen Gelände  möchte der Stasi-Unterlagen-Beauftragte Roland Jahn einen „Lernort für Demokratie“ einrichten, die Robert-Havemann-Stiftung auf dem Parkplatz eine Dauerausstellung zur friedlichen Revolution 1989/90. Auch sind 600 Wohnungen geplant. In einem der Verwaltungsgebäude in der Magdalenenstraße werkelt bereits das linke generationsübergreifende Wohnprojekt Wilma 19 an einem der Innenhöfe.
Eine zum Wohnhaus umgebaute Kita wie den Werkpalast mit 20 Wohnungen zwischen 35 und 190 Quadratmetern wird es jedenfalls so schnell nicht wieder geben.
Als die Initiatoren des genossenschaftlichen Wohnprojektes mit 20 Wohnungen, deren Mitglieder nahezu ausschließlich aus Prenzlauer Berg und Friedrichshain kommen, vor zehn Jahren auf den leer stehenden Dreigeschosser nahe der Storkower Straße stießen, sollte er abgerissen werden. „Heute wäre das längst wieder eine Kita“, sagt Stefanie Eckert, eine der Initiatoren.
Künstler im Stasi-Kiez
Das Chefbüro im siebten Stock des Bürobaus in Hohenschönhausen sieht so aus, als sei der diensthabende Stasi-Mann nur mal kurz rausgegangen. Furnierte Holzschrankwürde mit vielen Türen. Hinter einer davon verbirgt sich eine dezente Waschecke. Der Blick aus dem Fenster ist voll Lichtenberg: Einfamilienhäuser, Plattenbauviertel und direkt vor dem Fenster das ehemalige Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit, die heutige Gedenkstätte Hohenschönhausen. Im Vorzimmer ist in der Steckdose neben der Tür immer noch eine Wanze drin. Wie früher.
„Wir haben versucht, viel von der alten Geschichte zu belassen“, sagt Ariel Levin, Geschäftsführer des Studios ID.  Vor fünf Jahren hat die Immonen-Group, die auch das Hochhausprojekt „The Square3″ am Sportforum entwickelt, die drei Gebäude im ehemaligen Stasi-Sperrbereich gekauft. Mit der Idee, Ateliers und Arbeitsräume an Künstler zu vermieten. Coole Räume. Alles außer Musiker, sagt Levin, ein großer, junger,  gebürtiger Israeli, der lässig in weißen Sneakers durch die Gebäude läuft.
2011 hatte man zunächst mit der Vermietung im hinteren Haus begonnen, wo einst die Stasi Industriespionage betrieb und Westtechnik nachzubauen versuchte: „Wir waren hier die Vorreiter.“  250 bis 300 deutsche wie internationale Künstler arbeiten mittlerweile hier. Bildhauer, Architekten, Maler. Werbung braucht er längst nicht mehr: „Das läuft alles über Mund-zu-Mund-Propaganda.“ Derzeit wird das dritte Gebäude hergerichtet: „Abteilung N“, die alte Abhörzentrale. „Als wir das Haus übernahmen, standen hier viele Tische mit vielen Kabeln, die von der Decke kamen“, amüsiert sich Levin. „Der Wahnsinn.“
Seit 2013 habe er gemerkt, dass die Gegend einen Schub bekäme, sagt Levin. Auf der Straße mischen sich ältere Leute mit jungen Familien. Vom Büro aus zeigt Levin auf einen Lidl-Supermarkt: „Das soll ein Gourmet-Markt werden.“ Dann auf ein Sporthotel: „Und das ein Luxushotel.“ Er grinst. „Habe ich jedenfalls gehört.“
Lichtenberg: ?Der neue ?Aufschwung Ost Boom im Grünen
Neben Alt-Lichtenberg sind es vor allem zwei Stadtteile, in denen der Bauboom sich austobt: Karlshorst und die Rummelsburger Bucht. Dort, wo sich die Baukräne drehen, dass es für Makler eine Freude ist. Vor ein paar Jahren lebten dort keine 20.000 Leute. Es könnte nicht mehr lange dauern, bis es 30.000 sind. Wenn der Boom anhält.
Der Direktor des DDR-Museums am Berliner Dom hat früher selbst mal im Zentrum gewohnt, in der Luisenstadt. Diesen Sommer kaufte Robert Rückel nun aber ein Einfamilienhaus in Karlshorst. Dort lebt er mit Frau und dreijährigen Zwillingen mitten im Grünen. „Bars und Clubs habe ich eingetauscht gegen einen eigenen Garten“, sagt Rückel. „Ich kann in die Wuhlheide laufen, egal ob mit den Kids ins FEZ oder mit Freunden in die Kindl-Bühne, der Müggelsee ist nah, der Plänterwald auch.“ Wie ein Pionier fühlt er sich aber nicht: „Seit 20 Jahren ziehen hier junge Familien her“, sagt er. Und den Feinkostladen am S-Bahnhof gibt?’s auch schon ewig.“
Wer dagegen an einem sonnigen Sonntagnachmittag an der Rummelsburger Bucht entlangflaniert, glaubt kaum, dass er sich noch in Berlin befindet. Die breite Uferpromenade wurde im Rahmen der Expo 2000 fertiggestellt. Die Townhouses dahinter, deren U-förmige Aufreihung sich mit der Öffnung dem Wasser zuwendet, könnten glatt als Fünf-Sterne-Hotel durchgehen. Sie werden Gerüchten zufolge tatsächlich teilweise für über eine Million Euro gehandelt.
Auch Gunnar Fohry wohnt hier an der Bucht, allerdings weiter vorne in Richtung Ostkreuz. Der 30 Jahre alte Unternehmer, der für größere Online-Versandhäuser arbeitet, hat herausgefunden, dass es in dem kompletten Stadtteil, der in den letzten Jahren entstanden ist, tatsächlich noch günstige Mietwohnungen gibt. „Das ist wunderschön hier“, schwärmt er.  Und trotzdem ist er in zehn Minuten mit dem Fahrrad in Friedrichshain. „Wenn ich Party haben will, gehe ich dorthin, da sind ja meine Stammcafйs und Bars“, sagt er.
Dabei könnte er auch im Kiez bleiben. Party bietet auch der Electro-Club Sisyphos an der Hauptstraße. Oder schräg gegenüber, da heißt die Straße dann schon Köpenicker Chausee, wo man im Cafй und Restaurant Hafenküche gedankenvoll über die Spree blicken, Boote ausleihen oder seit Mai sogar bei den „Floating Offices“ einen Tagungsraum auf einem Designer-Seminarboot buchen kann. In den 20er-Jahren sprangen an dieser Stelle bis zu 17.000 Leute täglich in Berlins größter Flussbadeanstalt ins Wasser. Als „Spreestudios“ will der promovierte Physiker und Betriebswirt Christian Rosche mit drei Baugruppen Künstlerstudios, Ateliers und Werkstätten –“Freiräume für Freidenker“ – bauen, die ersten 3.000 Quadratmeter sollen im Frühjahr 2016 fertig sein. Eine kleine Marina mit historischen Booten ist auch angedacht.
Für Publikum werde man sich sukzessive öffnen, sagt Rosche. „Die Behörden waren von unserem Vorhaben erst mal irritiert: Wir bebauen nämlich nur 50 Prozent der Fläche, die wir eigentlich bebauen dürften.“ Das ist mittlerweile in Lichtenberg ein eher ungewöhnlicher Gedanke. Aber genau das wäre doch das Besondere am Gelände einer ehemaligen Flussbadeanstalt, findet Rosche: dieser Freiraum.

Am Ende kommen die Biomärkte
An einem Mittwochabend sitzt Oliver Baustian in einer Kiezkneipe im Nibelungenkiez nördlich des Bahnhofs Lichtenberg und sinniert über sein Viertel: „Die Leute haben hier tendenziell noch mehr Hunde als Kinder“, sagt er. Vor acht Jahren hatte er im Kiez seine Traumwohnung gekauft: Altbau, 120 Quadratmeter, relativ günstig.
Die Kneipe, in der Baustian sitzt, das Morgen wird besser an der Ecke von Hagen- und Fanninger Straße, gibt es seit eineinhalb Jahren. An den Wänden hängen große Porträts des Fotografen Steven P. Carnarius. Eine junge, coole Kiezkneipe. Mehr Szene als Stampe.
Denn auch der Nibelungenkiez, lange Jahre keine sonderlich begehrte Wohnadresse, ist in letzter Zeit ein Viertel geworden, in das junge Leute ziehen. Und Familien. Und Oliver Baustian orakelt: „Es dauert bestimmt nicht mehr lange, dann macht hier der erste Biomarkt auf.“

Text: Erik Heier und Michael Metzger
   
Fotos: Harry Schnitger

Essen und Trinken
Hafenküche?Restaurant, Cafй, Kantine, ?Zur alten Flussbadeanstalt 5
Jackie O ?Restaurant, Bar, Club, Köpenicker Chaussee 1-4
Jelänger Jelieber?Cafй, Restaurant, Kaskelstr. 49
Nadia + Kosta?Cafй, Türrschmidtstr. 31
Skykitchen?Sternerestaurant und Bar, Landsberger Allee 106
Wernesgrüner B ?Open-Air-Restaurant, Cafй, Kneipe, ?Treskowallee 68

Natur und Park
Landschaftspark Herzberge, Stadtpark Lichtenberg

Museum
Deutsch-Russisches Museum?Zwieseler Str. 4
Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstraße
Stasi-Museum, Ruschestr. 103
Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen ?ehemaliges Stasi-Gefängnis, Genslerstr. 66
Mies-van-der-Rohe-Haus ?Architekturdenkmal und Ausstellungsort, ?Oberseestr. 60

Freizeit
Tierpark Berlin?Am Tierpark 125
Hauptstadtfloß?Gustav-Holzmann-Str. 10
Crash Room ?Wutraum Berlin, Wiesenweg 1-4

Nachtleben
Sisyphos?Club mit Open-Air-Bereich, Hauptstr. 15
Rummels Bucht?Club mit Open-Air-Bereich, Biergarten, Hauptstr. 1
Kosmonaut?Club mit Open-Air-Bereich, Wiesenweg 1-4

Theater
Theater an der Parkaue?Parkaue 29

Kunst
After the Butcher ?Spittastr. 25
BLO Ateliers?Kaskelstr. 55
HB55 Kunstfabrik?Räume der Kunst, Herzbergstr. 55
Sammlung Haubrok & Fahrbereitschaft?Herzbergstr. 40-43

Konsum
Buchhandlung Paul & Paula?Pfarrstr. 121
Dong Xuan Center?Berlins größter Asia-Markt, Herzbergstr. 128-139
Berliner Töchter?Treskowallee 64

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