Kino & Film in Berlin

„Liebe“ von Michael Haneke im Kino

Keine Sentimentalitäten: Mit "Liebe" inszeniert Michael Haneke ein Kammerspiel, das an die Grenzen der Existenz und der Kultur führt.

Liebe

Eine Wohnungstür muss gewaltsam von der Polizei geöffnet werden. Die Szene zeigt den Ausgang des Dramas an, ein unausweichliches Ende: Anne (Emmanuelle Riva) liegt tot in einem blumengeschmückten Bett. In der Luft hängt der Gestank von Verwesung. Den Weg zum Ende rekonstruiert Michael Haneke in „Liebe“ mit der Präzision eines erfahrenen Regisseurs, der keine Scheu vor den Unerbittlichkeiten des Daseins zeigt. Die streng kadrierten Einstellungen sind dem Geschehen besonders angemessen, sie zeigen Respekt angesichts einer Intimität, vor der sich der Film nicht verschließen kann, es auch nicht will. Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne sehen wir nur in einer Szene zu Beginn öffentlich, als Teil des Publikums bei einem Konzert; ansonsten handelt es sich um ein Kammerspiel in einer Wohnung – dem Lebensbereich eines bürgerlichen Paares, das sich seine Liebe im Alter bewahrt hat. Die Blicke, die diese beiden Menschen einander immer wieder versichernd zuwerfen, erzählen die eigentliche Geschichte des Films.
Den Krankheitsverlauf entwirft Haneke in kleineren Ellipsen. Anne wirkt in einzelnen Situationen abwesend, sie erleidet schließlich einen Schlaganfall und bleibt halbseitig gelähmt. Das Miteinander des Paares ist plötzlich wie durch die Anwesenheit eines Dritten gestört: die Ahnung des nahen Todes. Außenstehende, selbst die eigene Tochter Eva (Isabelle Huppert), erlangen keinen Zutritt mehr in dieses Feld. Die Welt schrumpft zur Wohnung, in der die beiden nicht nur physisch gefordert sind.
Die Frage nach der angemessenen Ethik im Umgang mit Sterbenden ist in „Liebe“ bis zum dramatischen Finale von Bedeutung. Das Kunststück dieses Films, in dem jeder Ton und jede Geste stimmt, ist es jedoch, nie thesenhaft zu wirken. Keinen Moment lang verirrt sich hier jemand in Sentimentalitäten: Selbst als Anne einmal im Fotoalbum blättert und von der Schönheit des Lebens spricht, gibt Georges‘ Blick bloß eine tiefe Verunsicherung, ja, Panik wider. Haneke sieht der Endlichkeit des Lebens ins Auge – da scheint es fast paradox, dass „Liebe“ sein vielleicht umsichtigster Film geworden ist.

Text: Dominik Kamalzadeh

Foto: Quelle: Festival de Cannes 2012

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Liebe“ im Kino in Berlin

Liebe (Amour), Frankreich/Deutschland/Österreich 2012; Regie: Michael Haneke; Darsteller: Jean-Louis Trintignant (Georges), Emmanuelle Riva (Anne), Isabelle Huppert (Eva); 127 Minuten; FSK 12

Kinostart: 20. September

Lesen Sie hier: Jean-Louis Trintignant im Interview

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

[fbcomments]