• Lifestyle
  • 12 unschuldige Begriffe, die 2020 zum Unwort wurden

Jahresrückblick

12 unschuldige Begriffe, die 2020 zum Unwort wurden

Zu jedem sich dem Ende zuneigenden Jahr gehören Rückblicke. Dass dieses Jahr 2020 nun überhaupt endet, ist bemerkenswert, immerhin waren es die längsten fünf Wochen dieses Jahrhunderts. Der Irrsinn eines Jahres, in dem gleichzeitig zu viel und zu wenig passiert, kondensiert in Worten: Worte, die eigentlich allseits bekannt, bisweilen unverdächtig sind – und jetzt vielleicht für alle Zeit Unwort, so denn das nächste Jahr nicht schlimmer wird. 12 altbekannte Wörter, die wir nach 2020 definitiv nicht mehr hören/lesen wollen.


Klopapier

Zum Feste nur das Extrafeste, mit vier Lagen. Foto: Imago Images/Jan Huebner

Das größte Unwort voran: Kaum ein Gegenstand ist so profan, so normal, alltäglich wie Klopapier. Etwas, das alle brauchen, über das niemand spricht. Inzwischen sind alle erdenklichen Witze darüber auserzählt. Deutschland hat sich mutmaßlich von seiner analen Frühjahrsphase erholt und Klopapier ist endlich wieder alltäglicher geworden. Die Erinnerung an die leeren Regale aber bleibt, als Mahnung, dass der Verlust des Common Sense in Deutschland anscheinend auch die Schließmuskelfunktion beeinträchtigt. Immerhin: Mit den leeren Klopapierollen kann man schön basteln.


Hamsterkauf

Wenn selbst die teuren Konserven weg sind, ists kritisch. Foto: Imago Images/Action Pictures

Irgendwie geläufig, aber selten verwendetes Unwort: Der Hamsterkauf. Eigentlich stets mit einer Portion Selbstironie verwendet, wenn sich eine Person zum Lernen einschließt, eine Gruppe mit zwei Paletten Ravioli und der achtfachen Menge Bier für ein Festival vorsorgt. 

Ein bisschen Hamstern lag uns ja schon immer inne: Vor jedem verlängerten Wochenende, jedem Feiertag leerten sich die Supermarktregale. Das Ausmaß der pandemiebedingten Vorratskäufe hingegen hat viele von uns plötzlich auf die Vorstufe von Preppern gebracht. Hoffen wir darauf, dass die eingelagerten Mengen an Hefe, Mehl, Nudeln, Linsen, Bohnen, Fertigsuppen und Klopapier nicht von Motten zerfressen werden. Und uns nie wieder ein Virus so asozial werden lässt.


Verkaufsoffener Sonntag

Am Einkaufswesen soll die Wirtschaft genesen. Foto: Imago Images/Future Image

Die Abkehr vom deutschen Ladenschlussgesetz, die Entweihung des heiligen Sonntages, so selten ist sie nicht. Zumindest in Berlin ist gefühlt jedes zweite Wochenende irgendwo Verkaufsoffener. War, Verzeihung. 

Spitzfindige Ministerpräsidenten glaubten im Sonntagsshopping die Lösung aller Probleme zu sehen, ob der geforderte Sonntag je stattfand, war letztlich nicht mehr ganz nachzuvollziehen. Aber so generell: Wozu Spazierengehen, wenn wir auch konsumieren können? 


Die Wirtschaft

Wer oder was ist eigentlich diese Wirtschaft die wir alle sind? Foto: Imago Images/agefotostock

Falls jemand dachte, es ginge irgendwie um Menschenleben und Gesundheit, der irrt: Was wir auch tun, wir tun es für den Markt, seine unsichtbare Hand, seinen Korpus, bekannt als Unwort „Die Wirtschaft“. Ihr zuliebe müssen wir die Alten und Schwachen wegsperren, müssen wir einkaufen und bestellen, müssen wir das Wachstum aufrecht erhalten. Schulen und Kitas bleiben übrigens auch für die Wirtschaft offen, eine andere Bedeutung hat das Bildungssystem nicht. Wieder was gelernt.


Händewaschen

Endlich gelernt: Mindestens 20 Sekunden, Zwischenräume, Handrücken… Foto: Imago Images/Cavan Images

Noch so etwas, was jede*r in der Kindheit von der Pike auf lernt, dessen Abläufe vor allem bei Männern aber anscheinend anderen Fertigkeiten geopfert werden, zum Beispiel Flaschen mit allem öffnen, was sich so anbietet. Eigentlich spitze, dass wir von Ursula von der Leyen nochmal ein Lehrvideo zum oft vergessenen, aber umso wichtigeren Alltagsvorgang bekommen haben. Ob jetzt wirklich alle wissen, wie man Hände wäscht, ist unklar. Dafür hat sich die Melodie von „Freude schöner Götterfunken“ bis in alle Ewigkeit ins Gedächtnis eingebrannt.


Lüften

Nicht ganz so sophisticated wie die Fenstertechnologie: Lüften als Unterrichtskonzept. Foto: Imago Images/Mattias Christ

Deutschland, das Land des Lüftens. Etwas, was wir daheim zu selten machen, obwohl es sogar in jedem Mietvertrag festgeschrieben ist. Sogar der Guardian brachte im Sommer ein Stück über die Kunst der Ventilation als Strategie gegen das Virus, dessen Namen wir nicht nennen wollen. Wir lernten: „In Germany, windows are designed with sophisticated hinge Technology that allows […] varying Regress of Lüften.“

Was wir nicht lernten: Dass dies nicht unbedingt eine praktikable Strategie für Schulen im Winter ist. 


Welle

Hier ein Wellenbrecher, der seinen Job erledigt. Foto: Imago Images/CHROMORANGE

Früher gabs Wellenbäder, Wellenreiten, es gab die Welle als Buch, als irgendwie sehr deutschen Spielfilm, als Hufeisentheorie schwingenden Serienversuch auf Netflix. Unausweichliche Pop-Rockbands suchten „die perfekte Welle“. Das mit Salzwasser überspült werden und Sandfäden zwischen den Füßen hinterlassende Zurückziehen der Gischt irgendwo zwischen Kindheit- und Urlaubserinnerung.

Nun haben wir Infektionswellen, davon eine erste, eine zweite, immer noch anhaltende Dauerwelle, Wellenbrecher, die nicht recht wirken, Aussicht auf die Dritte; jedes Überwinden einer Welle impliziert irgendwie auch stets die Ankunft der nächsten.


Online/Digital/Stream

Auch ein Bergfluss ist im Englischen ein Stream, ein Bild von Bildschirmen brauchts nun wirklich nicht noch. Foto: Imago Images/agefotostock

Die Unschuldigkeit des Internetangebots ist endgültig dahin. Netflix & Chill ist zwar auch nur eine Chiffre für die Frage, ob man noch auf einen Kaffee mit hochkommen möchte. Potentiell starren wir aber nun einsam auf Bildschirme, darauf Serien, die wir bereits vor Jahren in einem Wochenende durchgebinged haben.

Die verheißungsvolle digitalisierte Zukunft, auf einmal ist sie da. Arbeit via Videocall, Konzerte, Theater, Familientreffen, Rausch mit Freunden, alles. Eigentlich braucht’s dringend einen Digital-Detox.


Spazieren

Trendet nicht nur unter Hundebesitzer*innen und Maskengegnern: Der Spaziergang. Foto: Imago Images/PA Images

Wirklich regelmäßig einen Spaziergang machten bis zu diesem Jahr allenfalls pflichtschuldig Hundebesitzer*innen. Nun erlebte die vom Aussterben bedrohte Kulturtechnik eine Renaissance sondergleichen. Gut für die Psyche, für den Kreislauf, gut für soziale Kontakte. Wen wir auch treffen, Freund*innen, Kolleg*innen, potentielle Liebschaften, ein Spaziergang ist das Maß der Dinge. Was auch sonst, wenn alles geschlossen hat? Cafés, Bars, Kneipen, Restaurants, sie fehlen dennoch. Wer immer noch keine passende Strecke gefunden hat, findet hier 12 schöne Spaziergänge durch Berlin.

Und dann wäre da noch die Gruppe der Solidaritätsverweigernden, die ihre kollektive Gefährdung anderer gern auch Spaziergang nennen.


Telegram

Vom Kochbuchautor zum Internetgiftmischer, Telegram machts möglich. Foto: Imago Images/Carsten Thesing

Der Messengerdienst Telegram etablierte sich mehr und mehr wegen seiner Datensicherheit, Verschlüsselung, seiner Anonymität. Er galt als sichere Alternative zum omnipräsenten WhatsApp. Und nun gilt es auch als Brutstätte von Verschwörungsideologien, Rassismus, Impfgegnerschaft und anderen Abgründen.

Die Telegramgruppen verlorener Popsternchen, veganer Köche, abgehalfterter Schlagersänger und anderer Rattenfänger sind Ausdruck des Wahns und von Radikalisierung geworden. Unort und Unwort gleichermaßen – Der Satz „Ich bin jetzt auf Telegram“ wirkt plötzlich nicht mehr fortschrittlich, sondern verdächtig.


Home Office

Auch nicht immer toll: Vom Bett aus arbeiten. Imago Images/Hans Lucas

Bis dato eigentlich eine Utopie, dieses Home Office. Remote ging so garnichts, jeder Termin musste in Person wahrgenommen werden, die Arbeitsstätte als Gebot heiliger als der Sonntag. Nun ists plötzliche Realität, der Spruch über Meetings, die eine Mail hätten sein können ebenso. Und es zeigt sich: Mit Kindern, Wäschebergen und wenig Abstand zwischen Bett, Sofa und Schreibtisch (den auch nicht alle besitzen) produktiv sein, ist doch gar nicht so einfach, es fällt auch schnell mal die Decke auf den Kopf.


Ischgl

„Saufen bis der Arzt kommt“ bekam in Ischgl eine etwas andere Bedeutung. Foto: Imago Images/Roland Mühlanger

Nicht, dass Skikultur etwas besonders Erhabenes gewesen wäre, die Realität aus Kitzbühel, St. Moritz und Ischgl wirkt letztlich auch nur wie eine Art winterliches Betuchten-Ballermann. Vom Hotspot zum ersten Unwort des Jahres. Die Hüttengaudi der Vielgereisten erwies sich im Frühjahr als Virenumschlagplatz, der Ort fühlt sich zu unrecht diskriminiert. Und Österreich? Macht sich die Message des Wahnwendlers gemein – Pandemie egal, Wintersport ahoi. Ob Lifte und Hütten öffnen, ist die andere Frage.


Mehr Jahresrückblick

Mit Weihnachten hat es sich weitestgehend erledigt, oder? Nein, ein bisschen Weihnachtszauber ist in Berlin auch 2020 möglich. Wer zu seinem persönlichen Jahresrückblick noch den einen oder anderen Corona-Test hinzufügen will, kann hier in Berlin Schnelltests bekommen. Und ein eher beschämender Höhepunkt im Polizei-Jahr war, als die Behörde erklärte, man habe einen illegalen Club entdeckt. Fakten gegen Likes, diese Entscheidung traf die Polizei Berlin nicht immer richtig.

Berlin am besten erleben
Dein wöchentlicher Newsletter für Kultur, Genuss und Stadtleben
Newsletter preview on iPad